Über Königinnen der Selbstzerfleischung und Anfänger, die meinen alles zu können.

Reiten lernen ist schwer genug, sich selbst nicht ganz ernst zu nehmen hilft da sehr. Sorry für den genervten Pferdeblick – Fee hatte keine Lust mehr. Und hat es dennoch brav mitgemacht. Danke, Du da oben. Foto: Klara Freitag

 

Weshalb sich Halb-Könner im Reiten gern überschätzen. Und Könner gern jedes Bild von sich auf dem Pferd mit Argusaugen betrachten.  

„Also Reiten, das ist echt einfach!“ erzählte mir mal jemand, der gerade im Stande war, sich im Schritt, Trab und Galopp im Sattel zu halten. Das andere Extrem begegnete mir erst vor zwei Wochen: „Ich bin ja schon schlimm, aber meine neue Ausbilderin ist wirklich die Königin der Selbstzerfleischung!“ erzählte mir eine sehr gute Reiterin.

 

Genau diese beiden Extreme begegnen einem ständig im Reiterleben. Je mehr man weiß und lernt, desto mehr wird einem klar, wie weit der eigene Weg noch ist.

 

Die Lösung: Der Dunning-Kruger-Effekt
Letztens im Radio hörte ich von einer psychologischen Theorie, die genau diese beiden Aussagen erklärt: Den Dunning-Kruger-Effekt. Der besagt, dass je weniger Ahnung jemand von einem Thema hat, desto mehr überschätze er seine eigene Fähigkeiten. Zugleich unterschätze er die Fähigkeiten von Experten oder erfahreneren Personen. Ich konnte innerlich nur ausdauernd nicken –  denn dass ist es doch genau, was da bei den Reitern abläuft.

 

Was bei Schachspielen, Autofahren und Reiten gleich ist
Reiter testeten die beiden Forscher nicht. Justin Kruger und David Dunning nahmen sich zum Beispiel das Schachspielen oder Autofahren vor. Sie fanden heraus, dass unwissende Leute mehr Selbstvertrauen hatten als erfahrenere, mit mehr Wissen ausgestattete Testpersonen. Die Unerfahrenen überschätzten sich, erkannten überlegene Fähigkeiten bei anderen nicht und auch nicht das Ausmaß ihrer eigenen Unwissenheit. Bei Reitern, so mein Eindruck, passiert das aber nicht nur den blutigen Anfängern. Wohl jeder, der unterrichtet, kennt Phasen seiner Reitschüler, in denen sie nicht abschätzen können, wie weit sie noch vom Ziel entfernt sind. Oder, im Gegensatz dazu, den tatsächlichen Meilenstein nicht wahrnehmen. Weil er vielleicht unbedeutend erscheint, aber so wichtig für alles weitere ist.

 

Diese Studie passt doch irgendwie sehr zum Reiten. Je mehr man lernt, desto mehr weiß man, was noch alles fehlt.

 

Deshalb mag ich dieses berühmte Sokrates-Zitat so:

Ich weiß, dass ich nichts weiß.

 

Denn das macht offen fürs ständige Weiterlernen, und das brauchen wir Reiter so sehr. Fast alle, fast immer wieder.

 

P.S.: In der sehr zu empfehlenden Ausgabe der Feinen Hilfen über so genannte Problempferde erzählen erfahrene Ausbilder von den Pferden, die sehr anspruchsvoll für sie waren. Darin schreibt zum Beispiel Bent Branderup, dass ein Leben eh‘ nicht reicht, um Reiten zu lernen. Solche Gedanken haben also auch Leute, die schon sehr viele Pferde und Ausbildungsstunden in  ihrem Leben auf dem Zettel haben (keine Werbung, sondern meine aufrichtige Meinung!).

Weshalb Pferde mit viel Qualität es schwerer haben

Ailena und Chamonix. Die beiden Stuten, die unterschiedlicher nicht sein können, doch beide unglaublich toll sind. Wären da bloß nur nicht meine Erwartungen!  Foto: Klara Freitag

 

 

Wir Reiter wollen das Beste fürs Pferd  – doch unterbewusst gibt es Erwartungen, die im Weg stehen können. Eine Analyse, bei der ich nicht so gut wegkomme. 

Seit einigen Monaten arbeite ich mit den zwei neuen Stuten. Einer Warmblutstute, Ailena, einer Reitponystute, Chamonix. Die eine von einer Freundin, die andere meine eigene. Vor einigen Wochen fiel mir auf, dass meine Beziehung zu beiden sehr unterschiedlich ist. Also habe ich mal analysiert – und musste mich danach selbst ganz schön korrigieren. 

 

Also, Fall 1, Warmblutstute, Springpferd, wenig dressurausgebildet, sehr unausbalanciert, sehr schief, sehr lang, wenig Muskeln. Hatte zuvor keine stetige Bezugsperson. Vom Geiste her anfangs der Typ Befehlsempfänger ohne eigenen Ideen. Immer sehr bemüht, alles recht zu machen.

 

So ging ich damit um:

Ich machte klitzekleine Schritte.

Ich lobte sehr häufig.

Ich setzte alle Aufgaben wie ein Baukastensystem extrem kleinschrittig zusammen, und hielt alles immer leicht und einfach.

Ich nahm mir Zeit, zu erkunden, was sie mochte.

Ich hatte immer im Hinterkopf: Sie kennt das alles anders. Mal sehen, was das werden kann.

Ohne irgendeine Erwartung.

 

Sie wurde immer eifriger, macht den Eindruck, stolz auf sich zu sein, sie ist weitaus ausbalancierter als zuvor und denkt inzwischen mit. Sie mag mich.

 

Es gibt Momente, da fühlt es sich schon ganz nett an. Foto: Klara Freitag

 

Fall 2, Reitponystute aus guten Händen, Jungpferdeprüfungen gegangen, dann Fohlenpause. Keine körperlichen Schwierigkeiten, viel Bewegung, locker, wenig schief, fröhlich, zugewandt. Ein wirklich gutes Dressurpony.

 

Das machte ich mit ihr:

Ich legte vor allem Wert darauf, sie wieder aufzutrainieren.

Nach zwei Jahren Pause hatte ich vor allem den Körper im Blick: Rücken- und Bauchmuskulatur wieder formen, deutlich abspecken lassen.

Ich wusste, die hatte es immer gut gehabt, und dieses Pony hat sehr viel Potential.

Ich erwartete mehr. Natürlich war ich fair zu ihr, wie zu allen Pferden: Ich lobte, ich wog ab, ich machte nicht zu viel auf einmal.

Im Hinterkopf jedoch war: Hoffentlich werde ich diesem Potential gerecht. Und: Ich möchte daraus ein Kinderpony machen, und zwar nicht erst in drei Jahren.

 

Meine Erwartung war: Durchaus da. Und nicht gerade gering.

Auch wenn ich mit mir selbst nicht ganz zufrieden bin: Ich bin echt stolz auf diese beiden! Das ist Chamonix mit Dana. Dana war schon Fees Reitbeteiligung. Fees Tod war natürlich auch für sie schlimm. Chamonix musste sie sich einmal ansehen – und dann wollte sie sie doch gern reiten! Und die beiden passen soooo toll zusammen!

 

Qualität verführt uns Menschen

Nach einigen Monaten nun gucke ich meine zwei Damen an. Und sehe, dass meine Erwartung, die ich natürlich eigentlich ja gar nicht haben will oder auf jeden Fall nicht so unterschiedlich haben will, einiges beeinflusst hat. Ich stelle fest, dass mein Pony lieber mit anderen schmust, als mit mir. Kein schönes Gefühl. Und ich stellte fest, dass die große Stute mitkommen möchte, wenn ich das Pony für die Arbeit reinhole, und zuguckt manchmal, wenn ich etwas mit dem Pony mache.  Die große Stute ist weitaus schlauer, als ich das anfangs dachte, beginnt immer mehr mitzudenken und Dinge von sich aus anzubieten. Auch das Pony hat sich positiv verändert, geht schöner als anfangs. Aber die Beziehung zur großen Stute ist eine engere als zum Pony. Das machte mich sehr nachdenklich. Und auch traurig.

 

Ich glaube, dass das ein Muster ist, was nicht nur ich habe. Viel Potential, gutes Pferdematerial verführt uns Menschen schnell, mehr zu erwarten. Es ist eine Verführung, die null Komma null gut für das Pferd oder für uns ist.

 

Zielorientiert oder Beziehungsorientiert?

Ich habe die Ponystute nie zu hart angepackt – aber ich habe das Vorankommen über die Beziehung gestellt. Ich war in erster Linie zielorientiert. Dabei wäre mir fast das Wichtigste abhanden gekommen, worum man ja ein eigenes Pferd hat: Vertrautheit, irgendwann.

 

Bei der großen Stute, die weder körperlich noch von ihrer Vergangenheit her vermuten lässt, dass mit ihr großes dressurtechnisch möglich ist, waren meine Erwartungen ganz klein. Genau das hat alles so leicht gemacht, so viel Freude geschenkt, weil jeder kleine Schritt eine Welt war. Diese Freude hat sie bemerkt und ist immer besser geworden.

 

Das Ganze habe ich vor einigen Wochen festgestellt und mir vorgenommen, dass mein Pony das nicht verdient hat. Es ist unfair, nur weil sie gut ist, nicht auch jede Kleinigkeit zu feiern.

Es ist okay, nicht herausragend zu sein

Schließlich gilt es ja nichts zu beweisen – wir haben alle Zeit der Welt, und wenn sie erst in einem Jahr oder so wirklich wieder optimal da steht, muskulär, dann ist das eben so. Und auch, wenn andere Leute dieses Pferd weitaus besser vorstellen oder reiten oder ausbilden könnten als ich – es ist meine, und darum geht es. Es ist okay, nicht herausragend zu sein. Es ist aber nicht okay, nicht das Beste zu wollen. Das beinhaltet übrigends, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und sich auch selbst immer weiter schulen zu lassen. Hungrig nach Wissen zu sein und zu bleiben!

 

Von da an habe ich mir mehr Zeit für sie genommen.

 

Mehr Zeit auf dem Paddock mit ihr, mehr Zeit zum Putzen, habe sie auch ohne Arbeit mal besucht und einfach versucht, meine Erwartungen komplett runter zu schrauben. Nicht einfach, weil so etwas ja nur zum Teil im Bewusstsein abläuft.

 

Sie zu prüfen, die unterbewussten Erwartungen sind der erste Schritt, um wirklich offen zu sein, glaube ich. Auch wenn sich das nicht schön anfühlt.

 

Mir ist dazu noch ein Gespräch von vor vielen Jahren eingefallen. Eine Ausbilderin erzählte mir, dass sie die Einheiten stets sehr kurz hält, seit sie mal mit einem Kaltblüter gearbeitet habe. Sie hielt dieses Pferd anfangs für wenig intelligent und mit wenig körperlichen Möglichkeiten ausgestattet. Deshalb hielt sie alle Einheiten kurz und zerlegte Neues in allerkleinste Minischritte. Um schnell zum Loben zu kommen, um einfach Erfolgserlebnisse zu produzieren. Diese Kaltblutstute wurde schließlich ihre Musterschülerin. Sie lernte schnell und weitaus mehr, als die Ausbilderin je zu hoffen gewagt hatte.

 

So kleinschrittig wie möglich, und ohne Erwartungen. Mein neuer Vorsatz.

Die Aktion #BetterHorsesport

 

Was ist #BetterHorsesport?

Eine Initiative für guten Pferdesport.

Wofür steht #BetterHorsesport?

Dafür, dass Spitzensport so ordentlich und pferdefreundlich ablaufen soll, dass auch jeder Laie sieht, dass hier Pferdefreunde zugange sind. Im Klartext: Null Toleranz bei schlechtem (Ab-)reiten! Keine Diskussionen über die Veränderung der Blood Rule! Diese wird nämlich gerade bei der FEI, dem Weltreiterverband, neu ausdiskutiert – sie besagt, dass sobald Blut am Pferd zu sehen ist, die Prüfung für das Paar beendet ist.

Solche Diskussionen fallen nämlich auf uns alle zurück. Wir Reiter, Pferdehalter und Pferdeliebhaber wollen das nicht!

Wir möchten einen tatsächlich vorzeigbaren und sauberen Sport, damit jedem, auch jedem Laien, klar ist, dass wir Reiter Pferdeliebhaber sind.

Denn was im Sport und vor allem Spitzensport passiert, steht für die ganze Szene.

Wie entstand die Aktion?

Nach dem CHIO Aachen zeigte der WDR ein Quarks & Co Video, das Missständnisse anprangerte. Während die Reiter untereinander stritten, wie schlimm das Gezeigte denn nun sei oder nicht, passierte gleichzeitig etwas Gravierendes. Die Nichtreiter-Kommentare zum WDR-Beitrag waren nämlich extrem besorgniserregend: Reiten ist Tierquälen, in diese Richtung ging das häufig. Völlig undifferenziert, um welche Art von Reiten es geht. Das schockte mich sehr. Denn so geht es uns alle an:

Wenn der Spitzen-Reitsport die öffentliche Akzeptanz von Reiten und Pferdehaltung verspielt, haben wir, alle Reiter, ein echtes Problem.

Das erklärte ich in einem spontan aufgenommenem Video-Kommentar auf facebook, der von mehr als 70.000 Leuten angesehen wurde. Daraufhin entstand der Hashtag #BetterHorsesport. Schon eine Woche später waren wieder ähnliche Kommentare von Nicht-Reitern zu lesen – die sich zurecht aufregten, als in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel von Gabriele Pochhammer zur Blood-Rule-Diskussion erschien. Ein Lehrstück, wie sich ein Sport selbst ins Abseits befördert, ohne es zu merken.

Was soll sich denn ändern?

Unsere Meinung soll sichtbar werden! Jeder Reitsportler, jeder Pferdemensch, der den Gedanken teilen kann, kann das ganz simpel äußern, wenn er den Hashtag #BetterHorsesport nutzt. Um Fotos zu kennzeichnen, um Meinungen zu äußern. Wir Reiter und Pferdehalter sind Millionen! Lasst uns das zeigen – und so für guten Sport einstehen.

Was die Initiative NICHT ist
Achtung: #BetterHorsesport soll keine Brandmarkung für schlechtes Reiten werden! Markiert also bitte nicht die gruseligsten Ritte und Fotos damit! Wir möchten klar machen, dass wir mehr gute Bilder wollen und natürlich auch weniger Toleranz für schlechtes Reiten. Genau deshalb soll #BetterHorsesport zeigen, was es Gutes gibt und das in den Mittelpunkt rücken.

Nutzt den Hashtag #BetterHorsesport um ein Zeichen zu setzen! Für gutes Reiten & das Belohnen guter Ritte! Für null Toleranz bei schlechtem (Ab-)reiten! Das fällt nämlich auf uns alle zurück, wenn es um Nichtreiter vs Reiter geht. Damit jeder sehen kann, dass es wirklich um #twohearts geht, und das nicht bloß Worte sind!

 

 

Was kannst Du mit #BetterHorsesport posten?

Ganz simpel: Wenn Du die Idee gut findest, dann poste Deine Pferdebilder oder –texte mit #BetterHorsesport. Damit trittst Du für diese Idee ein setzt schon ein Zeichen!

 

Was ich selbst mit #BetterHorsesport posten werde:

Auf meinen Seiten wird es jetzt immer donnerstags einen Wunsch an den Turniersport geben, den ich mit dem Hashtag #BetterHorsesport kennzeichne. Der erste lautet: „Ich bin Reiter und kein Tierquäler! … und deshalb möchte ich, dass im Pferdesport ausschließlich fair und tierfreundlich geritten wird!“ Jede Woche werde ich eine neue Forderung, oder einen neuen Wunsch für einen besseren Sport formulieren. Dieses erste Zitat werde ich ebenso immer mal wieder ins Gedächtnis bringen und noch mal posten, denn es ist die Essenz.

Macht gern mit! Das ist so etwas wie eine Mahnwache: Donnerstags im Netz daran erinnern, wie es denn sein sollte, eigentlich.

 

Partner geben Preise

Einige Firmen und Unternehmen haben Ihre Unterstützung schon zugesagt, diese Initiative groß werden zu lassen! Und daher kann ich Euch empfehlen, ab heute täglich #BetterHorsesport zu posten und auch aktiv zu suchen, denn ab heute starten Gewinnspiele für alle, die den Hashtag nutzen. Den Anfang macht das Magazin FEINE HILFEN, dann der Onlineshop PROCAVALLO, dann folgt die Filmfirma PFERDIA  und der Onlineshop RECOLIFE. Die Namen der weiteren Unterstützer werde ich nach und nach ergänzen. Alle Gewinnspielbedingungen sind jeweils beim stiftenden Partner einzusehen, ich werde die Posts natürlich auch auf der Blogseite auf facebook teilen.

Wann darf schlechtes Reiten ein Thema sein

Schönes Reiten, unschönes Reiten, zu eng, oder was? Um es ganz deutlich zu sagen: Dies ist ein Symbolbild – geschickt gemacht, die Bäume spenden hier perfekte Anonymität. Foto: Klara Freitag

 

Glaubt es, oder nicht: Diesen Text habe ich vor drei Monaten geschrieben, aber erst mal nur auf der pferdiathek veröffentlicht, weil ich die facebook-Diskussion um ein zu eng gerittenes Pferd auf meiner Blogseite nicht zusätzlich anheizen wollte. Und jetzt kann ich kaum selbst glauben, wie aktuell er plötzlich wieder ist. Denn gerade, nach dem Quarks & Co Beitrag zum Abreiteplatz in Aachen, nach meinem viral gegangenen Kommentar dazu und zu einem unsäglichen PETA-Artikel, nach der Stellungnahme vieler, kursieren so viele Meinungen und Stimmungsmache auf den Reiterseiten herum, Wahnsinn. (Wer das auf Facebook verpasst hat, bitte HIER schauen)
Wie schrieb Annette, in einem Kommentar auf meiner Blog-Facebookseite?  Facebook sei, sobald es um kontroverse Themen ginge, „ein Sammelort für selbsternannte Reiter-, Pferde- und Tierschutzpolizei.“ Genau darum geht’s hier auch.

 

Vor wenigen Tagen ist auf meiner facebook-Seite etwas passiert, das mich nochmal sehr zum Nachdenken gebracht hat. Ich habe das Video eines Hengstes gepostet, der mir persönlich sehr gut gefällt. Ein Pferd, das einfach aussah, als ob es viel Freude machen würde, den zu reiten. Locker, sich anbietend, mit einer durchschwingenden Aktivität durch den Körper. Die Kommentare dazu gingen kaum in die Richtung, wie gut man das Pferd findet. Es ging sofort um die Reitweise. Der Hengst war hinter der Senkrechten.

 

Habe ich auch gesehen. Nur war es mir in dem Moment nicht wichtig.

 

Geht das? Darf man das? So etwas mal nicht zum Thema machen?

Wohlbemerkt: Keine Rollkur oder so etwas. Kein unfaires Reiten. Sondern schlicht: Deutlich hinter der Senkrechten.

 

Ich finde ja.

Viele andere fanden das nicht.

 

Die Nasenlinie ist nicht alles

Meine Gründe für mein Schweigen: Keiner kennt die Umstände, warum dieses Pferd in der Situation wie geht. Und: Es gibt weitaus mehr Kriterien, als nur die Nasenlinie. (Dazu fällt mir ein Gespräch ein: Dressurausbilder Jan Nivelle hat mir als erstes mal gesagt, dass er es furchtbar fände, dass viele Menschen eben nur noch auf Kopf und Halshaltung gucken. Ohne das Gesamtbild zu sehen, ohne nach Rücken, Elastizität und einem funktionalem Hinterbein zu schauen. Ein so wichtiger Gedanke, den man inzwischen Gott sei Dank häufiger hört!)

Details oder das Gesamtbild: Ob man etwas herauspickt, oder das große Ganze einzuordnen weiss, ist ein riesengroßer Unterschied. Foto: Klara Freitag

 

Wenn man das so sagt oder aufschreibt, wie ich gerade, kann ich mir die Gegenargumente schon gut vorstellen: Der reinen Lehre wegen darauf hinweisen, immer wieder, sobald es auftritt! Und der Blickschulung wegen so etwas stets kommentieren – damit die Menschen nicht auf die Idee kommen, das wäre der Normalzustand.

 

„Welt, ich weiß was!“

Natürlich haben diese Argumente ihre Berechtigung. Es ist wichtig, zu wissen, wie es aussehen sollte. Und welche Nachteile ein Abweichen von diesem Ziel oder der Idealvorstellung hat. Doch wie sich später herausstellte, saß auf diesem Pferd eine Privatperson. Kein Profi. Jemand wie Du und ich, der eben stolz auf seinem Pferd zeigte, wie brav und elastisch das junge Pferd schon seine ersten Runden drehte.

 

Mir gefällt es einfach nicht, sofort zu schreien: „Ich weiß was! Das Pferd geht zu eng, schrecklich, furchtbar!“ Ohne dazu zu sagen: „Oh wie elastisch, oh wie schön schwingt der!“ Oder ähnliches. Denn wenn ich in der Reiterwelt permanent mit dem Finger auf jeden Fehler zeige, bringe ich so viel Negatives hinein.

 

Keine Gnade für Profis

Es gibt Ausnahmen für mich. Ich berichte vorwiegend über die ganz großen Prüfungen, also Europameisterschaften oder Weltreiterspiele, oder die Olympischen Spiele, also dann, wenn dieser Sport auch für Nichtreiter interessant wird. Da bin ich streng, denn: Das sind unsere Aushängeschilder. Die der gesamten Reiterei. Ich schone niemanden, und das nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil ich davon überzeugt bin, dass das meine Aufgabe ist als Journalistin. Hinzusehen, und so neutral wie es einem menschlichen Wesen möglich ist, von dem Guten und dem Schlechten zu erzählen. Fair. Dennoch ist es mir klar, dass diese Reiter auch Menschen sind, und es zu Kränkungen kommen kann. Doch das darf in diesem Kontext keine Rolle spielen, vorausgesetzt, ich habe fair gearbeitet. Das ist so ähnlich, wie bei den Promis in anderen Bereichen: Der Preis für Öffentlichkeit ist, dass man sich dem Urteil von außen stellt.

 

VON TÜDDLERN UND EXTREMSPORTLERN

Und auch jenseits von social media finde ich Toleranz wichtig. Auch wenn es mir natürlich um die Pferde geht und deren Wohlbefinden. Ich mag aber auch so manche Menschen gern. Ich habe Freunde und Bekannte, die anders reiten als ich und auch deutlich anderes anstreben.

 

Beschissen Bemuskelt

Ich kenne und schätze Menschen, die ihr Pferd kaum reiten und nur tüddeln. Deren Pferde beschissen bemuskelt sind. Ich kenne und schätze Menschen, die einer Schleife nach der anderen nachjagen. Deren Pferde für mich nicht reel ausgebildet sind. Ich kenne und schätze Menschen, die ihr Leben nach dem Turniersport ausrichten. Was mir ein viel zu hoher Preis wäre.

Was sie eint, ist eine gute Intention. Der Wille, für ihre Pferde das Beste zu wollen. Ein Gefühl. So verschieden sie sind, und egal, ob ich das, was da gemacht wird, gut heiße oder nicht: Sie alle haben eine wahre Beziehung zu ihren Pferden. Und damit meine ich keine Lippenbekenntnisse á la ‚He is a happy athlete’. Ihre Zuneigung ist echt. Dieses Gefühl, das zählt.

Ohne diese Grundqualität würde es mir schwer fallen, mit ihnen befreundet zu sein. Wahrscheinlich ginge das gar nicht.

Ich glaube, dass die Pferde das genauso sehen. Sie spüren das und nehmen dafür viel in Kauf. Es sind so unsagbar verzeihende Tiere, wenn die Intention stimmt.

Demut kommt vor dem Urteil

Außerdem haben mich die Jahre im Reitsport, als Journalistin und als Reiterin, ziemlich demütig gemacht. Ich versuche, sehr spät zu urteilen. Ich weiß um meine eigenen Baustellen, um meine eigenen Unzulänglichkeiten. Wie gerne würde ich in meinem Privatleben eine bessere Reiterin sein! Und wie oft muss man hinschauen, um tatsächlich zu verstehen, welcher Ausbildungsphilosophie jemand folgt. Damit meine ich nicht das simple Einordnen in Schubladen (Akademisch / Klassisch Deutsch / Französisch-portugiesisch zum Beispiel). Es geht mir um das viel Diffizilere.

Aber auch schon bei den unterschiedlichen Methodiken hilft manchmal ein bisschen mehr Demut und Respekt für das Tun der anderen. Kann ich auch nicht immer. Ein Beispiel dafür habe ich hier aufgeschrieben, da ging es um die Akademische Reitweise. Ein anderes Beispiel, wieder Jan Nivelle: Mit ihm habe ich auch über die Schöneichsche Schiefentherapie gesprochen. Auch die wusste er einzuordnen. Eine Longiermethodik, die die Schiefe des Pferdes auf recht ungewöhnliche Art und Weise korrigiert. Das ist nämlich auch etwas, wo viele Reiter schreiend weglaufen oder direkt sektenähnliche Anhänger werden. Beides ist Blödsinn.

Dieses Offen bleiben und nicht nur einmal hingucken, Kopf schütteln, etwas abfälliges sagen, und weiterziehen, das ist mir immens wichtig.

Das trifft eben auch auf das Video mit dem Hengst zu. Was weiß man schon über diese beiden in dem Video? Wie der Hengst heißt und wo er steht. Mehr nicht.

 

Unabdingbar: Augenschule

Ein komplett anderes Thema sind unsere Sehgewohnheiten. Hier herrscht wirklich Aufklärungsbedarf: Was ist korrekt und was nicht? Zu oft wird beispielsweise über einen falschen Knick hinweggesehen, ob auf Prospekten, in hohen Prüfungen durch die Richter oder auf Bildmaterial in einschlägigen Magazinen. Hier ist die Lücke und der Fehler. Da muss sich etwas tun, in Richtung Augenschule.

 

Vielleicht denken so einige: Aber genau deshalb schreibe ich doch, wenn ein Pferd hinter der Senkrechten geht, um das zu ändern! Das kann eine Position sein. Nur denkt doch mal darüber nach, wie es dem Reiter, dem ich jetzt einfach mal unterstelle, dass er seinem Pferd Gutes möchte, geht, wenn da ärgerliche Smileys und Worte wie „Schrecklich!“ gepostet werden. „Schönes Pferd, würde mir wünschen er wäre im Genick offener“, hört sich schon ganz anders an, oder?

 

Es versuchen, besser zu machen

Die Reiter, die ziemlich weit oben mitmischen und die wirklich schön reiten, haben häufig eine Richtlinie für sich selbst: Nicht die Kollegen kritisieren, sondern einfach für sich selbst was anderes zeigen. Das mag zu einem großen Teil auch einfach Selbstschutz in einem Haifischbecken sein. Aber es trägt auch dazu bei, dass die positive Energie bei einem selbst bleibt, und nicht von Negativem überlagert wird. Das tut nämlich langfristig niemandem gut. Dann ist es eben nur gut gemeint, aber nicht gut.

 

Widerliches Gutmenschentum?

Ich finde diese Maxime auch für Otto Normalreiter passend. Ich versuche, mich danach zu richten. So gut wie möglich selbst etwas tun, an mir zu arbeiten. Nur etwas ungefragt zu sagen, wenn es für mich in Richtung tierschutzrechtlich relevant geht (und dann aber laut und deutlich). Und zwar egal, ob das auf einer Sozialen Plattform oder im echten Leben passiert. Das mag jetzt sehr nach Gutmensch klingen. Natürlich schaffe ich das nicht immer. Aber ich bin mir dessen wenigstens bewusst und versuche, es so zu handhaben.

 

P.S.: Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Dieser Text hier dient nicht als Rechtfertigung für schlechtes Reiten, in welcher Facette sie auch daher kommen mag. Ich möchte hier niemanden in Schutz nehmen, der beschissen reitet. Selbst an sich arbeiten, fleißig sein, den Pferden zuliebe, sich bilden und ausbilden lassen: Das finde ich wichtig. Und zugleich gnädig sein – sich selbst und anderen gegenüber. Vielleicht ist das die Essenz des Ganzen.

 

 

Freiheitsdressur: Kerstin Brein & ihre Ponies

Diese Freiheitsdressur mag ich besonders gern: Kerstin Breins Welshponies sind einfach entzückend. Als ich sie auf dem Vorbereitungsplatz in Aachen entdeckte, wie sie da fünf Ponies longierte, zwischen Kutschen, Iberischen Dressurpferden und jede Menge Gewusel,  war die Begeisterung groß.

 

Bei der Show vom CHIO Aachen, Pferd und Sinfonie, stellte sie ihre Ponies vor. Und natürlich habe ich schnell die Gelegenheit genutzt, sie zu interviewen. Diesmal als Video, das  findet Ihr HIER auf der facebook-Seite zum Blog. Damit ihr eine Idee habt, warum ich sie mir gern anschaue mit den Ponies, hat  Klara Freitag wunderbare Fotos gemacht. Wer hier öfters mitliest, weiß, dass ich ein Ponyliebhaber bin. Wie kann man sowas nur nicht unendlich hübsch finden?  Wie lebendig gewordene Schleich-Ponys.

Gefragt habe ich sie im Interview:

  • Wie beginnt man am besten mit dem eigenen Pferd, wenn man in Richtung Freiheitsdressur arbeiten möchte?
  • Welche Philosophie verfolgt sie, bzw. was ist Druck für sie?
  • Kommt es vor allem aufs Timing an?
  • Braucht es als Mensch vor allem Talent? Oder ist das erlernbar?
  • Sie gibt Kurse, welches Level haben die Leute, die da hinkommen?
  • Wer hat sie beeinflußt?

Als ich das Telefon zum Filmen schon aus hatte, fragte ich sie noch, was sie macht, wenn etwas schief geht. „Vor allem: Lächeln!“ sagte sie. Je mehr schief geht, je mehr muss man lachen. In Aachen war zum Beispiel die Musik 40 Sekunden kürzer als gedacht. Da hätte sie eben einfach früher aufhören müssen und sich schon vor Ende ihres Programms verbeugen müssen.

Ihre Website ist übrigens diese hier: www.kerstin-brein.com, auch auf youtube sind ein paar Videos ihrer Arbeit zu sehen, guckt mal HIER!

Eine Rasselbande, so wirkten die Ponies. Mal eben kurz den Nachbarn zwicken, und dann wieder konzentriert beim Menschen sein, wenn es drauf ankommt. Ponys eben!

Sehr herzlich und direkt: Das gefällt mir an Kerstin Brein. Im Interview hat sie erklärt, dass das Gefühl, dass der Mensch dem Pferd gegenüber vermittelt, die Intention sehr wichtig sei. Mehr noch als Talent und Timing. Und was das Wort ‚Druck‘, das ja nicht nur positiv besetzt ist, alles bedeuten kann.

Von links nach rechts die Ponybande: Rappe Xenos, Falbstute Fiona, Rappe Chico und Schimmel Querido. Auf diesem Bild fehlt noch Apfelschimmel Bentley, wer genau hinsieht, entdeckt seinen Kopf zwischen Xenos und Fiona.

Witzig sind übrigens die Stallnamen der Ponys: Bentley wird einfach nur „Das Auto“ genannt, Chico „Der Dicke“ und Fiona „Die Stute“. Aufgeschrieben wirkt das jetzt vielleicht harsch, benutzt hat Kerstin Brein die Namen aber herzlich, direkt, schnörkellos und sehr sympathisch!

Das ist schon nicht ganz ohne, sich auf einem Abreiteplatz mit etlichen anderen vorzubereiten, wenn man Minuten später eine Freiheitsdressur zeigen soll. Aufwärmen ging nur per Führstrick, dann ging’s frei rein ins Stadion.