Zu Besuch auf Goting Cliff

Die letzten Tage habe ich auf Goting Cliff verbracht, dem Hof von Svea Kreinberg und Stefan Schiefelbein in Norddeutschland. Ich war für das Magazin Cavallo dort, um über einen besonderen Kurs zu schreiben: Laura Wilsie war da, aus den USA, die Horse Speak unterrichtet. Ein Kurs, auf den ich zwei Jahre gewartet habe. Weil ich nach einer Vorführung auf der Equitana 2019 wusste: Das ist eine neue Ebene. Neben all dem, was Horsemanship zu bieten hat, ist das ein komplett neuer Ansatz.

Ausbilderin Svea Kreinberg
Ausbilderin, Pferdemensch und trotz Westernoutfit in keine Schublade zu stecken: Svea Kreinberg.

Ich hab danach natürlich sofort die Wilsies, Laura und Sharon, angeschrieben. Es gab viele Mails, ein Interview, aber wegen Corona kam kein Kurs in Deutschland zustande. Jetzt schafften es Svea und Stefan, Laura Wilsie zu holen. Wie genau dieser Kurs war, das schreibe ich für Cavallo auf. Nur ganz kurz: Ich bin eher noch begeisterter als zuvor, denn Horse Speak ist keine Trainingsmethode,  sondern erklärt und imitiert, ja nutzt Pferdekörpersprache auf eine Art, die ich nicht aus irgendeinem anderen Konzept kenne. 

Svea Kreinberg und Stefan Schiefelbein
Die beiden führen den Hof gemeinsam: Svea Kreinberg kümmert sich um Unterricht und Ausbildung, Stefan Schiefelbein um Events, Shop und das Kochen.

Glamping auf Goting Cliff

Der Ort von Svea und Stefan ist besonders – und deshalb möchte ich Euch davon erzählen. Die beiden schaffen es, eine Atmosphäre auszubreiten, die es allen einfach macht. Es ist offen, ungezwungen.

Svea Kreinberg schäkert und erzählt mit einer Freundin in der Mittagspause vom Kurs, während sie den einen Hundewelpen auf dem Arm hat und zwischendurch der alten Hundeoma zu ihren Füßen den Mantel zurechtrückt.  Ihre Stimme ist auffallend weich, mädchenhaft. Ihr Mann steht hinter einem Tresen auf dem Hof und gibt selbstgekochtes Essen aus. Die beiden könnte man sich auch an einer Strandbar vorstellen oder als Betreiber eines Modegeschäfts, in dem man sich aber fühlt, als wenn man Freunde besuchen würde. Sie können das einfach, es sich und anderen schön machen. Obwohl es natürlich ganz klar ist, dass das alles hier harte Arbeit ist, keine Frage. 

Glamping Bauwagen
Der Glamping Bauwagen mit Freiluft-Zinkbadewanne davor.

Zwischen Wohnhäusern und Reithalle steht ein besonders schöner Bauwagen, ein Glamping-Wagen mit Lichterkette und Zinkbadewanne davor. In diesem und in zwei weiteren Bauwagen auf dem Hof kann man Urlaub machen, oder in einer der Ferienwohnungen, die wie Cottages eingerichtet sind. Alles verteilt sich auf reichlich Platz hier, es gibt einen See, einen Reitplatz, eine Halle – und viele leere Boxen. Denn alle Pferde stehen draußen. Immer! 

Svea Kreinberg und Platon
Svea Kreinberg und Vollblutaraber Platon, der wie alle Pferde hier ein Leben komplett in der Herde verbringt.

Pferdehaltung komplett als Herde draußen

Es sind um die 50 Pferde, in einer Stuten und einer Wallachherde, „wir rechnen einen Hektar pro Pferd“, erklärt Stefan Schiefelbein. Der norddeutsche Sandboden ist auch jetzt, Ende November, noch gar nicht matschig. Der Baumbestand auf den Weiden gibt etwas Schutz  – auch Unterstände, aber „die nutzen sie eher im Sommer, im Winter steht kaum ein Pferd darin.“ Allenfalls im ersten Winter in der Herde tragen neue Pferde Decken, danach kommt bisher jedes auch ohne klar. Nur zwei Pferde mit Stoffwechsel-Problemen haben ihren eigenen großen Paddock und keinen dauerhaften Zugang zum Gras.


Zugefüttert wird mit Heu in den Wintermonaten, zweimal im Jahr wird gemulcht, einmal geplochert, entwurmt wird auf der Weide und zwischendurch per Kotprobe kontrolliert: Es klingt so simpel dass man es fast nicht glauben mag, dass das funktioniert. Aber das tut es! „Wenn ich neue Pferde integriere, stelle ich sie mit den Ranghohen erst an den Hof und dann mit diesen gemeinsam später zur Herde“, erklärt Svea Kreinberg. Neben den zehn eigenen Pferden gibt es 40 Einstallerpferde. „Fluktuation haben wir aber fast nur durch Umzüge oder wenn ein Pferd stirbt“, erklärt sie. 

Für Senioren: Wohnen mit Pferden

Haus Norddeutschland Goting Cliff
Eines der Häuser auf Goting Cliff.

Ein ganz neues Konzept entsteht gerade bei Ihnen: Sie möchten gern Wohnen mit den eigenen Pferden für Menschen anbieten, die aufgrund ihres Alters nicht mehr die Pferde zuhause halten können. Quasi ein betreutes Wohnen für fitte Senioren, die die Versorgungstätigkeiten rund ums Pferd abgeben wollen, aber die Nähe zum Pferd behalten möchten. „So wie das jetzt bei meiner Mama war“, erklärt Svea Kreinberg. Die auf Tiermotive spezialisierte Malerin zog nach 20 Jahren in Frankreich jetzt wieder zurück nach Goting Cliff. Zurück, weil die Familie schon vor Jahren auf dem Hof beheimatet war. Ihre Quarterstuten, die sie aus Frankreich mitbrachte, erkannten übrigens nach 20 Jahren den Hof und die Herde wieder: „Die Stuten sind mit 9 Jahren hier weggegangen und nun nach 20 Jahren wiedergekommen. Ich habe auch noch alte Stuten aus dieser Zeit, und die haben sich sofort begrüßt, sich klar wiedererkannt“, erzählt Svea Kreinberg. 

Blick auf die Cottages auf Goting Cliff
Blick auf die Cottages auf Goting Cliff

Zu den geschäftigsten Zeiten beherbergten die Kreinbergs eine Hengststation für Quarter- und Araberzucht hier, neben Reitunterricht, Beritt- und Trainingspferden kamen noch die Kurse hinzu, plus Feriengäste. Svea Kreinberg, sofort nach der Schule in den Familienbetrieb eingestiegen, führte jahrelang die Hengststation und war für den Unterricht zuständig. Ein Knochenjob für die ganze Familie. „ Was ich von meinem Papa in dieser Zeit gelernt habe, ist: Achtsam zu sein und geistig da. Vorauszuschauen und zu fühlen. Er trainierte manch lebensgefährliche Pferde und hat sie wieder hinbekommen. Vor allem lernte ich von meinen Eltern respektvollen Umgang mit Pferden.“ 

Ihr Vater Peter Kreinberg

Ihr Vater Peter Kreinberg, der in seiner The Gentle Touch Ausbildungslehre Trainer ausbildet und bekannt dafür ist, ein sehr ganzheitlich arbeitender Horseman zu sein, lebt nicht hier in Norddeutschland, sondern seit vielen Jahren mit seiner zweiten Frau Rika in der Mitte Deutschlands. 

Noch mal zurück zu den alten Zeiten von Goting Cliff: Die Kreinberg-Familie ging in den 90ern einen ganz eigenen Weg in der Westernszene: Zuvor hocherfolgreich, entschieden sie sich gegen weitere Teilnahme an Turnieren. „Die Turnierszene wuchs, und irgendwann war klar: wer oben mitmischen will, muss die Pferde auch schon mal härter anfassen“, erzählt Svea Kreinberg. Das wollten sie nicht. Und fanden einen alternativen Vermarktungsweg: Schaubilder, Messen. Heute ist so etwas in der Freizeitszene ganz normal, damals wurde das zunächst von der Konkurrenz belächelt. „Doch Jahre später saßen immer wieder Westerntrainer und Reiter bei uns am Kaminfeuer und sagten: ‚Ihr habt’s richtig gemacht!’“ 

Welpe Bulldogge
Der jüngste Familienzuwachs: Eine kleine Bulldogge.

Die bestens ausgebildeten Geländepferde

Interessant ist, dass neben dem berühmten Vater die Mutter von Svea Kreinberg einen gehörigen Teil zum Können der Tochter und dem Gesamtkonzept Goting Cliff zusteuerte: Edith Schreiber gründete das Gestüt, sie war es, die viele Kontakte zu Horsemen und Leuten der Western-, Araber- und Quarterszene pflegte. Und sie bildete penibel aus: „Meine Mutter hat immer die am besten ausgebildeten Pferde im Gelände“, erzählt Svea Kreinberg, „wenn jemand ein Pferd brauchte, hat er sich immer bei ihr eins geliehen, weil die auf den Punkt funktioniert haben.“

Was ist der Unterschied zwischen Svea und ihrem bekannten Vater Peter Kreinberg? Das habe ich die beiden mal vor Jahren gefragt, als ich ein Portrait über Svea für das Magazin Pferdemarkt schrieb. Damals antworteten sie so: „Mein Vater ist Pferdetrainer, ich bin Reitlehrerin“. Er sagte über sie: „Svea erkennt sehr schnell die wahren Stärken und Schwächen eines Pferdes und zeigt dann der Schülerin oder dem Schüler einen individuellen Weg auf.“ Den Leuten etwas beibringen, das sie tatsächlich voranbringt, das ist ihr Steckenpferd geworden. „Versteht der Schüler gewisse Zusammenhänge, dann ist vieles gleich angenehmer, und er hat ein zufriedeneres Pferd.“ 

auf den Pferdeweiden von Goting Cliff
Mit Laura Wilsie auf den Pferdeweiden von Goting Cliff, auf denen die Pferde 365 Tage im Jahr ihre Zeit verbringen.

„Ich möchte Menschen kompetent machen“

Was genau unterrichtet sie denn? Heute erklärt sie das so: „Die meisten Leute, die zu mir kommen, suchen einen anderen Weg mit Pferden“, erzählt Svea Kreinberg. „Es sind oft die, die anderen Ställen belächelt werden.“ Sich auf eine Reitweise festlegen? „Will ich gar nicht! Ich möchte mich nirgends verorten. Mein Ziel ist es, dass sich Reiter und Pferd wohlfühlen und dass es sicher für beide ist. Ich möchte die Menschen auf einen guten Weg bringen und sie so festigen, dass sie hingehen können, wo sie wollen. Dass sie verstehen, was sie machen, dass sie hinterfragen können und auch Kompetenz besitzen, später allein zu entscheiden. Dass sie selbstständig werden und zu jedem gehen können und sich das rausziehen können, was sie brauchen.“ Pferdeleute kompetent machen, das fehle ihr nämlich in ganz vielen Ausbildungssystemen.

Der Wilsie Kurs hat einen ziemlich guten Querschnitt davon gezeigt, wie sie das hinbekommt. Da waren als Zuschauer und Teilnehmer versammelt: Alte Bekannte, die seit Jahrzehnten Pferdebetriebe führen, Menschen, die Ställe leiten, die etliche Pferde ausgebildet haben. Aber auch Einsteiger, Männer mit ihrem ersten Pferd, Töchter und Dressurreiterinnen, die einen anderen Ansatz mit Pferd suchten.

Was alle hatten: Den Willen, ein echt guter Pferdemensch zu werden.

Accessoires auf Pferdehof Goting Cliff
Überall auf dem Hof finden sich Accessoires zum Hofleben.

Infos zu Kursen und Übernachtungen: www.goting-cliff.de
Übernachtungen zwischen 35 und 90 Euro pro Nacht
Ein Shop für Westernstiefel gehört auch zum Konzept.

7 Kommentare

  1. So ein toller Artikel! Habe sofort Lust bekommen, hinzufahren. Zum Urlaub machen im Schäferwagen und vielleicht Reiten und Reitunterricht nehmen… hach! Und dann auch die Idee mit dem Alterswohnsitz mit Pferden – einfach genial! Naja, irgendwann wird es mich ja hoffentlich mal wieder in den Hohen Norden verschlagen…

  2. Und genau so wie es sich liest ist es bei Svea auch. Ich sage immer, es ist wie nach Hause kommen. Jeder der dort ein und ausgeht ist immer freundlich. Man muss sich einfach wohl fühlen. Die Menschen machen es zu einem Besonderen Ort.

  3. So schöne Erlebnisse in diesen C Zeiten, das hört sich doch einfach grandios an!
    Toll wenn Menschen neue Ideen haben und es schaffen sie um zu setzen! Braeo

  4. Ein so toller Beitrag und Bericht. Ich durfte Svea und ihr Paradies auch schon kennnelernen und hoffe das ich bald mal wieder genießen kann.

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