Das Mädchen mit dem Dalmatiner

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Meine Fee. Meine Nike. Ich. Foto: Klara Freitag

 

Vergangenen Freitag um kurz vor 16 Uhr habe ich meinen Hund einschläfern lassen. Ihre Ohren in meinen Händen, ihr Kopf ruhend auf dem Rand ihres Körbchens, der Tierarzt rechts, der Mann links vom Hund. Die Tür zum Garten stand auf, einen Teller voll Hackfleisch hatte sie zuvor bekommen. Sie konnte nicht mehr alleine aufstehen, seit Wochen nicht mehr. Ich hatte Euch schon gesagt, es gab einen Grund, warum es hier still war. Ich war nämlich Altenheim-Pflegerin für meinen Hund, sozusagen. Alleine lassen ging nicht mehr, mitnehmen schon seit Monaten kaum. Sie rief mich nachts, wenn sie mal musste oder trinken wollte. Zwei, dreimal die Nacht. Ich half ihr hoch, stützte sie. Irgendwann war ich so müde, dass ich auf dem Sofa neben ihr geschlafen habe, weil ich ihr leises Fiepen sonst nicht mehr gehört hätte. Und immer diese Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt? Will sie noch bei uns sein? Bist Du der Verräter, wenn Du sie jetzt einschläferst? Schon oder erst jetzt einschläferst? Wann kann man es Gnade nennen? 

***

Es ist Sonntagmorgen. Sonnig, Vögel zu hören, das Fenster steht auf. An einem normalen Tag würde ich jetzt mit Hund und Kind zum Stall gehen.

 

An einem normalen Tag.

 

Als ich gestern Abend ins Bett ging, dachte ich: noch schnell heruntergehen, dem Hund über den Kopf streichen. Als ich aufstand, dachte ich: hab’ ich da den Hund gehört? Als ich gestern ins Auto stieg, und vorn vor dem Beifahrersitz die Einkäufe vom Bäcker hinplatzierte, und meine Tochter fragte: „Wo hast Du denn den Kuchen hingetan?“ und ich sagte: „Vorn, beim Beifahrersitz“, da war es kurz still im Auto. Dann sagte meine Tochter: „Da saß Nike immer.“ Meine Gedanken.

 

 

Es gibt keine Nike mehr. Es gibt noch diese Automatismen in meinem Kopf, die immer noch denken, wir leben mit ihr. Bürotür aufschließen: „Moment, der Hund muss noch mit hereinhuschen.“ Ach nein. Etwas fällt auf den Boden: „Wir haben ja einen vierbeinigen Staubsauger.“ Quatsch. Einkäufe im Flur abstellen: „Oh nein, dann klaut Nike das.“ Auch das nicht mehr. Fahrten zur Familie: „Sind alle im Auto? Nike fehlt doch!“ Ja.

 

Sie fehlt.

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Ein Bild vom vergangenen Winter. Da konnte sie noch die paar hundert Meter bis zum Stall laufen. Foto: Klara Freitag

 

Sie ist 13 oder 14 Jahre alt geworden, genau weiß ich es nicht, denn sie war ein Tierschutzhund aus Griechenland, der nach Deutschland kam, als Athen für die Olympischen Spiele seine Straßen hundefrei haben wollte.

Vom Straßenhund zum Traumhund

Sie kam zu mir, als ich Studentin war. Mitte zwanzig, unglücklich, und ich dachte: jetzt einen Hund anschaffen. Jetzt, oder erst, wenn Du in Rente bist. Beknackt, aber so war es. Ich wollte unbedingt einen Dalmatiner, weil ich sie so freundlich fand, so verspielt bis ins hohe Alter, und weil sie am Fahrrad rennen können. Ich wollte keinen aus einer Zucht, weil die Dalmatinerfärbung immer die Gefahr beinhaltet, dass Welpen taub sei können. Kann man unterstützen, so etwas in Kauf zu nehmen? Ich nicht. Aber mit dieser Tierheimhund-Lösung konnte ich leben. Meine Pferde, damals zwei, standen 10 Kilometer stadtauswärts, ich wohnte in der Innenstadt. Ich hatte kein Auto, und Nike rannte von Anfang an mit mir dorthin, zwanzig Kilometer am Tag. Als sie kam, hatte sie furchtbare Angst vor Männern. Hob man die Leine hoch, schmiss sie sich auf den Boden. So, als ob sie erwarten würde, dass man jetzt draufhaut. Sie kannte ihren Namen nicht, sie tat in der Wohnung so, als sei sie nicht da. Hockte sich hinter Sessel, versuchte unauffällig und leise zu sein, hatte keine Ahnung, wie man an der Leine ging, wo man als Hund auf Toilette gehen darf.

 

In ihrer ersten Nacht bei mir stellte sie sich zähnefletschend vor mich, als ich aufstehen musste. Ich hielt ihr eine handvoll Futter unter das Maul. Es war eine Intuition, ich war kein Hundeversteher damals. Es war richtig. Sie hatte einfach vergessen, wo sie war, der ganze Hund war nur ein Bündel voll Angst. Von da an war klar, dass ich ihr nie etwas tun würde.

 

Das zerdrückte Ohr

Nie wieder in ihrem Leben hat sie irgendeine Aggression gegen Menschen gezeigt. Als meine Tochter ein Krabbelkind war, zerdrückte sie Nikes Ohr. Nike heulte und winselte und hielt still. Sie wartete, bis ich ihr Ohr aus den Kinderhänden befreite. So war mein Hund.

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Love. Foto: Klara Freitag

 

Mein Hund, der stundenlang in Decken gehüllt in der Reithalle auf mich wartete. Mein Hund, der mit mir im Zug gereist ist, der mit mir in England und in der Schweiz gewohnt hat, der in Berlin und auf dem platten Land mal mit mir zuhause war. Mein Hund, der neben meinem Pferd durch den Wald in Aachen gerannt ist, durch die Berge im Westerwald, im Feld im Münsterland und auf den Sandwegen Brandenburgs.

Diese paar Jahre. Ihr ganzes Leben.

Ich könnte heulen und fluchen, dass Hunde nur so wenige Jahre leben. Schon komisch, sagt mein Mann, für uns waren es ein paar Jahre, für Nike war es ihr ganzes Leben.

Ich werde immer als erstes die Geschichte von Nike erzählen, wie sie meine Weihnachtsgeschenke zerfetzte, schreibt mir meine Freundin B. Sie liebte Nike, aber diese Geschichte hatte es tatsächlich in sich. Wir wohnten damals zusammen, Nike war ein junger Hund. Meine Freundin hatte für ihre Familie liebevollst eingepackte Sachen zusammengestellt, mit Geschenkanhängern, Karten, Schokolade. Nike zerstörte alles. Sie fraß die Schokolade, zerkaute Holzbilderrahmen, ließ kein einziges Geschenk aus. Das Foto von Nike mit schuldbewusstem Gesicht, wie sie inmitten der zerfetzten Sachen sitzt, habe ich noch. Musste ich der Versicherung schicken, die brav all die Sachen bezahlte, die ich an einem Tag alle haargenau wieder neu kaufen musste.

So ein schönes Leben hatte sie doch, sagen andere Freunde. Sei dankbar für die Zeit. Was soll man schon sagen, ich weiß. Es tröstet mich nur nicht. Es war einfach mein Hund. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwann noch mal einen Hund geben wird, der mir so nah ist.

 

Vielleicht willst Du das nicht hören, sagt darauf meine Freundin P. Aber sie hätte das von jedem ihrer Hunde gedacht, und dann kam wieder einer, der sie ebenso stark berührt hätte. Eben anders, aber genauso doll.

Vielleicht ist es ja einfach nur der Schmerz der ersten großen Hundeliebe, die gegangen ist.

Nein, sagt mein Freund T. Es ist auch traurig wegen Dir selbst. Du wirst einfach nie mehr dieselbe sein. Vielleicht stimmt auch das. Nike war da, als ich studierte, als ich ein wildes Leben führte. Als ich in die Großstadt zog, und mich halbtod arbeitete, als ich heiratete, als ich ein Kind bekam, als ich aufs Land zog.

 

Das Mädchen mit dem Dalmatiner.

Das war ich.

 

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