Schlittenfahren mit den Ponys

Startklar! Alle Fotos: Klara Freitag

 

Das Beste am Winter: Schlittenfahren mit den Ponies. Fast ist die kalte Jahreszeit vorbei, also wird’s Zeit, mal von ihren guten Seiten zu erzählen.

Denn erstens macht nichts mehr Spaß, als auf einem Schlitten zu sitzen, der von Ponies gezogen wird (wobei das für manche hier auch bedeutet: nur nebenherlaufen… öhm!)

Und zweitens wird es Zeit, noch mal auf die schönen Seiten des Lebens zu gucken. So. Beschließe ich jetzt einfach.

Also: Ein Sonntag vor einiger Zeit. Der kleine Onkel stampft durch den dicken Schnee auf unserem Reitplatz. Schlittenfahren, endlich! Ich renne nebenher, und die Kinder juchtzen und feuern uns an. Ein paar Galoppsprünge macht Onkel, schöne runde, aber dann zieht er doch den Trab vor.

 

„Stop!“ höre ich auf einmal und drehe den Kopf nach hinten. Huch, wir haben ein Kind verloren. Das liegt lachend im Schnee. Wir warten, die wertvolle Fracht steigt wieder auf und weiter geht’s.

Nach fünf, sechs Runden hat einer nicht mehr viel Puste: Ich. Im Schneeanzug durch Schnee rennen ist besser als jede Joggingrunde und jeder Stepper, glaube ich.

Also machen die Kinder alleine weiter, auf dem so zuverlässigen Bjarki geht das ganz wunderbar. Das Shetty Onkel verschnauft derweil ein bisschen mit mir.

Bjarki ist so ein unglaublich liebes und vielseitiges Therapiepferd – von Schlittenfahren über jegliche Therapieeinheiten bis Trainerschein-Prüfungen – er macht einfach alles.

 

Dieser Sonntag im Schnee war einer der besten in diesem Winter.

Ich muss da gerade dran denken, denn soeben merkt man: Der Winter verzieht sich. Manchmal singen die Vögel schon so, als ob wir mitten im Frühling stecken, manchmal zieht eine Eiseskälte herauf. In Zeiten, in denen der Winter noch mal aufmuckt, wird es auch jetzt noch ganz schön ungemütlich. Ich sage nur: Reithalle, sichtbarer Atem, bei Kursen Frostgefahr für den ganzen Körper durchs Rumstehen und Gucken, die kalte Füße!

 

Mit Jahreszeiten ist es komisch: Gerade, wenn sie gehen, habe ich mich daran gewöhnt und könnte sie noch ein paar Wochen länger bei mir haben. So wie jetzt: Richtig viel Schnee fand ich supertoll. Das Schönste, was wir mit den Pferden im Schnee gemacht haben, war: Die Ponys genommen und Schlitten drangehängt.

Kann ein Pferd süßer dreinschauen? Onkel ist genauso wie Bjarki eines der Therapiepferde vom Hof Abenteuerland in Aachen (www.reiten-im-abenteuerland.de).

 

Da, wo wir wohnen, ist das nur alle paar Jahre möglich. Die beiden Ponys sind im Hauptberuf Therapiepferde, sie sind super gelassen und machen auch nach Jahren einfach mit, als ob man das gestern erst geübt hätte.

Wenn ich an Winter denke, will ich bis zum nächsten Winter nur das behalten: Die Kinder juchtzten, ich rannte durch den Schnee, und die Ponies machten begeistert mit. Hach.

Winter kann so schön sein.

 

Zur Ausrüstung: Wie man es richtig macht

Das, was ihr auf den Bildern als Ausrüstung sieht, ist improvisiert. Ich bin kein Fahrer, und meine Kenntnisse da sind sehr, sehr beschränkt. Ein richtiges Geschirr trägt Onkel, das ist schon mal gut. Noch besser wäre es, wenn seine Zugstränge  in einem Verbindungsstück aus Holz münden würden (wie heißt das korrekt, Ihr Fahrer da draußen?). Wir haben sie einfach mit einem Strick an den Schlitten geknotet. Immerhin: So, dass man mit einem Handgriff Schlitten und Zugstränge wieder trennen kann.

Dennoch ist das nicht ideal, kann gefährlich werden. Ich fand es dennoch zu verantworten: Die Ponys kennen das beide und sind als Therapiepferde wirklich sehr zuverlässig. Auch wenn Onkel schon mal seine eigenen Ideen hat (ja, es gibt einen Grund, warum ich bei ihm lieber mitlaufe!) Also, liebe Leute da draußen: Wenn ihr das nachmacht, dann lieber mit ganz korrekter Ausrüstung!

 

Lauf, Fee, lauf.

So ein kluges Gesicht. Danke, Klara, dass ich diese Bilder von Fee habe. Foto: K. Freitag

 

Fee ist tot.

Es kam alles ganz plötzlich. Ich war ja gerade dabei, sie wieder langsam anzutrainieren, ihr wisst, dass ich letztens erst von der Boxenruhe erzählte.

Doch es kam alles anders, und es hatte nichts mit dieser Lappalie zu tun, die uns die Boxenruhe beschert hatte.

An der Longe rutschte sie an Tag Eins plötzlich weg, obwohl der Boden gut war. An Tag Zwei konnte ich sie nicht mehr zum Putzplatz führen, ohne den Eindruck zu haben, sie fällt mir gleich hin. Es fiel ihr so schwer, die Hinterbeine zu koordinieren, sie konzentrierte sich für jeden einzelnen Schritt. An Tag Drei ging sie nur noch unter größter Konzentration langsam von einer Seite des Offenstalls zur anderen. An Tag Vier konnte sie nicht mehr aufstehen, ihre Hinterbeine machten einfach nicht mehr mit. An Tag Fünf gab es keinerlei Koordination der Hinterbeine mehr. Ich habe sie einschläfern lassen. Sicher: Es war etwas Neurologisches. Vermutung: Tumor, der auf die Nerven drückte.

Wir haben alles Mögliche versucht. Wir haben ihr etliche Infusionen gegeben, Osteopathen gerufen, falls doch nur das Rückenmark gestaucht gewesen wäre. Alle arbeiteten zusammen, wir haben Fee mit dem Traktor aufgestellt und umgedreht, ihr wieder Medikamente gegeben – letztlich konnte ich nichts mehr medizinisch tun.

Es waren zweiundzwanzig gemeinsame Jahre.

Wir. Foto: Klara Freitag

 

 

Vor 22 Jahren habe ich sie ausgesucht. Auf einem Vermarktungstag für Jungpferde. Ich sehe es noch vor mir, Fee beim Freispringen, wir – Mutter, Vater, Tante, Oma, ich – stehen in der Mitte der Halle. Alle ahnungslos. Und gucken zu und gucken zu. Bis der Verkaufsleiter irgendwann sagte: „Ist es jetzt genug?“ Wir wussten nicht, dass wir Stopp sagen sollten, und die arme Fee musste etliche Mal über das Hindernis springen.

 

Junges Mädchen bekommt junges Pferd
Es war genau so, wie man es nicht machen sollte: Junges Mädchen bekommt junges Pferd. Es ist zunächst gehörig in die Hose gegangen. Ich dachte, ich kann das mit jungen Pferden, weil ich half, Ponys anzureiten. Nur war das Pferd eine komplett andere Nummer. Schnell hatte sie raus, mich steigend und bockend in den Sand zu befördern. Als wir das hinter uns hatten – es dauerte Jahre, bis wir ein Team waren – tat sie alles für mich.

Im Herbst. Mit Lotta und Eldir. Foto: Klara Freitag

 

Alle Grenzen, die wir hatten, waren meine Grenzen. Sie dachte immer mit, sie bot immer an, sie war unermüdlich.

Zuneigung? Sie entschied.
Sie suchte sich ihre Leute aus. Ich konnte eine Vorauswahl treffen, wer dieses Pferd reiten durfte – aber letztlich fällte sie die Entscheidung. Es gab niemanden am Stall, der Fee neutral gegenüber stand. Entweder, man fand sie fantastisch, oder man sah Fee lieber weit weg von sich selbst.

Vor einem Jahr entschied sie, dass meine kleine Tochter sie auch reiten durfte. Ganz vorsichtig trug sie das Grundschulkind durch die Halle. Bemerkenswert, wenn man weiß, was für ein Geschoss Fee sein konnte. Aber ich wusste, ich kann ihr da vertrauen.

Jetzt, diese Tage danach – es ist, als ob ich >Pause< gedrückt hätte. Ein stumpfer, trockener Schmerz. Leer irgendwie.

Das Einzige, was mir wirklich etwas gibt in letzter Zeit: Wenn Menschen, die Fee kannten, über sie sprechen. „Sie war so ein besonderes Pferd“, sagte meine Tierärztin, als wir bei meinem toten Pferd saßen. Ich antwortete, „ja, sie war so klug, sie wusste es immer besser!“ „Sie war zu klug, manchmal!“ sagte meine Tierärztin, und wir mussten beide lachen, schniefend.

Diese Schnute. Foto: Klara Freitag

 

„Sie war ein sehr geliebtes Pferd, wie man gestern sehen konnte“, schrieb mir Lotta. Ja. Das stimmt. Lotta meinte damit die Menschen, die am Tag vor dem Einschläfern gekommen waren. In diesen heftigen Tagen, an denen es Fee immer schlechter ging, wechselten die Zeiten, die ich alleine mit ihr verbrachte mit Zeiten, zu denen bei ihr im Stall ein paar mehr Menschen waren. Abwechselnd saß jemand bei uns. Hielt die Infusion hoch. Schaute, was man ostheopathisch noch machen konnte. Brachte etwas zu Essen, Tee. Das war sehr schön.

 

Es entsteht eine seltsame Energie, etwas Magisches, wenn es um alles geht.

 

„Sie war so eine tolle Charakterstute und so Pferde mag ich immer gern“, schrieb mir der Osteopath, und die Osteopathin (ja, es waren zwei da) sagte „sie ist eine Kämpferin“.

Natürlich weiß ich das alles. Aber es ist so schön, wenn andere Menschen in diesem Pferd das sehen, was ich immer darin gesehen habe.

 

Wir, der letzte Kurs gemeinsam bei Elaine Butler im Herbst. Foto: Klara Freitag

 

Zwei so wahre und treffende Sätze sagte mir Sara Oliveira, als sie bei uns war, um zu unterrichten:

 

„Wenn Du einen Hund verlierst, dann geht ein Teil Deiner Familie.

Wenn Du ein Pferd verlierst, dann geht ein Teil Deines Lebens.“

-Sue Oliveira-

 

Ihre Mutter habe das stets so gesehen, deshalb steht auch Sue Oliveira an den Zeilen dran.

Ich muss an Fee denken, wie ich sie mit zum Studieren genommen habe, rechts im Anhänger das Pferd, links meine Vespa und meine Zimmerpflanzen. Wie mir dieses Pferd, und der westfälische Bauer beigebracht haben, ordentlicher zu reiten, als ich das bisher kannte. Ich muss an Fees erste Tochter denken, die auch bei uns groß geworden ist. Diese schöne Rappstute, viel ausdrucksstärker als ihre Mutter, und mit dem gleichen starken Charakter ausgestattet. Ihre späteren Besitzer nannten sie ‚die Randale-Elli’. An meinen Ponywallach, der jahrelang mit Fee gemeinsam lebte.

Es war meine Tierfamilie: Devil das Pony, Fee das Pferd, und Nike, meine Hündin. Ich habe sie alle von Aachen aus mit nach Münster und mit nach Berlin geschleppt. Dann aufs Land nach Rheinland-Pfalz und dann wieder zurück nach Aachen.

Fee ist die letzte von ihnen, die gegangen ist.

 

T61, das Mittel für drüben.

In meiner Erinnerung ist das eine Szene in Zeitlupe:

Die Fläschchen mit T 61. Die geschickten Handbewegungen meiner Tierärztin. Ich sage Fee ständig, was für ein gutes Pferd sie ist. Wische ihr über Stirn und Augen. Bemühe mich, ruhig und gelassen zu klingen.

Als es vorbei ist, schauen wir uns an, die Tierärztin und ich. Reichen Taschentücher.

Ach. Ich kann mir so gut vorstellen, wie sie aufstand, sich schüttelte, kurz uns Heulsusen nachschaute, und sich auf den Weg machte.

Fee, Du tolles Pferd.

Danke.

 

 

Ausbildung: Wenn der Blick über den Zaun gefährlich wird

Verwirrung in der Ausbildung: Damit hat Corrie so gar nichts am Hut. Sie genießt die frische Luft in den letzten Zügen des Winters.  Diese süße Stute ist übrigens ein Pferd, das ich sehr gern betreue, wenn ihre Besitzerin auf Seminaren und Kursen unterwegs ist. Los, Jenny, mach‘ noch ein paar! Foto: Klara Freitag

 

Hier ein Seminar, da ein neues Fachbuch, hier noch eine andere Idee zur Ausbildung: Alles gut und schön und wichtig. Doch es gibt eine Grenze. Ausbilder-Hopping kann nämlich Pferd und Mensch ganz schön verwirren. Ja, sogar die Ausbildung gefährden. Eine Bestandsaufnahme.

 

Letztens erzählte ich Euch, warum Reiten lebenslang Lernen ist. Und huldigte zwei Menschen, die gern über den Zaun schauen. Was ich verschwieg: Das ABER dabei. Denn es gibt eins, leider.

 

Das Problem: Neue Reitweisen zu testen oder sogar bloss einfach mal anzuschauen, mündet häufig in völliger Verwirrung.

 

Denn: In andere Schubladen zu schauen, das bereichert erst, wenn man ein Fundament hat. (Das ist die Essenz und der wichtigste Satz in diesem Text – für alle, die heute espressomäßig unterwegs sind.)

 

Mit dieser Meinung bin ich nicht allein. Letztens erst erzählte mir eine befreundete Ausbilderin, wie verwirrt ihre Kunden manchmal von anderen Seminaren kommen. Sie fährt als mobile Reitlehrerin von Kunde zu Kunde. Häufig wird sie mit neuen Seminarerfahrungen oder neuem Bücherwissen ihrer Kunden konfrontiert.

 

Aufgeschnappte Weisheiten

Das ist nicht immer hilfreich –  oft fehlt nämlich sogar das Bewusstsein dafür, dass man soeben von einer Reitweise (daheim) zu einer anderen (neues Seminar) gewechselt hat. Neu aufgeschnappte Weisheiten können die ganze bisherige Ausbildung gedanklich aushebeln. Dann nämlich, wenn der Schüler im Kopf ein dickes, fettes „Aber!“ mitbringt. Lernen funktioniert jedoch nur, wenn der Schüler auch gedanklich beim Lehrer mitgeht, statt sich geistig auszuklinken.

Ich kenne diese Ausbilderin, und kann mir gut vorstellen, dass sie die meisten Schüler auch in solchen Phasen der neuen Ideen gut unterstützen und wieder abholen kann. Nur: meist bringt der Blick über den Tellerrand in einem frischen Ausbildungsstadium einfach gar nichts. Er stiftet Verwirrung und wirft das Team zurück.

Weil es doch etwas mehr braucht, als mal irgendwo hereinzunasen, wenn man eine andere Philosophie verstehen will.

 

Reiten anfangen? Nie wieder!

Das Erste, was man braucht, damit das Ideen holen woanders auch funktioniert, ist eine gefestigte eigene Position. Und bis man die hat, das dauert.

„Heute würde ich nicht mehr mit Reiten anfangen wollen“, sagte eine andere Bekannte letztens. Sie hat viele Jahrzehnte lang Pferdeerfahrung. Sie weiß, was sie tut. Doch sie würde heute nicht mehr noch mal neu anfangen wollen, weil es an jeder Ecke der Pferdewelt andere Theorien und Angebote gibt.

Es ist eben schwierig, all diese für sich einzuordnen (Bye the way: Das ist übrigens mein Beruf. Die Nase in alle möglichen Facetten reinzustecken, zu verstehen, zu hinterfragen, und weiterzugeben. Und ich bin mir sicher, dass ich darin heute besser bin als vor 15 Jahren, als ich damit begann. Und ich bin mir sicher, dass ich das vor 15 Jahren nicht hätte glauben wollen. Wer außerhalb des Blogs etwas lesen will: In der aktuellen Feine Hilfen stelle ich den Ausbilder Philip Lehnerer und seine Ausbildungsphilosophie vor. Das ist der Typ, der auf dem Adventskalender auf Facebook im Schnee galoppierend zu sehen war, und der so einige von Euch allein mit zwei Bildern zum Schwärmen brachte.)

 

Die gefestigte eigene Postition

Dieselbe Bekannte erzählte mir, dass eine Freundin zu ihr gesagt habe: „Ich vermisse Dich so im Stall! Als Du noch da warst, da wusste ich, wen ich fragen konnte, und auf wessen Meinung ich mich verlassen konnte.“ So war die erfahrene Pferdefrau der Filter für die Jüngere.

 

Genau das fehlt oft: Ein eigenes Koordinatensystem. Oder eben eine Vertrauensperson, auf dessen Urteil man zählen kann.

 

Es ist das gewachsene Wissen, das oft nicht da ist.

 

Nie war es so einfach wie heute, in andere Sparten der Reiterei zu blicken. Oder sich verschiedene Informationen über Fütterung und Haltung zu besorgen.

 

Ab in die USA 

Früher war die Reiterwelt klein: Es gab zum Beispiel drei umliegende Reitvereine, ein paar Züchter und Privatpferdehalter. Das war alles, was als Beispiel für Haltung und Reiten zu haben war – abgesehen von ein paar Monatsmagazinen und Büchern. Zwangsläufig blieb man länger im eigenen Sumpf stecken. Mit all dessen Vor- und Nachteilen: Intensives Lernen, allerdings hinter Mauern. Inspiration, andere Wege: Fehlanzeige. Wer was anderes lernen wollte, musste große Wege zurücklegen (Linda Tellington-Jones aus den USA holen, oder zu Horseman wie Tom Dorrance in die USA fahren, zum Beispiel).

 

Ausbildung to go

Heute gibt es für jede Strömung die unterschiedlichsten Foren, facebook-Gruppen und facebook-Fanseiten. Internetseiten, die ganze Fangemeinden generieren und alternative Ausbildungssysteme, die in sich geschlossen funktionieren. Alles ist möglich, und ob man so lange verweilt, bis man tatsächlich erfasst hat, um was es geht, bestimmt der Mensch selbst.

 

 

Und das ist das Glück und die Krux zugleich.

 

Es ist ein Segen, dass es leicht möglich ist, über den eigenen Tellerrand zu blicken.

Doch dies bleibt nur ein Segen, wenn der Mensch fähig ist, es einzuordnen.

Er braucht eine Basis, von der aus er einschätzen kann.

 

 

Ansonsten endet es in bloßer Verwirrung. Was man tun kann? Sich dessen bewusst sein. Kein Ausbilder-Hopping in den ersten Jahren seiner eigenen Ausbildung veranstalten. Sich Zeit geben, zu lernen.

 

Was Ausbilder tun können

Das hier soll kein Plädoyer fürs Lernen mit Scheuklappen sein. Niemand soll weniger Wissen aufsaugen, oder weniger Bücher lesen.

Doch fragt Eure Ausbilder, weshalb sie Dinge auf ihre Art tun, wenn ihr gerade woanders von anderen Methoden gehört habt. Lasst kein ABER im eigenen Kopf unausgesprochen stehen. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass Ausbilder heutzutage auch dieses Filtern von Informationen als Teil ihres Jobs begreifen. Und im Dschungel der Informationen begleiten, statt zu verteufeln. Denn genau das müssen Ausbilder leisten: Kompass werden.

 

Ja, das kostet Zeit und Mühe. Es gibt aber ganz viel: Es sichert zufriedene Kunden. Letztens las ich einen sehr schönen und sehr einfachen Spruch:

Pferde haben Zeit. 

Wir können viel von ihnen lernen. Als Reiter und Ausbilder. Das gilt für uns alle.

 

 

Zwei Pferdemenschen die Ihr kennen solltet

Lebenslanges Lernen, egal auf welchem Niveau man sich befindet: So muss das sein. Foto: Klara Freitag

 

Sie sind Spürhunde und Goldgräber in der Pferdewelt. Und machen damit vor, was lebenslanges Lernen bedeuten kann. Im Sattel, in der Theorie, einfach überall.

Zwei Menschen, an denen ich ihren besonderen Wissensdurst schätze, sind Jan Nivelle und Tom MacGuinness. Der eine ist ein Dressurausbilder bis zum Grand Prix Niveau. Der andere stellt Pferdedecken her und reitet in allen möglichen Disziplinen.

Tom MacGuinness mit seinen Poloponys. Foto: alifewithhorses.

 

Schnüffler, Spürhund und Gelehrter
Jan Nivelle war viele Jahre lang Nationaltrainer für die spanische Dressurmannschaft. Jemand, der oben im Sport zu Hause ist, aber sich nie zu schade war, zu testen. Ich habe mit ihm mehrfach für Magazine und Zeitungen gearbeitet (HIER zum Beispiel). Wenn er sich in eine neue Sparte vertieft, nehmen wir zum Beispiel Horsemanshiparbeit, die Tellington-Touches oder die Schiefentherapie, dann geht er der Sache auf den Grund. (Hier sind Linda Tellington-Jones und Jan Nivelle im Video zu sehen ).

 

So etwas ist noch lange nicht üblich in der Szene. Für einen Artikel habe ich mal mit ehemaligen Angestellten von ihm gesprochen, und alle sagten: Das war schon anders da, als sonst üblich. Da stand seine Bereiterin zum Beispiel kopfschüttelnd an der Bande, und fragte sich, was ihr Chef da tat, als er mit dem Jungpferd ewig einfach so in der Halle rumlief. Später sah sie beeindruckt zu, wie das vormals ungestüme Jungpferd ihn mit gesenktem Kopf überall hin folgte, auch in den Anhänger.

 

Jan Nivelle hat alle möglichen alten Meister gelesen, Fillis und Baucher genauso wie Steinbrecht und etliche andere, er ist ein Lexikon der Reitweisen und Meister. Ich frage ihn gern um Rat, auch, wenn ich etwas nicht kapiere.

 

Politisch inkorrekt
Beispiel: Die Akademische Reitweise. Sie boomt, ich kenne viele Menschen, auch aus meiner nächsten Umgebung, die darin die Erfüllung sehen. Ich persönlich – wohlgemerkt nicht als Journalistin, sondern ich als Mensch Jeannette, der gern reitet ­­– stehe mit innerlichem Fragezeichen vor dieser Faszination, und kann am ehesten mit dem Spruch „Akademische Reitweise meint: im Schritt über Galopp nachdenken“ etwas anfangen. Politisch inkorrekt? Vielleicht.

 

Die Journalistin in mir möchte diese Faszination jedoch verstehen. Und zwar nicht so vorurteilsbehaftet, wie meine erste Reaktion da oben beschreibt. Ich fragte Jan Nivelle also, was er darüber denkt. Und was sagt er, der ehemalige Nationaltrainer, der Mensch, der Leute im FEI-Dressursport coacht? Da kommt kein müdes Lächeln, keine Herablassung. Da kommt eine glasklare Einordnung, nämlich an welchen historischen Vorbildern sich diese Reitweise orientiert und daher eben von Sitz bis Lektionsaufbau eine andere Zielvorstellung hat.

 

Nicht wertend. Einfach einordnend.

 

Das meine ich mit lebenslang lernen wollen. Einerseits meint es natürlich die Bereitschaft, täglich an sich und seinem Pferd arbeiten. Aber es meint auch, immer weiter willens sein, über den Tellerrand zu schauen.

 

Goldgräberstimmung: abonniert.

Der zweite Mensch, der das ständig tut, ist Tom MacGuinness. Kopf einer irischen Pferdedecken-Firma. Ich war für die Reiter Revue bei ihm in Irland, ich darf noch nicht allzu viel darüber verraten, es ist erst im März-Heft zu lesen. Doch soviel kann ich sagen: Es fasziniert mich, wie dieser Mann einen Reitsport nach dem anderen ausübt. Erst Springen, dann Polo, jetzt Distanzreiten. Wohlgemerkt: das macht er nebenbei. Hauptsächlich kümmert er sich um sein Geschäft mit den Pferdedecken und Reitmoden. Aber er taucht in jede Disziplin so tief ein, dass er konkurrenzfähig ist. Er probiert aus, wie weit er kommt, fragt die besten Köpfe der jeweiligen Sportarten, sucht nach den besten Pferden. Er gräbt die Erde um, er sucht nach der Substanz und macht dann das Beste daraus. Was für ein Ehrgeiz, was für ein Eifer. Und das mit mehr als 60 Jahren.

 

Ich muss die dennoch nicht restlos toll finden.

Übrigens meint meine Wertschätzung für das Lernen wollen nicht, dass ich mit den Menschen immer einer Meinung bin. Ich muss zum Beispiel weder den Reitstil von Tom MacGuinness super finden, noch jeden Schüler von Jan Nivelle für großartig halten (Wer gucken will: den zweiten Teil in diesem Video mag ich (HIER, ab Minute 6.10)). Ich schätze ich diese beiden für ihren Wissensdurst, die Emsigkeit und das Wertfreie.

 

Das ewige Lernen wollen, aus dem so viel Spannendes entspringt.

 

Es gibt sicherlich auch andere, weniger bekannte Menschen, die genauso unersättlich wissensdurstig durch die Pferdewelt laufen. Diese beiden habe ich ausgesucht, weil sie sehr erfolgreich sind UND weiter lernen wollen, weiter neugierig bleiben. Die Alternative wäre: Hochmut. Sich zurückzulehnen und den eigenen Weg als den einzig wahren zu verkaufen.

 

Doch das ist bei den beiden nicht zu spüren.

Sondern nur ganz viel Wissen wollen.

 

 

P.S.: Während ich diesen Text hier schrieb und zwischendurch auf facebook landete, sah ich einen Post von Claudia Butry. Sie ist Eckart-Meyners-Ausbilderin und gehört zu den Reitlehrern, die von Anja Beran empfohlen werden (und sie kommt zu uns, um zu unterrichten, im März, schaut HIER). Sie postet ein Zitat, mit dem Kommentar ‚so ist es auch beim Reiten’. Und das passt zu diesem Text hier sooo gut, dass ich es noch anhängen möchte. Also:

 

Willst du wissen, was der Unterschied zwischen einem Anfänger und einem wahren Meister ist?

Der Meister ist mehr Male gescheitert, als der Anfänger es überhaupt jemals versucht hat.

 

Könnte als Motto dienen oder? Also: habt eine schöne Woche!

Wie Boxenruhe erträglich wird

Unsere Art von Boxenruhe. Achtung, Ihr seid Zeugen eines seltenen Moments! Meine Fee fand schmusen hier ausnahmsweise super, seht Ihr die genießerisch lange Oberlippe? Foto: Klara Freitag

 

Das Pferd muss stehen. Seit Wochen. Natürlich ist das furchtbar langweilig, und wenn man dann auch noch einen Kandidaten hat, der Arbeit eigentlich auf die Stirn geschrieben trägt, wird es nicht einfacher. Wie man helfen kann. Und was Humbug ist. 

 

Das Pferd steht, oder genauer: darf Schritt gehen. Trauma auf dem Griffelbein bedeutet: es dauert Wochen.

 

Fees Laune ist so richtig mies
Ätzend. Ihre Laune ist schlecht, sie ist genervt, sie ist ein Arbeitstier, vom Gemüt her, kein Schmusepferd. Das macht es nicht leichter.

 

Was kann man tun, wenn das Pferd so lange stehen muss? Ich habe einige Sachen gefunden, die funktionieren und andere, die ich für Humbug halte.

Was funktioniert: 

1.     Keine Box. Pferd hat einen Offenstall für sich alleine, vorzustellen wie eine XXL-Box mit einem XXL-Paddock dran. Der ist noch schön langgezogen, so dass sie auf und ab spazieren kann. Zum Glück nutzt sie es nicht als Rennpiste. Dennoch spreche ich hier im Text oft von ‚Boxenruhe‘ – das ist nun mal der übliche Begriff, wenn es ums lange Stehen aus Krankheitsgründen geht.

2.     Nachbarn. Da kann ich nur dem Winter danken, denn ansonsten ständen ihre Paddock-Freunde auf der Weide, und nicht Zaun an Zaun bei ihr. (Sie freut sich übrigens mehr über die Warmblüter rechts am Zaun als über die Islandstute links vom Zaun. Und klar, es wäre schöner, wenn sie mit anderen Pferden gemeinsam stünde, ohne einen Zaun dazwischen. Es gibt jedoch Gründe wie Fütterung zum Beispiel, die das nicht möglich machen, momentan, leider.)

3.     Heu. Langsame Futteraufnahme, so dass sie immer was zu futtern hat. Bei uns im Heunetz. Immer gut gefüllt, sie muss nicht auf ihre Figur achten und daher ist das ohne Probleme möglich.

 

Von der Mineralbar bis zum nach-Äpfeln-tauchen

So. und jetzt googlet mal alle Boxenruhe und Pferd beschäftigen. Man findet da sehr viele Ideen.  Ich könnte Clickern, ich könnte Möhrenstücke im Stall verstecken, ich könnte Äste zum Beknabbern aufhängen. Ich könnte Äpfel in eine Wasserwanne schmeissen, sie schwimmen lassen, und zuschauen, wie mein Pferd versucht, sie rauszufischen. Ich könnte ihr Obstgehölze und Haselnusszweige anbieten, zur Abwechslung. Ich könnte Bälle aufhängen. Ich könnte ihr eine Mineralbar bauen.

 

Das wäre alles nett.

Und würde sie 20-60 Minuten beschäftigen.

 

An den anderen 23 Stunden des Tages kämen wir wieder zu Punkt 1 bis 3.

 

Boxenruhe erträglich machen

Fakt ist: Es ist langweilig und öde. Ich kann es kaum ändern. Alle Extras, die da oben aufgelistet sind, sind keine Langzeit-Zeittodschlager fürs Pferd. Sie befriedigen vielleicht meinen menschlichen Drang, ihr was Gutes zu tun. Aktionismus, wenn man es böse sagen will.

 

Denn das, was sie am dringendsten braucht, das darf ich ihr gerade nicht zukommen lassen: tatsächliche Bewegung.

 

Die Ideen mit den Beschäftigungsmöglichkeiten als puren Aktionismus abzustempeln – so weit würde ich nicht gehen. Ich finde das nicht total umsonst. Ich finde, es sind nette Ideen. Ein paar davon machen wir auch schon mal. Am besten finde ich noch, wenn ich es hinbekomme, dass sie zwei Mal am Tag besuchen kann. Sie freut sich immer, man sieht es ihr an, dass sie nach Abwechslung giert.

Spaziergang im Schnee. Zum Glück ist sie so brav, dass das ohne Probleme auch nach wochenlanger Pause möglich ist.

 

Licht, Luft, Freunde, und soviel Bewegung, wie möglich ist.

Nur, da darf Mensch sich nichts vormachen: Es ist langweilig, die meisten Stunden des Tages. Das ist Fakt, und ich kann dagegen nichts machen. Ist so. Erträglich machen die Wochen des Wartens nur die Grundbedingungen, die stimmen müssen: Licht, Luft, soviel Bewegung wie in ihrem Zustand möglich, Pferdefreunde, langsame Futteraufnahme. Punkt eins bis drei.

Die Basics. Die wertvollen.

P.S.: Wie meine Fee so tickt, das habe ich HIER beschrieben. Dann wird glaube ich jedem klar, weshalb für sie auch mit 24 Jahren (sogar bald 25, wohohooo! ) rumstehen so gar nichts ist.