Blöde Kommentare auf Facebook

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Das ist Lotta, Stallkollegin, beste Grimassenschneiderin, Gelegenheits-Feereiterin und ihr süßer Eldir. Foto: Klara Freitag

 

Als ich diesen Text hier über das Beurteilen von anderen Reitern fertig hatte, sagte jemand zu mir: „Da fehlt mir etwas. Diese Facebook-Kommentare, die nerven mich manchmal so! Immer dieses Gemecker!“

 

Deshalb geht es heute um das Gemecker.

 

Fangen wir mal bei dem an, was wir beeinflussen können: uns selbst. Wie sich meine Finger, ergo Deine, auf der Tastatur bewegen. Super einfache Regeln.

 

Ich sagte in diesem Text:

Und jetzt noch mal zurück zu den Internetkönigen und ihren scharfen Meinungen: Es ist erlaubt. 

Jeder, der in einem Restaurant essen war, darf hinterher sagen, ob es ihm geschmeckt hat oder nicht.

Und genauso verhält sich das mit Turnierplätzen.

 

Fehlt noch die Art und Weise, wie man das sagt. Nettiquette im Netz bedeutet, sich vorzustellen, man wäre nicht im Netz unterwegs. Also: meine Kritik an einem Reiter ist genauso scharf, wie ich es ihm (oder dem Koch im Restaurant) ins Gesicht sagen würde.

 

Uups! Wer von Euch traut sich jetzt noch?

Und wer von Euch macht das so?

 

Jede Tastatur und jeder Bildschirm baut Hemmschwellen ab. Unser Impuls, flott mal jemandem unsere Erfahrungen mitzuteilen, oder unsere Meinung zu geigen, ist am Bildschirm weitaus größer als in der Realität.

 

Wenn der Koch vor meinem Tisch steht, und fragt, wie es mir geschmeckt hat, wähle ich meine Worte. Und Du wahrscheinlich auch.

 

Wir wählen, wir hauen es nicht einfach raus. Das ist der feine Unterschied.

 

Im Internet unter Pferdeleuten geht’s aber oft nicht nur um den Geschmack, sondern darum, auf Gefahren hinzuweisen (liebstes Thema: die Kappe) oder das Pferd zu beschützen (sieht krank aus, sieht falsch ausgebildet aus, wird falsch ernährt, wird gequält).

 

Man braucht hier zwei Sachen: Höflichkeit und Arsch in der Hose. 

 

Im richtigen Moment und dosiert eingesetzt. Meint: Impulskontrolle.

 

Genau das kann jeder für sich selbst üben. Einfache Regel, höchst effektiv.

 

 

Was Deine und meine Worte tun

 

Egal, wie groß die Seiten sind, auf denen ihr unterwegs seid: dahinter stehen Menschen. Ich arbeite für pferdia tv, und die facebook-Seite des Unternehmens hat mehr als 110.000 Likes. Ob ihr es glaubt, oder nicht: wir, das sind so ungefähr zehn Menschen im Kernteam, lesen alle Kommentare. Es berührt uns, wenn ein Film, in den wir viele Stunden Gedanken, Arbeit und Sorgfalt investiert haben, gut besprochen wird. Genauso geht Kritik nicht so einfach an uns vorbei. Sie lehrt uns etwas oder ärgert uns oder bestätigt unsere interne Wahrnehmung. Wer kommentiert, ruft nicht in einen leeren Raum hinein. Es ist nicht anonym, auch wenn es in der Summe eine Kleinstadt an Menschen ist, die auf der Seite unterwegs sind.

 

Böses Wort: Die Kappe

Verrückter Weise gibt es aber immer wieder Situationen, die aus dem Nichts heraus eskalieren. Beispiel: Dressurreiterin postet ein Bild, auf dem sie in der Prüfung mit Dressurzylinder zu sehen ist. Jemand schreibt darunter, sinngemäß: „Das ist nicht vorbildlich, gerade Reiter auf S-Niveau sollten Kappe tragen!“  Man könnte darüber mit den Achseln zucken. Oder sagen: sehe ich nicht so. Oder sagen: sehe ich auch so. Ich meine – Kappendiskussionen, gibt ein ewigeres Thema unter Reitern? Gähn. Doch stattdessen entwickelte sich ein Sturm der Entrüstung, dreißig Kommentare ungefähr, die sich über diesen Kommentar ereiferten. Spitze des ganzen, der Wunsch: „Blockiert bitte diese Frau.“ Wohlgemerkt: Die Kappen-Verfechterin hatte sich nicht im Ton vergriffen. Verrückt, oder?

 

Und wenn jemand doof zu mir ist?

Wenn jemand blöd auf facebook über mich redet, dann sagt das vor allem etwas über diese Person aus. Wenn sich dem Zwanzig anschließen, auch über diese. Ich rede hier nicht von einem kritischen Dialog, sondern von Kommentaren ohne Substanz, die einfach nur negativ sind. Sie können mir piep-schnurz-egal sein.

 

Also: müdes Schulterzucken trainieren.

Hilft.

Funktioniert allerdings nur mit einem kühlen Kopf meinerseits.

 

Den habe ich – und genauso Du – nur, wenn ich

 

1. Mit mir selbst im Reinen bin und

2. Genug Distanz zum Thema habe.

 

Denn sobald in mir der Gedanke „Das ist ungerecht!“ aufkommt, und ich denke, mich wehren zu müssen, ist es vorbei mit der Gelassenheit.

 

Es gibt ein Forum auf facebook, das ich sehr gerne besuche, weil es im Reitsport das Forum ist, das am allerbesten moderiert ist. Ruhig, gelassen, sachlich, alle Teilnehmer werden immer wieder dazu aufgefordert, beim Thema zu bleiben. Irgendwann hatte der Moderator eine neue Phase – er brachte sich selbst und seine Erfahrungen mehr ein und konnte plötzlich gar nicht mehr so ruhig, gelassen und sachlich andere Meinungen stehen lassen. Das tat der Sache nicht gut.

 

Sobald es um Dinge geht, die uns super wichtig sind, die unsere Babys sind, ist es schwieriger, Distanz und Gelassenheit walten zu lassen. 

 

Was ich alles in die Welt quatsche 

Eine gute Bekannte sagte letztens zu mir: „Was Du da auf dem Blog alles von Dir preisgibst!“ Ich erzähle viel, ja. Wie ich hadere mit meinem ReitenWas ich gern des nachts tue. Aber: Alles, was da steht, ist für mich glasklar. Das kann jeder wissen, die Bäckereiverkäuferin, meine Nachbarn, meine Kollegen, Reitverein XY aus Pumpelshausen. Auch wenn es intim sein mag – diese Sachen gehören zu mir und meinem Leben, sie sind okay und dürfen genau so sein, sie gehören zu mir. Ich habe die angenommen und muss da nichts verstecken. Aber es gibt auch Dinge, über das ich nie auf den Blog schreiben würde: Alle Themen, mit dem ich hadere oder ringe, kommen da garantiert nicht drauf. Denn das sind meine Achillesfersen, die ich beschützen muss, so wie jeder Mensch auf seine Babies und weichen Stellen im Leben achten muss. Die schmeißt man nicht auf den Marktplatz, und guckt, was passiert. Die bespricht man mit Freunden, mehr Wissenden, oder geht in sich. Das geht höchstens im Nachhinein in die Öffentlichkeit. Wenn das Problem gelöst ist. Zum Beispiel hier, wo ich davon erzähle, wie das war, als das Pferd immer schlechter aussah. Aber was wäre wohl passiert, wenn ich alle Fakten, bevor ich Lösungen gefunden hatte, ins Netz gestellt hätte? Da hätte ich mir ordentlich blaue Flecken geholt.

 

Ist mir letztens übrigens auch passiert: jemand fand diesen Text hier unmöglich. Sie fand, dass ich Shetties schlecht mache und unmögliche Regeln für mein Kind aufstelle. Wir haben uns darüber auf facebook unterhalten, hier könnt ihr das lesen (Dies bitte nicht als Aufforderung verstehen, der Dame Kontra zu geben, die Sache ist erledigt!). Zugegeben: Mein Herz pochte schon, als ich den ersten richtig negativen Kommentar zu meinen Blogtexten las (Premiere!). Ich habe meiner Bürokollegin davon erzählt (mir Luft gemacht), einen Kaffee geholt, und mir dann überlegt, was ich antworte. Das ging dann ganz einfach. Weil all das, was ich mit Shetty und Kind tue, für mich okay ist. Das darf jemand anders aber dennoch doof und blöd und scheisse finden. Sein Bier.

 

Deshalb: beschützt Eure Achillesfersen und lehnt Euch ansonsten erst mal zurück, bevor Ihr in die Tasten haut. Und wenn jemand blöd daherredet – sein Problem.

 

Warum ich nicht reiten kann, aber über die besten Reiter urteile

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So sieht sie aus, meine Arbeit. Hier in der Vorbereitung zu einem Porträt für die Welt am Sonntag, das 2015 erschien. Foto: Thomas Rubel

 

 

Immer wenn ich Kommentare dieser Art unter einem Facebook-Post lese, zucke ich innerlich. Sie erscheinen stets, wenn ein Normalo-Reiter einen Promi-Reiter kritisiert und kommen in diversen Varianten daher, hier mal ein paar:

 

Erst mal selber besser machen!

Hah, ich möchte wetten, Du gehst selbst gar keine Turniere!

Wenn Du das besser kannst, dann poste doch mal ein Reitvideo von Dir!

Ich möchte mal wissen, was DU zuhause reitest!

 

Ich schreibe im Gegensatz zu den Menschen, die mit diesen Sprüchen á la ‚Schuster bleib bei Deinem Leisten’ gemaßregelt werden, nicht hauptsächlich auf facebook, sondern in diversen überregionalen Medien. Ich habe über Weltreiterspiele und über die EM berichtet. Ich schreibe über die führenden Köpfe der Weltranglisten. Neutral, positiv, negativ. So, wie es mir die Recherche nahelegt.

Und jetzt kommt’s: Ich kann nicht reiten.

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Die Deko über dem Bereich, in dem sich Presse und Reiter auf in Aachen treffen. Foto: Klara Freitag

 

Also nicht in dem Sinne reiten, wie es da gezeigt wird. Pferde gehören zu meinem Leben, klar. Ich juchze daheim, wenn ein Außengalöppchen nett klappt und freue mich, wenn ich mal weniger schief sitzend als sonst auf einem Reitvideo aussehe. Beruflich gucke ich mir internationale Grand-Prix-Prüfungen an. Und schreibe dann, für tausende Menschen lesbar, auf, ob das gut war, was ich da gesehen habe.

 

Furchtbar?

Inkompetent?

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Chaman vor dem Start. Foto: Klara Freitag

 

Nein. Völlig okay.

Weil: es hat nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun.

 

Der Literaturkritiker schreibt selten ein Buch, und noch seltener ein gutes. Und doch kann er genial sein für sein Publikum. Der Restauranttester ist meist allenfalls ein hervorragender Hobbykoch (gut, abgesehen von diversen neumodischen TV-Formaten). Und dennoch wissen Fans des Literaturkritikers oder Fans des Restauranttesters deren Urteile einzuordnen.

 

Das funktioniert und ist gut, wenn ein paar Faustregeln eingehalten werden:

 

  1. Seine eigenen Grenzen kennen

Ich kann über nichts schreiben, über das ich nicht noch mehr als 50 Prozent Wissen bereithalte, als man später überhaupt davon im Text lesen kann. Ich muss mir sicher sein, dass meine Beobachtung und meine Recherche stimmt.

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Vierzigtausend sollen es gewesen sein. Foto: Klara Freitag

 

  1. Recherche, Recherche, Recherche

Sich seiner Verantwortung bewusst sein. Hinsehen, oft. Manche Themen schiebe ich über Jahre vor mir her, weil ich den Eindruck habe: da fehlt noch ein Mosaikstein. Mit vielen Menschen sprechen. Auch mit vielen, die später gar nicht in Texten vorkommen. So nah dran kommen ans Thema wie nur möglich – und dann wieder Distanz einnehmen.

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Seinen Job machen. Gut. Egal wo, egal welche Ebene. Foto: Klara Freitag

 

  1. Nicht dazu gehören wollen

Ich bin kein internationaler Reiter. Ich bin kein Drahtzieher im Sportgeschäft. Und doch springen alle Wichtigen um mich herum, wenn ich in ihrem Umfeld recherchiere. Man kennt sich, sieht sich über Jahre. Ich habe Kolleginnen, die in die Szene geheiratet haben, so einige. Und viele von ihnen haben ihren Beruf an den Nagel gehängt. Es geht nur eins von beidem, wenn Du neutral bleiben willst. Du kannst Profi auf Augenhöhe sein – jeder in seinem Metier. Du kannst auch jemanden persönlich mögen – und musst Dich doch in kritischen Momenten immer für das entscheiden, was eine Ahnung von Wahrheit sein mag (nicht weil ich es aus einer Laune heraus so beschließe, sondern weil die Beobachtung und Recherche das ergeben haben). Und das kann richtig blöd sein, denn es gibt so einige Menschen im Reitsportzirkus, die sehr nett und sehr lustig und sehr kumpelig sind – und fürchterlich reiten.
Ohne diese Distanz bist Du vielleicht irgendwann gute Freundin, PR-Vertreterin, manchmal auch Ehefrau. Aber kein Journalist, der seinen Beruf korrekt ausübt.

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Wie war das mit dem schönen Hintern? Das Bild ist nach rein ästhetischen Merkmalen ausgesucht. Wir reden hier nicht über Bemuskelung, Hufe und so weiter. Foto: Klara Freitag

 

  1. Vor dem Können steht das Wissen

Dieser Reiterspruch trifft so sehr für diesen Beruf zu. Hunger nach Wissen ist absolut essentiell. Nur: Man wird nur besser in dem, was man ständig übt und tut. Ich verbringe die meiste berufliche Zeit am Rechner, unterbrochen von Reisen zu Ausbildern, Interviewpartnern und Events. Oder ich lese, um zu lernen. Aber mein Handwerkszeug schärfen, das tue ich mit der Tastatur. Gleichzeitig lerne ich wahnsinnig viel über Pferde und das Reiten. Dennoch: wer im Sattel nur eine Stunde am Tag verbringt, der mag viel über das Reiten wissen, aber das handwerkliche Reiten ist und bleibt das eines Amateurs. Das, was ich weiß, und das, was ich praktisch kann, divergiert extrem. Damit muss ich leben – und das kann ich, weil ich meinen Beruf liebe. Schreiben ist mein Sprachrohr in die Welt.

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Auf der Geländestrecke. Höhepunkt in Aachen, für mich auf jeden Fall. Foto: Klara Freitag

 

5. Mitschwingen

Das einzige, was ich mir nicht anlesen kann, was ich nicht beobachten kann, ist das Gefühl. Was ich nicht selbst erlebe, muss ich mir erzählen lassen. Ich behaupte: ich kann von jedem, der offen genug ist, mit mir ein intensives Gespräch zu führen, hinterher in Worte fassen, was dieser Mensch im Sattel oder in der Ausbildung mit seinen Pferden erlebt. Das funktioniert durch viel Empathie, sich einlassen können und eben einer besonderen Beziehung zur Sprache. Ich erlebe es oft, dass Menschen, mit denen ich zum ersten Mal gesprochen habe, hinterher verdutzt sind, weil sie zum ersten Mal ihre Gedanken zur Pferdeausbildung geordnet auf einem Blatt Papier sehen. Und überrascht sind. Das sind sehr schöne Momente.

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Ebenfalls jemand, der seinen Job macht. Mit dem Fahrrad sind sowohl die Hostessen in Aachen unterwegs, als auch der Turnierleiter. Der fährt aber ein abgeschrammtes weißes Modell. Foto: Klara Freitag

 

6. Positiv berichten

Unter Pferdeleuten höre ich oft: „Wir bräuchten eine Berichterstattung, die mal Positives vom Reiten erzählt!“  Ich bin nicht zuständig für ein positives Bild. Nennt man nämlich PR, auch ein Job, aber nicht meiner. Ich bin zuständig für den Ist-Zustand und das Erzählen von dem, was gerade passiert. Das beinhaltet das mit-dem-Finger-auf-etwas-zeigen genauso wie das Herausstellen guter Sachen.

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Im Moment sein. Gilt für alle, die das sind. Foto: Klara Freitag

 

7. Maßstab König Pferd

Es ist abgegriffen, es sagen so viele Menschen über sich, aber es ist nun mal so: Der Maßstab ist das Pferd. Wie sieht das Auge aus? Stressanzeigen? Zufrieden? Darum geht’s, egal in welcher Sparte. So, wie der legendäre Moderator Hans-Heinrich Isenbart stets sagte: „Und vergessen Sie die Pferde nicht“.

 

 

Vielleicht fragt sich der ein oder andere, was trotz dieser ganzen Punkte jemanden dazu qualifiziert, über eine Sportart zu berichten. Das Ding ist: Es gibt kein starres Ausbildungssystem, keine Prüfungen. Es ist eine eher natürliche Selektion: die Chance haben, anfangen, arbeiten und sich bewähren. Wieder gefragt werden, weitermachen.

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Am Ende des Tages musst Du Dir selbst im Spiegel gegenüberstehen und in die Augen sehen. Alles andere: vergänglich. Foto: Klara Freitag

 

Mein erstes Bewerbungsgespräch bei einem Reitsportmagazin war im Jahr 2000. Ich saß da, um eine Praktikumsstelle zu bekommen, und sollte erzählten, was mir wichtig wäre an diesem Beruf und in diesem Sport. Ich sagte: „Ich will nicht mein persönliches Ausbildungskonzept propagieren. Ich will erzählen und weitergeben, was Ausbilder lehren.“ Das könnte ich heute noch so sagen. Zu entscheiden, wer in einem Text zu Wort kommt und wer nicht, lenkt natürlich auch eine Menge. Aber da sind wir wieder bei einem der oberen Punkte: beobachten, sprechen, recherchieren. Ich hatte auch meine Griffe ins Klo. Ausbilder, die ihre eigenen Ansprüche nicht erfüllen, mehr Schein als Sein. Ausbilder, von denen man Jahre später ein ganz anderes Gesicht zu sehen bekommt.

 

Und jetzt noch mal zurück zu den Internetkönigen und ihren scharfen Meinungen: Es ist erlaubt. Jeder, der in einem Restaurant essen war, darf hinterher sagen, ob es ihm geschmeckt hat oder nicht.  Und genauso verhält sich das mit Turnierplätzen.

P.S.:

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Ach ja, da war ja noch etwas: Die Nominierung zum Silbernen Pferd, DEM Medienpreis für Journalisten im Reitsport! Wurde auf dem CHIO Aachen verliehen, ich war nominiert als eine von drei Journalistinnen im Bereich Print. Gewonnen hat ein Beitrag aus „Die Zeit“, ein Porträt des Fotografen Jaques Toffi von Anna von Münchhausen. Klar, ich hätte auch gern das silberne Ding gehabt, statt ein Plakat hinter Glas. Egal – wer weiß, was  noch so kommt! Es war dennoch ein richtig toller Abend! Die kleine Pippi Langstrumpf neben mir ist verkleidet, weil das Motto der Eröffnungsfeier Schweden war. Wir sind in der Kutsche im großen Stadion umher gefahren und haben wie die Queen (oder das Karnevalsmariechen, hust) gewunken. Schön!

Mein Text für das „Silberne Pferd“

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Daumendrücken! Heute Abend wird >Das Silberne Pferd< verliehen. Ich bin nominiert- und zwar mit diesem Text hier, der im Vorfeld der EM 2015 entstanden ist.  Es ist der größte Preis der Szene! Vergeben wird er vom Deutschen Reiter- und Fahrerverband und dem ALRV, das ist der Veranstalter des Turniers CHIO Aachen. Ganz, ganz besonders freut es mich, dass es ein kritischer Text ist. Die Dressurausbilder Dr. Britta Schöffmann und Jan Nivelle waren so mutig, in diesem Text in Zitaten auch Kritik am System zu üben. Das ist selten & großartig! Danke den beiden für ihren Mut! Yeah! 


Warum ich gerade den eingereicht habe: Der Text spricht viele Punkte an, die später auf der EM diskutiert wurden und zeigte so schon vorab eine gute Einschätzung von Lage & Chancen des Dressursports. Zugleich wird einem nicht-reitendem Publikum erklärt, worum es geht, wenn sich für die Augen des Laien einfach nur Pferde auf Sand hin- und her bewegen. Unterstützt wird der Text mit Illustrationen von Maria Mähler (www.maria-maehler.de),  die erklären, wie eine korrekte Piaffe aussehen soll – und wie eben nicht. Die Idee von Text & Bild: Dass unser Fachchinesisch eben keins mehr ist!

Hier der Text zum Nachlesen:

Totilas‘ Schatten
Beinahe spielerisch berühren die Hufe von Totilas den Boden. Jeder Muskel ist markant. Der schwarze Hengst verführt die Zuschauer allein durch seine Ausstrahlung. Mehr als ein Jahr musste es verletzt pausieren, das Wunderpferd, das Millionen kostete. Es hieß, er habe sich selbst gegen ein Überbein getreten. An diesem Sommertag ist von all dem nichts mehr zu sehen. Totilas siegt, und sein Reiter Matthias Alexander Rath strahlt. Die beiden erhalten Traumnoten und lösen ihr Ticket für die Heim-Europameisterschaften in Aachen (11.–23. August). Totilas kehrt ins deutsche Nationalteam zurück. Doch mit ihm auch große Probleme.

Fünfzehn ist Totilas mittlerweile. Wenn alles gut läuft, hat er noch einmal die Chance, zu Olympischen Spielen zu fahren. „Er hat nach wie vor sein Bewegungspotenzial, eine wahnsinnig gute Piaffe-Passage-Tour“, schwärmt Reiter Rath. Gerade darüber wird hinter den Kulissen heftig diskutiert. Denn die Reitweise, mit der Totilas trainiert wird, ist umstritten.

Es geht um Bewertungsmaßstäbe der Punktrichter und den dadurch entstehenden Druck in der Pferdeausbildung. Amateure, Profis, Ausbilder, Liebhaber und Breitensportler, die ganze Szene ist sensibilisiert. Zuschauer stehen am Rande der Turnierplätze und beobachten jede Bewegung der Tiere. Ob das Pferd den Hals richtig trägt. Ob der Reiter zu stark an den Zügeln zieht. Ob er seine Schenkel unfair einsetzt, es mit Sporen pikst. Fotos davon werden auf Facebook, Instagram und in Internetforen geteilt.

„Die Menschen möchten keinen Druck in der Pferdeausbildung sehen“, sagt Ausbilder Jan Nivelle, „das erzürnt sie. Und man kann ja auch Pferde ausdrucksstark und spektakulär zeigen, ohne Druck anzuwenden.“ Der Ausbilder aus Mönchengladbach kennt die Szene. Er war selbst Trainer der spanischen Nationalmannschaft, heute unterstützt er einzelne Spitzenreiter, auch seine Schützlinge nehmen an der EM in Aachen teil.

Dass Matthias Rath gelernt hat, Totilas zu leiten, ist vermutlich das Ergebnis der Zusammenarbeit mit Sjef Janssen. Erst seit der ihm hilft, läuft es mit Reiter und Pferd. Der niederländische Trainer aber gilt als Inbegriff der sogenannten Rollkur. Bei ihr wird der Hals des Pferdes stark gedehnt, das Pferdemaul in Richtung Brust gezogen. Janssen, der das Wort Rollkur nicht mag und sein Training „Low-Deep-Round“ nennt, wird dafür heftig kritisiert: Seine Methode sei nicht tiergerecht. Es gibt zahlreiche Studien dazu. Die meisten belegen, dass eine Rollkur dem Pferd Schmerzen zufügt, aber es gibt auch Studien, die zu anderen Ergebnissen kommen. Unbestritten hingegen ist sein Erfolg. Janssen hat viele Reiter und Pferde in den Grand-Prix-Sport gebracht.

Dass Sjef Janssen nun das deutsche Vorzeigepferd im Nationalteam trainiert, ist eine Kehrtwende. Deutschland gilt als die Nation, die auf die Einhaltung der klassischen Lehre zugunsten der Pferde pocht, allen voran das in Reiterkreisen prominente Bündnis Xenophon und der deutsche Berufsreiterverband. Beide kritisieren Janssen scharf.

Was Trainer wie Janssen vor allem schaffen: Pferde spektakulär aussehen zu lassen. Das gelingt ihnen durch ein enormes Anheben der Vorderbeine, es erzeugt viel Ausstrahlung. Da möchten auch andere mithalten. Wer es kann, macht das ohne Druck fürs Pferd. Wer es nicht kann oder wem der konventionelle Weg zu lange dauert, der arbeitet eben mit Druck.

Kürzlich machte in den sozialen Netzwerken ein furchtbares Bild von Rath und Totilas die Runde. Aufgenommen in Hagen auf dem Vorbereitungsplatz. Kurz bevor die beiden ihre Traumnoten bekamen. Der Hengst strampelt vorn mit großen Bewegungen, hinten kommt er mit den Beinen nicht mit, den Kopf trägt er zu tief. Alles nicht gut für die Biomechanik eines Pferdekörpers. Im Hintergrund war auf einer Bandenwerbung zu lesen: „… weil es funktioniert“. Viele Menschen empfanden das Bild als furchtbare Zustandsbeschreibung und teilten es.

Das geht sehr schnell im Netz, manchmal etwas vorschnell. Erst in der vergangenen Woche traf es Jessica von Bredow-Werndl, eine der Reiterinnen, die durch besonders feines Reiten auffällt. Auf einem Foto war zu sehen, dass das Pferd zu eng am Hals gehalten wurde, es war mit der Nase hinter der Senkrechten. Die Empörung war groß. Die Reitszene ist empfindlich geworden. Nur bedeuten solche unschönen Fotos nicht automatisch, dass ein Reiter schlecht ist. Erst die Häufigkeit solcher Momentaufnahmen hinterlassen einen Eindruck. „Mich regt das wahnsinnig auf, wenn die Leute zu Fehlerguckern werden und nicht mehr das Gesamtbild anschauen“, sagt Jan Nivelle. Der Ausbilder ist jemand, der sich über die Entwicklung der Dressur Gedanken macht. Der für eine Pferdeausbildung ohne Druck steht.

Natürlich gibt es feinfühlig reitende Sportler auf höchstem Niveau. Reiterinnen und Reiter der neuen Generation haben ein neues Erfolgsmotto: Wir möchten zeigen, dass man ganz oben reiten kann und gut zum Pferd ist.

Schwarze Schafe aber werden selten geoutet. Nur wenige wagen es, das System, die Punktrichter, andere Trainer oder gar konkurrierende Reiter zu kritisieren. Jan Nivelle ist einer dieser wenigen, die für klare Worte stehen. Er sieht Entwicklungen, die ihm nicht gefallen. Etwa die Bewertung der Piaffe. Vereinfacht ausgedrückt, setzt das Pferd dabei seine Füße trabähnlich auf und nieder, und bewegt sich dabei kaum von der Stelle. Diese Lektion gehört zu den schwersten überhaupt. Nivelle: „Piaffen, die schnell und energisch sind, bekommen mehr Punkte als Piaffen, bei denen man dem Hinterbein die Zeit gibt, sich zu beugen.“ Wer also nach den Lehrbüchern ausbildet, hat das Nachsehen. „Man muss sich fragen: Sind wir da auf dem richtigen Weg? Wird das Energische übertrieben?“, sagt Nivelle. „Den Reitern bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder kann man die Bewertung kritisieren und man bekommt die Quittung. Oder man passt seine Reiterei der Bewertung an.“

In der Dressur gibt es wie in vielen anderen Sportarten auch Modeerscheinungen. Einst wurden zum Beispiel die Traversalen, eine Seitwärtsbewegung des Pferdes, plötzlich mit großen Tritten gezeigt. Heute gehört das zum Standard. Spektakel ist gefragt, weniger Korrektheit. Frank Kempermann ist Turnierleiter in Aachen und Vorsitzender des Dressurkomitees des Weltverbandes der Reiterei (FEI). Er fordert: „Unsere Dressurreiter müssen spektakulär sein. Wenn die Richter hohe Noten geben, wenn Pferde Stars sind, und die sorgen für volle Stadien, dann ist der Veranstalter froh.“

Das sieht nicht jeder so. Ausbilderin Dr. Britta Schöffmann, bekannt durch ihre zahlreichen Lehrbücher, kritisiert: „Die Reiterei immer TV-tauglicher zu machen, daran krankt der Sport. Ob etwas gut oder nicht gut bewertet wird, wird sich irgendwann daran messen, ob ich Sendezeit dafür bekomme oder nicht.“ Sie stellt damit die Neutralität der Richter infrage. Vermutlich wünscht sich auch deshalb die Mehrheit der Aktiven, dass Richter stärker als Hüter der klassischen Lehre auftreten sollten. Frank Kempermann weiß das, sagt aber, er sei zufrieden mit seinen Richtern, sie würden viele Schulungen durchlaufen: „Mein Anliegen ist es zu überlegen: Wie kann man den Sport besser verkaufen? Da muss man auch mal eine Bombe reinwerfen, etwas zum Diskutieren bieten.“

Als eine solche Bombe hat sich sein Vorschlag entpuppt, die Kür zu verkürzen. Die Aktiven waren entzürnt, die Funktionäre begeistert. Der Vorschlag wurde dennoch verworfen. Um Kempermanns leidenschaftslose Marketingstrategie zu verstehen, muss man auch den Druck bewerten, unter dem eine Turnierveranstalter anno 2015 steht: Immer mehr Reiter verlassen traditionelle Turniere und starten lieber dort, wo es viel Geld zu verdienen gibt. Das ist überwiegend in Asien und in arabischen Ländern der Fall. Die Aachener schaffen es seit Jahren, ihr Turnier stark zu halten, was wirtschaftlich nicht leicht ist. Kempermann möchte die Reiterei in kleinen Schritten auf das moderne Zeitalter einschwören. Er lässt sogar ein IT-System testen, das die Bewertung von Küren gerechter machen soll.

Aachen bietet seinen Zuschauern eine eigene EM-App, mit der sie Richter spielen dürfen und Noten vergeben können. Das hat natürlich keine Konsequenz auf das tatsächliche Ergebnis, aber es macht Spaß und ist modern. Die Sorge, die Dressur könnte eines Tages aus dem olympischen Programm gestrichen werden, vertreiben Menschen wie Kempermann auf diese Art.

Eines darf dabei jedoch nicht durch den Rost fallen: die Liebe zum Pferd. Es wäre eine Tragödie, wenn gerade die Reiter, die auf eine Ausbildung ohne Druck setzen, durch ein modernes System verlieren würden. Es wäre ein großartiges Zeichen, in Aachen einen zusätzlichen Preis für besonders faires Reiten auf dem Vorbereitungsplatz zu vergeben. Kempermann findet die Idee charmant, er sagt, er werde darüber nachdenken.

In den kommenden Tagen wird Totilas sein Bestes geben. Matthias Rath möchte mit ihm eine EM-Medaille gewinnen. Die Skepsis wird ihn begleiten. Möglicherweise sogar bis zu den Olympischen Spielen nach Rio.

Eine Sommernacht mit Superman

Supermans Geschoss: Vollbluthengst Asagao xx vom Söderhof. Mutig, geschickt, rittig.

Supermans Geschoss: Vollbluthengst Asagao xx vom Söderhof. Mutig, geschickt, rittig.

Text: Jeannette Aretz
Fotos: Klara Freitag

Warum ich das Reitturnier in Aachen besonders mag, wisst Ihr, wenn Ihr diesen Text über Hans Günter Winkler und meine Familie gelesen habt. Am spannendsten sind für mich die Abreiteplätze. Ich will wissen, wie wer sich vorbereitet, oder, noch besser, eine Trainingseinheit dreht. Vielleicht habt ihr die erschreckenden Bilder aus Falsterbo, die gerade im Internet kursieren, gesehen. Ich sehe viele Leute, die darunter schreiben: genau aus dem Grund gucke ich mir keine Turniere mehr an.

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Ingrid und Michael Klimke beim Einritt zu ihrem Pas des Deux.

 

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Bisschen wie Zeltlager, oder? Blick auf die Stallungen der Voltigierer aus Großbritannien. Alle Fotos: Klara Freitag

 

Ich kann das einerseits verstehen. Andererseits erlebe ich genau bei solchen Menschen oft, dass sie sich Abreiteplätze grundsätzlich als das Horrorkabinett ausmalen, welches da in Falsterbo dokumentiert wurde. So ist es aber nicht immer, ständig, überall. Das ist einfach falsch.

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Diese Farben! Ganz großartig.

 

Ich will das nicht klein reden: Es ist schlimm genug, dass es möglich ist, solche Bilder wie in Falsterbo zu machen. Aber der stetige Abgleich mit der Realität ist für mich ein Muss. Sonst gibt es nur eine dunstige Vorstellung von dem Turnierreiten, dem Sportreiten, der konventionellen Reitweise, die zu Behauptungen führt, die nicht richtig sind. Und dadurch berechtigte Kritik verwischen. Eben das darf nicht passieren. Ich kann nur auf Wunden zeigen und Applaus für Gutes geben, wenn ich hinsehe.  Das ist mein Grund, Turnierberichterstattung interessant und nicht entbehrlich zu finden. Auf dem Abreiteplatz bin ich am liebsten zu eher unmöglichen Zeiten, nicht nur kurz vor wichtigen Prüfungen.

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Alizée Froment mit Mistral.

 

Abreiten vor Shows ist noch mal so eine ganz andere Kiste. Schlechtes Reiten ist hier genauso oft zu finden, wie im Turnierzirkus, ich behaupte sogar: auf einem niedrigen Level sogar noch häufiger. Es gibt aber auch große Shows (zum Beispiel diejenige, die mit A anfängt), mit denen man mich jagen kann. Ich kann keine durch gute Lichtshows perfekt inszenierte Sachen genießen, wenn ich dabei fast nur schlechtes Reiten sehe. Das war in Aachen  anders. Das Turnier startete mit der Show „Pferd und Sinfonie“, dabei spielt das Orchester der Stadt Aachen live im Dressurstadion, während Schaubilder gezeigt werden. Die Pressetribüne ist so geschickt platziert, dass man nur den Kopf zur Seite bewegen muss, um abwechselnd den Abreiteplatz und das Viereck sehen zu können.

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Die Geschwister Klimke auf den Füchsen von Michael Klimke.

 

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Trabrennfahren als Quadrille: Das war sehr ordentlich, harmonisch und schön anzuschauen. Kamen aus Schweden und fuhren zu – na, Musik von Abba.

 

Es gab nur ein Schaubild, das mir reiterlich nicht gefiel (eine Dressurquadrille, Kandaren am Anschlag, grellig gerittene Pferde) und eins, das mir so halb gefiel (noch eine Dressurquadrille, weniger krass auf Show geritten, aber auch nicht bei allen Reitern schön anzusehen). Dazu noch eine Freiheitsdressur, vor deren Leistung ich zwar den Hut ziehe, aber die irgendwie nicht die meine ist. Ich brauche keine Hunde, die auf Pferden reiten. Aber das ist ein persönliches Ding.

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Sylvester war gar nix dagegen. Feuerschiff der Voltigierer, eine Nummer mal ganz ohne Pferd.

 

Also: das ist ein fantastischer Schnitt für einen kritischen Menschen wie mich! Denn ansonsten war es ganz wunderbar! Ingrid und Michael Klimke im Pas des Deux, der Vollblüter Asagao xx in seiner tollen Springnummer, die ich immer schon mal live sehen wollte, einen Haufen superschneller Islandpferde, Alizée Froment in ihrer Paradenummer mit Mistral, dazu noch in einer anderen Nummer einige Stuntman und Adler.

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Superman fliegt jetzt nur noch mit Untersatz. Ein toller Kerl, dieser Asagao xx. Nur dass der Schritt vom Zuchtleiter hochgelobt wurde, versteh‘ ich nicht so – das wäre das Erste, worauf ich bei einer Stute mit ihm achten würde. Das Gesamtpaket Asagao xx  gefällt ausgesprochen!

 

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No drama. Sondern Bilder, die man sich angucken konnte, auch jenseits des Vierecks.

 

Und die Trabrennpferde! Diese Quadrille kam aus Schweden, und auf dem Vorbereitungsplatz konnte man sehen, wie Traber vor dem Sulky auch vorwärts-abwärts gearbeitet werden können. Das war wirklich schön!  Dazu hat Aachen noch alles gegeben, was wettertechnisch drin war: Cote d’Azur gleiche laue Luft und ein wunderschöner Abendhimmel. Klara hat fotografiert, und ich glaube, man spürt ganz gut, wie entspannt und fein die Stimmung war.

Kleine Vorschau: ich habe ein paar schöne Videointerviews gedreht, die findet Ihr in den nächsten Tagen auf der facebook-Seite des Blogs!

Kleine Vorschau: ich habe ein paar schöne Videointerviews gedreht, die findet Ihr in den nächsten Tagen auf der facebook-Seite des Blogs! Ingrid Klimkes Outfit war der Knaller.

 

Hier sind noch einige schöne Momente für Euch:_DSC8616

 

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Von Glühwürmchen und der richtigen Einstellung

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Auf des Nachbars idyllischer Weide – mit dem Kleinen und der Großen. Foto: Klara Freitag

 

Glühwürmchen in der Luft, es riecht nach frischem Regen und nach Linden, ich laufe durch Pfützen nach Hause und hatte gerade die besten 40 Minuten im Sattel seit Jahren. „Reins long and praise!“, dieser Lehrspruch passte heute so, und genauso habe ich es gemacht. Es war jedoch nicht mehr nur ein guter Lehrspruch, sondern ich fühlte es von oben bis unten, es wollte raus aus meinem Bauch voll Glück und hätte es am liebsten in die Welt hineingerufen. Als ich später im Halbdunkeln nach Hause unterwegs bin, ist das ganze Endorphin noch da. Viele ungute Nachrichten in letzter Zeit von Menschen gehört. Nichts, was mich persönlich betrifft, aber dennoch traurig. Doch an diesem Abend ist die Welt perfekt.

Einer der besten Momente war das. Er erinnerte mich an etwas, das Alizée Froment ziemlich am Ende ihres Lehrfilms sagt. Nämlich:

„Vergiss niemals, wie glücklich es macht, mit Pferden zu leben, auch nicht, wenn Du im Turniersport erfolgreich sein möchtest, oder wenn Du Shows reitest oder andere Ziele hast. Liebe Dein Pferd für seine ganz eigene Persönlichkeit – und nicht dafür, was Dir gibt. Dann ist Dein Gefühl ein völlig anderes. 

Du fühlst Dich aus tiefem Herzen frei. Und zwar nicht, weil Du kein Zaumzeug am Pferd hast und dennoch alle Lektionen reiten kannst. Sondern, weil Du Dich eins fühlst mit Deinem Pferd. Dieses Gefühl kann Dir keine Goldmedaille der Welt geben.“ 

Meine Medaillen sind natürlich andere: Es ist der nächste Kurs, der nächste Unterricht, mein Planer am Sattelschrank, in dem ich nachschaue: wie viel hat das Pferd getan, war die Mischung gut? Das sind meine Ziele, mein Hinsehnen nach einem neuen Level von Reitsport.

Wenn ich jedoch diese  Worte von Alizée Froment ernst nehme, dann trete ich geistig drei Schritte von all meinen persönlichen Zielen zurück. Nehm’ den selbstproduzierten Druck heraus. Ohne an Engagement zu verlieren. Aber seh einfach nur das Pferd und freu mich an ihm, wie es ist. In aller Unperfektheit und Einzigartigkeit.

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Genau einen Tag nachdem wir diese Fotos gemacht haben, regnete es so stark, dass alle Pusteblumen vernichtet waren. Timing! Foto: Klara Freitag

 

Und wenn mir genau das gelingt, dann gibt es diese Geschenke wie den Tag, wo ich durch die Pfützen stiefelte, obendrauf. Muss man nix für tun. Nur machen, leben, dasein.

 

Easypeasy und immer wieder von neuem meine Aufgabe.

Warum mein Gehirn sich verabschiedet, wenn ich reite

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Genau so sieht mein inneres Bild von meinem Leben mit Pferden aus. Nur um das zu Erreichen, ist genau das Gegenteil vom Rumliegen nötig. Foto: Klara Freitag

 

 

Warum ich im Supermarkt reiten übe und beim Reiten zu keinem Smalltalk fähig bin. Und was das mit der ultimativen Herausforderung zu tun hat.

 

Auf dem Reitplatz, ich im Sattel, Kind auf der Bank. Kind hat Langeweile, Kind schlägt vor, es könne Wörter buchstabieren üben. Gute Idee. Also

 

…. SAND!

….ähhh.… ZAUN!……äh….äh..

„Mama, schneller! Ein neues Wort!“ 

… ähhhh....GRAS!….TRENSE!…

...ähhh... SAND!

„Mama, das hatten wir schon!“

Mir fallen nur extrem wenige Wörter ein, und es dauert ewig, bis ich ein neues Wort rufen kann.

 

Ich war total überrascht, dass mein Hirn während des Reitens kaum Wörter ausspucken konnte, und wenn, dann fast nur Wörter von Dingen, die ich genau vor meiner Nase sah. Scheint also sehr beschäftigt zu sein, wenn ich im Sattel sitze.

 

Multitasking im Sattel, absolut unmöglich!
Allerdings übe ich Mutitasking beim Reiten jetzt. Völlig unfreiwillig. Ich reite im Supermarkt, hinterm Autolenkrad und beim Telefonieren. Beziehungsweise: Ich trainiere meine Reitmuskeln da. Weil: Auf dem Sitzschulungskurs mit Elaine Butler zeigte sie mir, dass ich hundertmal besser auf dem Pferd sitze, wenn ich meine Köperspannung deutlich erhöhe. Genauer: Die Bauchmuskulatur besser stabilisiere. Sie legte mir einen Neoprengurt für Rückenkranke um die Taille. Darin sind so stabilisierende Stäbchen, die eigentlich hinten um die Lende gelegt werden. Elaine nutzt die für Reiter umgekehrt, also feste Seite nach vorn an den Bauch, weichere Seite an den Rücken. Das sollte ich schön fest ziehen, fast wie ein Korsett. Dagegen dann mit der Muskulatur von unterem Bauch, oberen Bauch und Tailleg gegendrücken. Sich vorstellen, man sei ein fester Karton, zu allen Seiten ausgestopft. Das klingt komisch, aber ich habe auf Videos sofort sehen können, dass ich damit besser sitze und das Pferd besser geht. Also übe ich das jetzt auch zuhause. Habe ich Elaine sofort per Chat erzählt.

 

Jeannette: Ich hab übrigens soeben so einen Gurt bestellt und bekommen! Sieht ja auch besser auf Fotos aus, ne?! Versteckt meine kleine Wampe ;o))

 

Elaine: Es ist ganz wichtig, dass du mit Gegendruck gegen den Gurt arbeitest, nicht einfach dich zusammenhalten lassen von ihm, gell’ ;o))

 

Jeannette: Elaine, wie könnte ich! Ich bin schon heute durch den Supermarkt wie ein Karton gelaufen!

 

Elaine: HAHAHAAAA! Genau, und den vollen Einkaufswagen vor dir her schieben hilft auch, die Bauchmuskeln aufzubauen LOL

 

Jeannette: So ein Einkaufswagen ist tatsächlich sehr gut geeignet, um das Atmen beim Anspannen zu üben, einfacher, als auf dem Pferd, wo man noch 100 Sachen mehr machen muss :o)

 

Elaine: Perfekt. 10,000 Wiederholungen machen den Meister …

 

Jeannette: Arghhh!!!!! Was machst Du mit meiner Motivation!

 

Elaine: Wenn du ‚es‘ 10x in der Stunde probierst, 10 Stunden am Tag, hast du in 10 Tagen besser im Sinn, und nach 3 Monaten wie im Schlaf!

 

Jeannette: Okidoki…..klingt schon machbarer… ich trete die  „DIE ELAINE CHALLENGE“ an, mit Timer!

 

Beim Elfmeterschießen

Seitdem sitze ich vor dem Fernsehen und spanne meine Bauchdecke beim Elfmeterschießen der EM an. Ich spüre meinen Muskelkater, während ich am Schreibtisch sitze. Ich laufe durch den Supermarkt und vergesse Nudeln zu kaufen, weil ich ja neben dem Bauchanspannen und Einkaufswagenschieben auch noch ans Atmen denken muss. Prioritäten, ne. Das Kind und den Hund und den Mann und das Pferd habe ich zum Glück noch nicht vergessen, vor lauter Elaine-Muskel-Challenge und so.

 

Wer’s nicht glaubt: Probiert es selbst mal aus. Während ihr reitet, Wörter sagen, die nichts mit Pferden zu tun haben. Oder Bauchdecke anspannen und Einkaufswagen schieben.

 

Meisterleistungen, sag‘ ich euch!

 

 

Packt die Gummistiefel aus, es ist Sommer!

Ein paar Gedanken über diesen merkwürdigen Sommer.

Ich bin am Samstag im strömenden Regen ausgeritten. Durch Pfützen. Durch Matsch. Unter nassen Buchenblättern hindurch, die wie von Wasser lackiert glänzten und so noch grüner als sonst aussahen. Der Wald war leer, zu hören nur das Knistern unserer Regenklamotten, die Hufe der Pferde und viele Vogelstimmen. Das Pferd prustete vor Vergnügen. Ich schwitzte – immerhin trug ich fünf Schichten Bekleidung. T-Shirt, Pulli, Fleeceweste, Windjacke, Regenmantel.

Wohlgemerkt: Ende Juni.
Aber hey, dieser Juni ist ja äußerst vielseitig: Zwei Tage zuvor hatten wir 33 Grad, ich hab das Pferd gekühlt, mir die schönsten Schuhe (und die geeignetsten für so etwas) mit dem Wasserschlauch ruiniert und mir einen kleinen Sonnenbrand geholt.

So bist Du, Du Sommer 2016.

Du unverschämtes Ding.

Jemand notierte letztens: Das schönste am Regen ist nach dem Regen. Stimmt. Es riecht fantastisch. Die Welt ist reingewaschen. Das Pferd staubt auch kein Stück mehr, so oft hat das Wetter seinen Pelz gespült. Ich habe mir in den letzten Tagen gefühlt hundertfach die Hosen nass gemacht, weil ich im kniehohen Gras zu Fee gelaufen bin. Auf dem Nachhauseweg komme ich an ihrer Weide vorbei, und oft halte ich an, um nochmal kurz Hallo zu sagen.

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Das Bild ist vom Frühjahr, der Look ist eindeutig Sommer 2016. Foto: Klara Freitag

 

Es ist wurscht, dass es nass ist. Es sumpft zwar unter den Schuhen, die Gräsersamen kann ich hinterher aus den Ballerinas herauskippen und zwischen meinen Zehen heraussuchen, aber es riecht toll, dieses nach-dem-Regen-Wetter. Ebenso wunderbar: abends noch mal mit nackten Füßen durch den klatschnassen Rasen hinterm Haus zu laufen.

 

How to kill your favourite shoes in 10 minutes #fightingtheheat #equestrian #33degrees

10 Minuten Pferd gewaschen, und Deine Schuhe sind ruiniert. Todsicheres Rezept, für Euch getestet. Sind natürlich sowieso völlig ungeeignete Dinger für den Stall. Saugefährlich. Nicht nachmachen. Ist auch besser für die Schuhe.

 

Irgendwie finde ich ihn trotz allem nicht deprimierend, diesen Regen. Immerhin erlaubt mir dieses Wetter, abwechselnd meine beiden Lieblings-Fußbekleidungen zu tragen: Ballerinas und Gummistiefel.

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Aktuelle Lieblingstreter. Aus England. Mit Pferdchen drauf. Ist natürlich kein echtes Fell.

 

Ich habe eigentlich keinen Schuhtick. Ausgenommen sind da allerdings: knallrote Ballerinas (weil man sich so langweilig anziehen kann, wie der Schrank und mein Blick am frühen Morgen es so hergibt, und diese Schuhe alles herausreißen) und besondere Gummistiefel. Meine liebsten hatten Schottische Terrier drauf gedruckt, die aktuellen sind mit klassischen Reitmotiven verziert. Beide aus UK, die sind stiefeltechnisch einfach am besten (ja warum wohl?). Auf meiner Wunschliste stehen schon immer welche mit der britischen Flagge drauf. Aber irgendwie gefällt mir blau mit Sternchen gerade viel besser. Still shocked.

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Oben Joules, unten Joules. In der Mitte Designerin aus Berlin. Sie arbeitet mittlerweile als Kostümbildnerin. Ist also nicht mehr zu  haben, der Rock. Das Tuch habe ich meinem Kind geklaut.

 

Das Einzige, was mir an dem Regen so wirklich Sorgen macht, ist die Sache mit dem Heu.

Wo bist Du, Heuwetter?

Kannst Du Dich aus solchen seltsamen Bundesländern wie Brandenburg und Baden-Württemberg mal hier in den Westen herüberschwingen? Was soll das Pferd essen im Winter, wenn das hier so weitergeht? Mal abgesehen davon, dass es keine vier Tage am Stück mal sonnig genug war, ist der Boden im Moment viel zu nass, um mit dem Trecker eine Weide zu befahren. So langsam sind die Gräser so lang, dass man bangen muss, dass sie umkippen. Für wie viel wird ein ordentlicher Rundballen im Winter gehandelt, wenn das so weitergeht? Hundert Tacken?

Nicht gut. Ich warte auf Nachricht von Dir. Meld‘ Dich mal, Heuwetter.

Da hatte diese süße Schnauze noch einen Winterbart. Seht Ihr den Marschfleck auf meiner Leggins? Könnt Ihr als Beweis für diesen Text HIER werten.

Da hatte diese süße Schnauze noch einen Winterbart. Seht Ihr den Marschfleck auf meiner Leggins? Könnt Ihr als Beweis für diesen Text HIER werten. Fotos: Klara Freitag

 

So lange ernte ich Brenesseln, um es dem Pferd an den wenigen knallheißen Tagen leichter zu machen, und finde ansonsten, dass man bei 20 Grad im Regen immer noch besser reiten kann, als bei 33 Grad in der Sonne.

Und das sag ich, als absolutes Sonnenkind. So weit hat er mich also schon, dieser echt spezielle Juni. Verrückt.

Hallas Mann

Was Hans Günter Winkler, der VW Käfer meiner Familie, Morphium und die Kois alles miteinander zu tun haben.

Winkler halla 1955

Mit seiner Stute Halla im Jahr 1955. Hans Günter Winkler wird demnächst 90 Jahre alt, genau am 27. Juli 2016. Dieser Text erschien erstmals im Juli 2006 in >Der Tagesspiegel<. Copyright: Archiv ALRV

 

Sie fühlt ihr Herz. Bloß nichts anmerken lassen. Nicht zur Kasse gucken. Auf die Reiter starren. Dann langsam, ganz langsam am Zaun des Trainingsplatzes entlangschieben. Noch einen Meter bis zum Richterhäuschen. Da kontrolliert keiner mehr. Direkt vor ihr heben und senken sich Pferdehinterteile, sie hört den Rhythmus der Hufe. Noch ein Schritt. Geschafft! Sie ist drin: Auf dem großen Aachener Reitturnier. Da vorne reitet Winkler. Der große Hans Günter Winkler, auf seiner Halla, der Wunderstute.

Nachkriegszeit. Es sind die schönsten Sommertage für das Mädchen, diese Reitturniertage. Geld für Eintrittskarten ist nicht da. Das Mädchen ist eins von fünf Kinder, der Vater Schreiner, die Mutter näht in den Nächten. Die Familie ist das, was man kleine Leute nennt. Das Mädchen ist meine Mutter.

Die Szene spielte sich in den späten fünfziger Jahren ab, und noch immer freut sich meine Mutter, wenn sie davon erzählt. Sie war Hans Günter Winkler nah, der war ein Star in diesen Jahren. Es waren schwere Zeiten, das Wirtschaftswunder war ja kein Wunder, sondern harte Arbeit. Gefragt waren Menschen, die hart arbeiteten, solche, die sich aus kleinen Verhältnissen hochschufteten und sich bescheidenen Wohlstand errackerten. Und wer es zu mehr schaffte als zum bisschen Wohlstand, wurde zum Idol. Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler etwa, der eislaufende Traum, Rudolf Schock, der Tenor aus dem Arbeitermilieu, Freddy Quinn, der Seemann aus den Alpen. Und eben Hans Günter Winkler.

1961 HGW

Ein Idol seiner Zeit: Hans Günter Winkler, das Bild stammt aus dem Jahr 1961. Copyright: Archiv ALRV

 

Hans Günter Winkler, das war der Fritz Walter des Reitsports. Ein gut aussehender Mann, stets im Anzug, die Haare wie frisch frisiert, mit drei am Oberkopf zusammengeschobenen Wellen. Ein Schönling, aber tapfer. 1956, bei den Olympischen Spielen von Stockholm, hatte er auf Halla, besinnungslos vor Schmerzen, Gold erritten. Richtiger: Halla hatte es erritten. Aber die beiden zusammen waren der Stoff, der zur Verehrung taugt. Und Winkler einer, der zeigte, wie aus einem kleinen Mann ein angesehener wird. Am Montag wird er 80 Jahre alt.

„Das war ja alles Sand hier, einfach nur Sand“, sagt er und zeigt von seiner Terrasse über den Rasen, die Bäume, das ganze Grün, wo zwischen Baumwipfeln die nächsten Häuser nur zu erahnen sind, so groß ist das Grundstück, obwohl Winklers Haus mitten in die kleine westfälische Stadt Warendorf gebaut ist, wenige hundert Meter vom Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) entfernt. Grün-weiß sind die Polster der Gartenstühle gestreift, grün die Fensterläden, weiß die Fassade. Vom Teich her schmatzt es: seine Fische.

Er mag Anführertypen. Sogar bei Fischen.
Er spitzt die Lippen, beugt sich herab, steckt einen Finger ins Wasser und pfeift. Unterarmlange, dicke japanische Kois schwimmen heran. Der Fetteste von ihnen kommt bis zum Finger, kleinere ihm hinterher, der Dicke stülpt die Lippen. „Der hat rausbekommen, dass er dann mehr zu fressen kriegt.“ Winkler mag Anführertypen. Er selbst ist immer noch der erfolgreichste Springreiter weltweit. Besser als Schockemöhle, Ehning, Beerbaum. Fünf Mal olympisches Gold, fünf Mal Deutscher Meister, zwei Mal Weltmeister. 128 Siege.

1959

Hans Günter Winkler im Jahr 1959. Copyright: Archiv ALRV

 

Die Reiterwelt hofiert ihn. „Ha-GehWeh ist da“, raunt es, sobald er auf einem Turnier entdeckt wird, HGW, von ihm spricht man in Großbuchstaben. Brötchen werden ihm hinterhergetragen, sein Rat wird gehört, die Kappe gezogen. Ein Beispiel vom Berliner Hallenturnier 2003: Die Springreiterin Helena Weinberg springt ruckartig mitten im Interview in der Loge auf: „Herr Winkler, wie geht es Ihnen?“, und plötzlich wird die Mittvierzigerin zum Schulmädchen.

„Ich war morgens der Erste und abends der Letzte im Stall“, sagt er. „Ich würde immer Arbeit finden. Sollen wir wetten?

Ich, nicht als Winkler, ganz normal, könnte heute zur Regionalzeitung gehen und ich bekäme Arbeit.“

Sein Vater war Reitlehrer in Frankfurt am Main. Er bekommt sein erstes Pony, Micky. Es ist erschwinglich, weil es die anderen Kinder alle abschmeißt. Genauso kommt Hans Günter Winkler auch später zu Halla. Keiner kann sie reiten, auch er muss zwei Jahre üben, bevor sie zu regulieren ist und nicht mehr kopflos springt. Mit 14 Jahren leitet er, Mitglied in der Reiter-HJ, obwohl der Vater nicht in der Partei ist, nach Schulschluss einen Reitstall. 1940 war das, „sonst war ja niemand mehr da“. Winkler wird mit 17 zum Reichsarbeitsdienst in den Odenwald eingezogen, und wieder entlassen, „der Krieg ist verloren“, doch auf dem Heimweg gerät er in Kriegsgefangenschaft („belgische Hasardeure, die Privatkrieg spielten“).

Stallbursche für den Maler Kühlbrandt
Er flieht, indem er den das Plumpsklo bewachenden Soldaten niederschlägt. Als er zurückkommt nach Frankfurt am Main, ist der Vater tot, die Wohnung der Mutter ausgebombt. Winkler klappert die Pferdefreunde seines Vaters ab, arbeitet erst auf der Galopprennbahn. Als er dort für Ernst Kühlbrandt, damals ein bekannter Pferdemaler, ein Pferd festhält, damit er es zeichnen kann, fragt der Maler den Jungen, was der denn mal werden wolle. Winkler: „Ein berühmter Reiter.“ Frankfurt lag in Trümmern. Etwas Vermesseneres hätte er kaum sagen können, der Stallbursche.

Erstes Mal Aachen_1949 Orient

Sein erster Ritt in Aachen auf Orient, 1949 war das. Copyright: Archiv ALRV

 

Eisenhower? Ist ihm zu schwach.
Die nächste Station ist Schloss Kronberg im Taunus, die Gräfin von Hessen, Tochter des letzten deutschen Kaisers. Winkler ist zuständig für den Stalltrakt der Amerikaner, sie haben hier ihr Hauptquartier. „Ich war morgens der Erste und abends der Letzte im Stall“, sagt er. „Ich würde immer Arbeit finden. Sollen wir wetten? Ich, nicht als Winkler, ganz normal, könnte heute zur Regionalzeitung gehen und ich bekäme Arbeit.“ Von seinem ersten Geld, ausgezahlt in Zigaretten, lässt er sich einen Maßanzug schneidern. Er will jemand sein. Zu Winklers Job gehörte es, mit Oberbefehlshaber Dwight Eisenhower, dem späteren US-Präsident, auszureiten. Wie war der so, Eisenhower? Winkler zögert. Dann: „Wie er später regierte, das sah man schon da.“ Er meint 1953 bis 1961, als Eisenhower Präsident ist und ihm Kritiker fehlende Schärfe nachsagen. Einmal, da sei Eisenhower die Gerte auf den Boden gefallen. „Und der hat sich tatsächlich selbst gebückt!“ Nur rübergeguckt hätte er zu seinem Soldaten, der untätig daneben stand. Ein General, der vom Boden hebt statt zu befehlen – das kann Winkler nicht anerkennen.

Der ruhmreiche Pferdemaler Kühlbrandt beobachtete ihn auf dem Reitplatz.

„Da saß ich schon oben, statt ihm unten das Pferd festzuhalten“ sagt Hans Günter Winkler.

Irgendwann entdeckt ein Warendorfer Pferdemann Winklers Talent und holt ihn nach Warendorf. Hier soll das Zentrum der Deutschen Reiterei entstehen. Die Schule als Bildungsanstalt war da schon vorüber, sie endet für Winkler mit dem erweiterten Volksschulabschluss, mehr war der Familie nicht möglich. Zwei Jahre nach der Episode mit dem vermessenen Wunsch steht der Pferdemaler von damals am Rande des Reitplatzes, wo Winkler übt. „Da saß ich schon oben, statt unten zu halten“, sagt er. Heute hängen in seinem Wohnzimmer zwei Ölbilder: Halla und Orient, gemalt von Kühlbrandt. Der Stallbursche wurde zum Kunden.

Frauengeschichten, etliche
Anfang der 50er Jahre. Winkler, schon Weltmeister, verkehrt mit den Größen der damaligen Republik. Kaminabende und Frühstücke bei Axel Springer, etwa. Ein „Homme au Femme“, ein umschwärmter Mann, sei „ihr Hausgast“ stets gewesen, erinnert sich Rosemarie Springer, damals noch Gattin des Verlegers. „Damen, die er eventuell heiraten wollte, nahm er zuvor mit zu uns“, erzählt die 86-Jährige. „Eine hat sich morgens beim Brötchenschneiden in den Finger geschnitten, da habe ich gesagt: Hans, ich glaub, die lassen wir lieber bleiben.“ Ist auch so geschehen. Vier andere hat er geheiratet.

Gratulation Winkler D'Inzeo WM 1955

Raimondo D’Inzeo gratuliert Hans Günter Winkler auf der WM 1955. Copyright: Archiv ALRV

 

1956. Die Olympischen Spiele in Stockholm. Im ersten Durchlauf passiert es: Der 13. Sprung, aus Strohmatten gebaut. Halla springt zu hoch, Winkler denkt „Beine zu“, damit er oben bleibt, klemmt die Knie zusammen, zu fest. „In diesem Augenblick spürte ich einen wilden Schmerz in der Lendengegend, als hätte man mir einen Dolch durch den Körper gejagt“, schreibt Winkler in seinen Erinnerungen. Er liegt auf dem Pferdehals, als Halla die Bahn verlässt. Das deutsche Team hat vier Punkte Vorsprung vor den Briten.Winkler will reiten. Nur dann können sie gewinnen. Es gibt keinen Ersatzmann.

Kaffee mit Morphium sicherte den Goldritt
Wahnsinnig sei gewesen, dass er überhaupt gestartet ist, sagt Rosemarie Springer, die damals im Publikum saß. „Diese Schmerzen! Kein Mensch in der Welt hätte das gemacht.“ Ihre Stimme klingt auch heute noch, 50 Jahre nach diesem Tag, beeindruckt, ist laut und nachsetzend. Winklers Kreislauf kippt weg, ihm wird schwarz vor Augen. Hallas Tierarzt gibt dem Reiter ein Zäpfchen. Spritzt Morphium. Jetzt ist die Betäubung zu stark. Sie flößen ihm Kaffee ein, einer hält den Kopf hoch, ein anderer schüttet. Dann wird Winkler auf Halla gehoben. Dem Publikum sagen sie: „Eine Sehne ist gerissen.“ Es war ein Muskelriss im Bauch. Winkler schreit bei jedem Sprung, Halla macht keinen einzigen Fehler. „Sie hat ihn zur Goldmedaille getragen. Das war ein so sagenhaftes Pferd“, sagt Rosemarie Springer. Es ist dieser Erfolg, der Halla zur Wunderstute und Winkler zur Legende macht.

Jetset und VW Käfer
1960. In Aachen kauft die Familie meiner Mutter das erste Auto. Ein olivgrüner VW Käfer, gebraucht. Die Großmutter übt das Fahren auf einem Parkplatz. Die Kinder werden flügge, sie heiraten Techniker, Lehrer, Steuerberater. Alle Schichten erfahren einen Zuwachs an Hab und Gut und Wissen. Und auch die Promis sind weitergezogen. Winkler beschreibt sein Leben zu der Zeit als „Jetset“, er sei ein „Popstar“ gewesen. Das hat sich gehalten. Noch heute kommen Karten an, auch für Halla, die schon 27 Jahre lang tot ist. Vier Häuser haben ihm Fans vererbt. Er kannte keinen persönlich.

Winkler hat Schüler und verliert viele davon, er ist streng. Alwin Schockemöhle, der ältere Bruder Pauls, ist einer von denen, die durchhalten. In den Mittagspausen steht er am Reitplatz, um Winkler zuzusehen. „Der Chef ritt immer, wenn die anderen Pause machten, um ungestört zu sein.“ Mit den Brüdern Schockemöhle wächst eine neue Reitergeneration heran. Die Jungen lehnen sich gegen den Altmeister auf, Winkler soll Olympia ’72, München, nicht im Team reiten, ja, soll sogar nie mehr ein Amt im Sport bekommen. Zu dominant sei er. Aber der Aufstand scheitert. Winkler reitet so gut, dass sie an seiner Leistung nicht vorbeisehen können. Immer hat er ein Pferd, das ganz oben mithalten kann. Über das er bestimmt. Ohne Sponsoren. Doch schließlich sind es die Rebellen, die sich besinnen: Es kann nicht sein, dass einer wie Winkler kein Amt mehr bekommen darf, sagt Paul Schockemöhle. Winkler ist auch heute noch Mitglied im Springausschuss, der bestimmt, wer für Deutschland reitet.

Geheimnisse eines Juweliers
„Kommen Sie“, sagt Hans Günter Winkler, tritt über dicke Teppiche, vorbei an einem Esstisch. Papierschnitzel liegen darauf, viereckig sauber ausgeschnitten, beschriftet mit den Namen der Gäste. Die Sitzordnung seiner Geburtstagsfeier soll festgelegt werden, daneben sind auf einem großen Bogen Papier die runden Tische aufgemalt. Mit „Hast Du die Namen nummeriert?“ hat er eben noch die junge Frau in den Feierabend verabschiedet, die sein Büro leitet. Winkler öffnet eine schwere Tür, dann steht man im Kühlraum: rote Wände, Glasregale, 16 Grad sind es hier nur, und alle Wände und der mittige Tisch sind voll gestellt mit Siegerschalen und Pokalen. Weltmeistertitel, Olympia, das Bundesverdienstkreuz. „Silber läuft nicht so schnell an, wenn man es kühlt“, sagt er. Das mit der Gradzahl hat ihm mal ein Juwelier verraten.

Die achtziger Jahre. 1986 reitet Winkler sein letztes Turnier. Er wird Geschäftsmann und verlässt sich auf seinen Namen. HGW, seine Initialen, sollen die Marke sein. Er lockt Investoren zu Reitturnieren, veranstaltet selbst Turniere. Er erfindet Turnierserien für Nachwuchsspringreiter. Alle die, die heute im Springsport vorne reiten, sagt der Geschäftsführer des DOKR, Reinhard Wendt, „sind durch die Mühle der Winkler-Prüfungen gegangen.“

Während Winkler sich neu erfindet, baut meine Mutter mit meinem Vater ein zweites Haus. Freistehend statt Reihe, Wiese drumherum, zwei Kombis davor. Die Enkel des Schreiners, dessen höchster Luxus Sahne war, studieren.

Fleiß. Sorgfalt. Durchhaltewillen.
Disziplin. Kein Wort kommt häufiger vor, wenn man über Winkler liest, ihn befragt oder Dritte über ihn erzählen. „Hier sehen Sie“, mit exakter kleiner Kugelschreiberschrift sind Termine des 79-Jährigen eingetragen, „jeden Tag bis 22, 23 Uhr“ arbeite er, morgens und nachmittags sei er im Stall. Seine Geschichte baut auf die Wirtschaftswunder-Werte: Fleiß, Sorgfalt, Durchhaltewillen. Es ist eine westdeutsche Geschichte. Nur in der Bundesrepublik wird der Pferdesport so stark, reiten Deutsche jahrzehntelang an der Weltspitze. In der DDR war privater Pferdebesitz unüblich. Winkler steht für den Aufbau, wie er im Westen passierte: für Marktwirtschaft und Aufstieg.

Hallas Zeitgedächtnis
Eine weiche Seite Winklers erfährt man nur, wenn man mit ihm über Halla oder Frauen spricht. Seine Leidenschaften. Weshalb fand er Halla so intelligent? Dann erzählt er etwa die Geschichte, dass Halla schon als Fohlen die Fahrzeiten der Bahnstrecke neben der Weide kannte und eben über die Gleise gehopst sei, wenn kein Zug kam, auf eine andere Koppel. Dieses „raffinierte kleine Ding“. „Und, finden sie das normal für ein Pferd?“, fragt er. Die Statue von Halla, die in Warendorf steht, die er beim Vorbeigehen mit „Tag Halla“ begrüßt, bekommt jedes Jahr im Winter von ihm eine Decke aufgelegt, Schriftzug „HGW“.

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2011 im großen Stadion mit Weggefährte Raimondo D’Inzeo (links) und ALRV-Präsident Carl Meulenbergh (rechts). Raimondo D’Inzeo starb im Jahr 2013. Foto: Michael Strauch / ALRV Archiv

 

Irgendwann mit über vierzig sitzt meine Mutter auf unserem Pferd und trabt über die Wiese neben unserem Haus. Als Winkler vor ein paar Jahren aufhört zu reiten, weil nach einem Sturz „von einem grünen Pferd“ sein Rücken nicht mehr mitmacht, ist Reiten zum Breitensport geworden. Über 760 000 Menschen reiten in Vereinen. Kaum eine Sportart hat der allgemeine Zuwachs an Geld und Freizeit für alle Schichten so verändert. Reitstunden sind per 10er-Karte zu kaufen, wie der Eintritt ins Freibad. Gleichzeitig sind die Grenzen zum Leistungssport scharf geblieben. Im internationalen Reitsport kann nur mithalten, wer zwei, drei Ausnahmepferde hat, die so an die 10 000 Euro Unterhalt im Spitzentrainingsstall pro Jahr kosten, plus Lkw, Hotel und Fahrt zum Turnier, mehrmals im Monat. In kaum einem Sport bleibt der Schritt von der Regionalikone zum wirklichen Spitzensport so schwierig. Und diese Grenze, die immer da war, die hat damals Hans Günter Winkler einfach durchbrochen.

Mit seiner Härte gegen sich selbst, seinem sturen Kopf, dem ausgeprägten Ego, dem Bogen um Abhängigkeiten und der Gabe, immer wieder Pferde mit Potenzial zu erkennen. Wie Halla eben.

 

 

****P.S.:****

Nachdem dieser Text im Tagesspiegel veröffentlicht war, rief mich übrigens ein Wissenschaftler an, der sich mit Doping beschäftigte. Er fragte, ob das mit dem Morphium wirklich stimme – ja, genau so hat Hans Günter Winkler es mir erzählt. Während wir durch sein Haus streiften, mit den Fingern im Wasser nach seinen Kois angelten, seine Kühlkammer für Pokale besichtigten und er sein skurriles zusätzliches Wohnzimmer zeigte, das er in einem leer gepumpten Indoor-Schwimmbad errichtet hatte.

Wenn Ihr diesen Text gelesen habt, dann wisst Ihr, warum ich mich dem Reitturnier in Aachen stark verbunden fühle. Das mündet manchmal in solchen Texten, und manchmal in schärferen, wie demjenigen, der aktuell für den Medienpreis DAS SILBERNE PFERD nominiert ist, der auf dem Turnier vergeben wird. Worüber ich mich sehr freue, gerade eben weil es ein kritischer Text ist.

Unsere Reiterwelt wird nicht besser, wenn wir immer alles in rosa Watte verpacken.

HGW wird in diesem Jahr 90 Jahre alt. Alles stimmt noch so, wie es hier drin steht – bis auf so einige Zahlen. Heute wird man kein Spitzenpferd mehr für 10 000 Euro im Jahr unterbringen können, und aktuell sind nur noch etwas weniger als 700 000 Menschen in Vereinen gemeldet, nicht mehr als 760 000, wie es vor zehn Jahren noch der Fall war. Die Zeit spielt den Pferdemenschen nicht in die Hände. Doch:

Ohne die Entwicklung, die in diesem Text beschrieben ist, würden DU und ICH vielleicht gar nicht reiten.

 

So züchtet man Goldstücke

Halbblutstute Alizée (The Alchimist xx mal Damon Hill) mit ihrem Stutfohlen von Rock Forever NRW

 

Ich mach’ kein Geheimnis daraus: ich liebe die Pferdezucht. Ich habe zwei Mal ein Fohlen selbst gezogen (was nach den Gesetzen der Szene nicht reicht, um sich Züchter zu nennen), ich könnte stundenlang Abstammungen wälzen (manchmal mündet es in einem Artikel oder einem Teil eines Buchs), ich habe viele Tage meiner Kinder- und Jugendzeit auf einem Ponygestüt verbracht (junge Ponies angeritten, Fohlen das Hufegeben beigebracht, im Stall geschlafen).

Mit einem schicken Reitponyfohlen der Hofbesitzerin.

Mit einem schicken Reitponystutfohlen von Dating AT der Hofbesitzerin Ute Donandt.

 

In meinem Leben soll es mal meine eigene Zucht geben. Gut vorbereitet, gut ausgesucht. Klein und fein. Nicht schon morgen. Ich weiß, das ist dennoch verrückt, wo doch überall etablierte Züchter reduzieren. Macht nichts. Verrückt kann ich gut.

Wann immer es geht, besuche ich Züchter. Ich will etwas aufsaugen davon, was ihre Idee, ihre Philosophie ist, will vom Gucken und Erzählen lernen. Von den alten Hasen. Außerdem finde ich Reiter spannend, die einfach dieses Virus gepackt hat und die sich trotz aller Umstände entscheiden: ich mach’ das jetzt. Ich baue mir eine Zucht auf. Marion Creyaufmüller ist jemand, der schon hunderte Schritte weiter diesen Weg gegangen ist als ich. Sie ist Dressurreiterin und Warmblutzüchterin mit handverlesenen Stuten, zwei davon in Sonderfarbe. Sie züchtet in Süddeutschland, und als ich im Frühjahr zu meiner Pferde-Recherchereise nach München aufbrach, war schnell klar: da müssen wir einen Zwischenstopp machen!

Ein ziemlich nasser Tag im Mai. Wir sind auf dem Ferstlhof angekommen, wir, das sind Fotografin Sabine Grosser und ich. Spezialisiert ist der Hof auf die Pension von Zuchstuten und Aufzuchtpferden. Abfohlboxen mit Paddock gibt es hier, und große Offenställe für die Mutterstuten mit den schon stabileren Fohlen. Soweit das Auge reicht, sind Weiden zu sehen, dabei liegt der Stall nur wenige Minuten vor München.

FERSTL HOF Interview mit Jeannette Aretz

Rosie, Rosée du Matin, unterwegs. Gern sausend!

 

Vollblut bringt die Farbe

Hier stehen die Stuten von Marion Creyaufmüller. Über die eine von ihnen, eine palominofarbene Halbblutstute, bin ich auf sie aufmerksam geworden. Ich entdeckte die Stute irgendwann im Netz und war begeistert. Denn: Farbzucht im Warmblutbereich ist nicht ganz unumstritten, oft wird da Farbe vor Qualität gehandelt und die Abstammungen sind hinten heraus lückenhaft oder von diversen Fremdrassen geprägt. Dies ist hier aber anders. Ihre Palominostute namens Alizée hat die Farbe von ihrem Vater, einem Vollblüter namens The Alchimist xx. Der Mutterstamm ist von Dressurblut geprägt, ihr Pedigree geht weiter mit Damon Hill x Argwohn I. Also: Eindeutig warmbluttypisch gezogen, nur eben in besonderer Farbe.

Wir gehen durch den Offenstall, hinaus zu den Weiden, die Stutenherde ist klitzeklein weit hinten auszumachen. Marion Creyaufmüller zeigt auf die Stuten: Da vorn ist Alizée, daneben ihr Fohlen von Rock Forever, etwas weiter weg steht ihre schwedische Zuchtstute, eine Braunisabelle, auch Buckskin genannt. Weich wie Waldboden fühlt sich der dunkle Moorboden hier unter den Sohlen an. Die Grashalme sind knallgrün, Frühjahrsgras eben, sie streifen ihre Regentropfen an unseren Stiefeln ab.

Rosie ist ein spritziger Naseweis, Fleur eine höfliche Dame

Bei den Pferden angekommen, ist sofort klar, wer hier die Mutigste ist: Alizées Fohlen, genannt Rosie, mit vollem Namen Rosée du Matin, möchte gern von jedem gekrault werden. „Mir gehört die Welt“ sagt ihr Ausdruck, aber nicht frech, sondern gepaart mit ganz viel Charme. Fleur, ein braunes Florencio-Stutfohlen der Schwedin, schaut derweil erst mal aus der Sicherheit neben der Mutterstute zu uns Fremden hin und pirscht sich dann ganz vorsichtig an. Ein höfliches Wesen – und ein Pferd, das im zweiten Augenblick wirkt, wenn sie mit einer beeindruckenden Taktsicherheit über die Weide trabt, und sich ohne irgendein bisschen Balance oder Takt zu verlieren, in die Schleuse zum Offenstall einsortiert. Während meine Hände bei diesem Termin völlig im Fohlenfell versinken, erzählt Marion Creyaufmüller mir, was ihr beim Züchten wichtig ist.

FERSTL HOF Interview mit Jeannette Aretz

>>>Hallo?<<< sagte dieses Fohlen irgendwann, als ich da versonnen stand. Hat mich nur ganz vorsichtig angetippt, nicht gezwickt oder so!

 

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>>>Ach, Du bist das! Guten Tag!<<< Alle Fotos: Sabine Grosser

 

  1. Regel: An die Amateure denken

„Klar möchte jeder Züchter sein Pferd am liebsten später in der Klasse S oder höher sehen“, sagt Marion Creyaufmüller. „Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich mein Fohlen an einen Amateur im A, L oder M Bereich verkaufe, ist viel höher. Ich möchte nicht an diesen Menschen vorbeizüchten. Meine Pferde sollen eine hohe Qualität haben, aber von Amateuren zu bedienen sein.“ Also: auch mal einen Sprung machen können, ins Gelände gehen, und nicht so elektrisch sein, dass es größte Mühe macht, sie zu bedienen. Sie setzt Hengste ein, die sich im Sport bewährt haben und klar im Kopf sind. Rock Forever und Florenciano zum Beispiel.  Nur ganz selten nimmt sie einen Junghengst, und wenn, dann muss dieser einen überragenden Mutterstamm haben.

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Fayence Noir mit ihrem Stutfohlen Féline von Fürstenball.

 

  1. Regel: Jenseits der Verkaufsanzeigen suchen

Ihre private Zuchtgeschichte ist der typische Einstieg eines Reiters in das Metier: Ihr Pferd hatte eine Verletzung. Eine gute Stute, sporterfolgreich und ansonsten gesund. Drei Fohlen zog sie aus ihr, dann konnte sie das hervorragende Pferd einer Freundin als weitere Zuchtstute erwerben. „Ich hatte, wie so viele, immer schon den Traum, eines Tages zu züchten“, erklärt sie. Anfangs ergab es sich einfach. Dann entdeckte sie ihre Vorliebe für aufgehellte Farben und suchte gezielt nach einer solchen Stute. „Mein Ziel war es, eine Stute ohne Fremdblut zu finden.“ Das ist nämlich gar nicht so einfach. „Ich hatte die Idee, über das Vollblut die Farbe in die Warmblutzucht zu bekommen.“ In dieser Zeit wurde der Hengst The Alchimist xx als Jungpferd vom Gestüt Falkenhorst erworben, ein Cremello aus den USA. Sie beobachtete dessen Aufzucht aus der Ferne, wartete, bis er leistungsgeprüft war. Der Hengst deckte nur eine handvoll Stuten, bis er an einer Kolik verstarb. Aus seinem ersten und einzigen Jahrgang stöberte sie ein Stutfohlen des Hengstes auf, die Mutter war eine „wirklich ordentliche Stute von Damon Hill“, und es gelang ihr, dieses Fohlen zu erwerben. Alizée.

Idylle auf dem Ferstlhof: Einfarbige Stute aus dem Noris-Stamm, ebenso von Marion Creyaufmüller, mit einem Fohlen von Fürstenball.

Idylle auf dem Ferstlhof: Die einfarbige Stute Fayence Noir von Fürst Rousseau aus dem Noria-Stamm, ebenso im Besitz von Marion Creyaufmüller, mit einem Fohlen von Fürstenball.

 

  1. Regel: Kilometer sind völlig egal

Für dieses Fohlen von The Alchimist xx fuhr sie hunderte Kilometer durch Deutschland. Ein Klacks gegen den nächsten Kauf: Sie durchstöberte das europäische Ausland nach aufgehellten Pferden, und fand in Schweden einen aufgehellten im Grand-Prix-Sport erfolgreichen Hengst. Sie verfolgte dessen Linien weiter, und schälte so heraus, dass es in der schwedischen Warmblutzucht durchaus aufgehellte Pferde ohne Fremdblutanteile gibt. Bis ins 18. Jahrhundert hinein erforschte Marion Creyaufmüller die Abstammungen, um herauszufinden, woher die Aufhellung dieser schwedischen Warmblüter stammt, nämlich entweder durch Trakehner Einflüsse, oder durch Vollbluteinflüsse (beides gilt in der Warmblutzucht als Veredlerblut, und zählt daher nicht als Fremdblut). Bei ihren Recherchen entdeckte sie eine Züchterin, die eine aufgehellte Stute einsetzte, die zuvor bis M-Dressur erfolgreich war. Einer einzigen Tochter gab sie ihre Fellfarbe mit – Riviére d’Or, genannt Rindi, Tochter des Rock-Forever-Sohns Rausing. „Nur wollte die Züchterin gerade dieses Stutfohlen nicht abgeben. Aber nicht etwa wegen der Farbe – die war für sie zufällig so und gar nicht so wichtig. Sie mochte sie sehr, weil sie ihrer Mutter so ähnlich war.“ Die beiden blieben im Kontakt, und als im nächsten Jahr ein weiteres gutes Fohlen der Stute geboren war, durfte Rindi als Jährling die weite Reise von Schweden nach Deutschland antreten. Diese Stute, heute vierjährig, führt nun ihr erstes Fohlen. Anhand des braunen Stutfohlens – das höfliche Fohlen mit der auffälligen Taktsicherheit – und ihrer braunisabellen Spielgefährtin ist im Kleinen gut sichtbar, wie die Regeln der Genetik beim Farbzüchter zuschlagen. Zwei aufgehellte Mutterstuten, angepaart mit zwei nicht aufgehellten Hengsten: die Chancen stehen 50:50, dass das Fohlen die Farbe der Mutter erwirbt. Durch Zufall ist dieser Jahrgang genau so gesplittet.

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Die Braunisabelle Riviére d’Or mit ihrem Stutfohlen Fleur du Matin von Florenciano.

 

  1. Regel: Das perfekte Umfeld

„Ich hatte immer den Traum von einem eigenen Hof. Realisiert habe ich es nie, und heute bin ich darüber gar nicht so unglücklich“ erzählt die Züchterin. Ihre Stuten sind auf dem Ferstlhof eingestallt. „Das ist ideal, das Gestüt wird von einem auf Pferde spezialisiertem Tierarzt und einer Pferdewirtschaftsmeisterin geleitet, ich kann sicher sein, dass die Pferde bestens betreut sind.“ Nachtwachen und 15 Fußkilometer pro Tag, bloß, um alle Pferde zu versorgen, bleiben der einstallenden Züchterin so erspart. Ute Donandt heißt die Pferdewirtschaftsmeisterin, die den Hof mit ihrem Mann betreibt. Ihr Konzept war es, „einen Ort für die Pferde zu schaffen, nicht für die Menschen, und den Pferden jeden Wunsch von den Augen abzulesen“. So haben die Abfohlboxen Paddocks davor, und zur Stallgasse hin gibt es nicht einfach eine Holzwand, sondern die Gitter reichen bis zum Boden. „Damit die Fohlen von Anfang an da durch schauen können und sich nicht nach oben recken müssen, damit sie etwas sehen können.“ Es gibt Heu rund um die Uhr, alle Boxen sind videoüberwacht, und jedes Pferd kommt täglich heraus, „auch bei Regen und Matschwetter, nur nicht, wenn es mal Glatteis gibt“. Vom Abfohlstall in den ersten Tagen geht es für Mutter und Kind in die Herde auf riesige Flächen. „Wir beobachten die Gruppen ganz genau, und schauen, in welcher Konstellation sie am ruhigsten sind und was sie lieben. Sich den Rücken vom Regen massieren zu lassen, das lieben die meisten Pferde zum Beispiel viel mehr, als hereingeholt zu werden oder eine Decke zu tragen!“

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Kleines Glück: Fohlen von Duke of Hearts xx beim Kraulen mit der Mutterstute auf dem Ferstlhof.

 

  1. Regel: Den Ritterschlag erkennen

Letztens begutachtete ein wichtiger Würdenträger des Verbandes das Stutfohlen von Alizée. Er kommentierte, sinngemäß: „Ein ganz gelungenes Fohlen, die Optik, der Typ, die Bewegung! Nun gut, die Farbe ist gewöhnungsbedürftig, aber ansonsten ist sie gelungen!“ Ein Ritterschlag – den ein Farbzüchter erst mal als solchen erkennen muss. Dass die Farbe durchweg noch nicht richtig akzeptiert wird, das „wird sich erst ändern, wenn Pferde dieser Farbe im Sport auftauchen und sich bewähren“, sagt die Züchterin. „Ich habe mich über diesen Kommentar gefreut“, sagt Marion Creyaufmüller. „Wichtig ist, dass die Qualität stimmt. Ansonsten finde ich: Was für ihn gewöhnungsbedürftig ist, ist für mich eben das Sahnehäubchen!“

Rosée du Matin von Rock forever NRW, wahrscheinlich das einzige Fohlen dieses Vaters in der Spezialfarbe Braunisabell, auch Buckskin genannt.

 

 Ein P.S. muss unbedingt noch  hinter diesen Artikel! Danke an Sabine Grosser, deren Arbeit ich sehr schätze! Wir haben das erste Mal ohne hunderte Kilometer Distanz miteinander gearbeitet, und das war sooo schön!

Danke an Marion Creyaufmüller & Ute Donandt, dass Sie uns Türen und Tore geöffnet haben und aus einer Internetbekanntschaft ein echtes Treffen unter Pferdeliebhabern werden konnte. Es war wunderbar!

Und noch eins: Die Zuchtseite von Marion Creyaufmüller findet man unter www.horseandart.de. Die Vorstellung von Ute Donandts Ferstlhof findet man unter www.ferstlhof.de. Sabine Grossers Fotografenseite ist unter www.sabinegrosser.de erreichbar. 

Wie wär’s mit Rente, Schätzchen?


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Erinnert Ihr Euch noch an meinen Geburstags-Jubeltext? Wie fit und toll das Pferd ist mit 24 Jahren?

Tja – kurz darauf war alles anders. Mein Pferd hat die Muskeln abgeworfen, wie ein Weihnachtsbaum seine Nadeln abschmeißt. Sie sah von Woche zu Woche immer erbärmlicher aus. Die Kruppe: im Herbst war sie noch rund, Mitte April eingefallen. Die Halsmuskeln wurden immer weniger, die Schulterpartie war mager, der Rücken sah fruchtbar aus, und ich konnte die Rippen sehen. BÄMM.

Es ging wahnsinnig schnell. Vier Wochen waren das, maximal. Vielleicht erinnert Ihr Euch an die schönen Bilder im Wald, HIER zu sehen, von Fee und mir. Schon da erkennt, wer genau hinguckt, dass die Oberschenkelmuskulatur des Pferdes mehr sein könnte. Danach gab es keine aktuellen Reitbilder mehr.

Auch nicht von den Kursen. Wir haben ja im Frühjahr eine Kursreihe mit Sara Oliveira, Alizée Froment, Saskia Gunzer und Elaine Butler veranstaltet. Saskias Kurs habe ich nicht mitgemacht. Wäre gegangen, weil auch meine Tierärztin sagte: weiter trainieren. Aber Fee sah so unbemuskelt aus, dass ich das nicht für öffentlichkeitstauglich hielt. Sie war ein Paradebeispiel dafür, wie ein Pferd nicht aussehen sollte.

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Die wunderbaren Fotos dieser Serie hat Klara Freitag gemacht. Alle.

 

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Natürlich ging sofort die Suche los. Was ist los in ihrem Körper? Wir haben Blut gezogen, Kotproben genommen, die Zähne machen lassen, parallel habe ich sie osteopathisch durchchecken lassen. Außerdem den Sattler gerufen, die Fütterung überprüft, Bücher und Foren gewälzt. Mich mit meiner Tierärztin beraten und über jede Kleinigkeit nachgedacht: was haben wir verändert? Hat sie Stress durch irgendwas? Ist das Grundfutter anders als sonst?

Nein, die Umstände hatten sich nicht verändert.

Aber mein Pferd hatte sich verändert.

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Der Blutwert zeigte: sie hat Cushing.

Eine Hormonstörung, die einen veränderten Stoffwechsel zur Folge hat, eine gängige Krankheit für ältere Pferde. Ich entschied mich für eine schulmedizinische Behandlung, sie bekommt jetzt Tabletten, jeden Tag. Dazu stellte ich das Futter um, auf zuckerreduzierte Varianten, sie bekommt nun Reiskleie statt Hafer, ein anderes Mineralfutter. (Tipp: Kontrolliert mal die Produktbeschreibung Eures Mineralfutters. Es gibt Firmen, die teures Futter herstellen, und dennoch enthält es Waffelmehl oder andere Zuckerquellen, damit Pferde sie gern fressen – nicht gut.) Das Heu gab es zuvor schon so gut wie ständig, also 24/7.

Wie sich Klara für dieses Bild auf den Boden geworfen hat, könnt Ihr auf Instagram, HIER, sehen.

Wie sich Klara für dieses Bild auf den Boden geworfen hat, könnt Ihr auf Instagram, HIER, sehen.

 

Dadurch, dass ich alles auf den Kopf stellte, um eine Lösung zu finden, fiel mir auf, das so einiges nicht mehr ideal war, was in meinem Kopf noch als Ideallösung abgespeichert war. Ihr Offenstall, HIER zu sehen, zum Beispiel.

Es ist der beste auf unserem Hof, finde ich. Viel Platz, mit unterschiedlichen Böden, nämlich Naturboden, Gummiboden, Asphalt, Kies, Sand. Die perfekten Reize für Barfußpferde. Sie lebte da mit einem jüngeren PRE und einem Isländer. Der PRE war recht neu in der Gruppe, er kam im Winter hinzu. Augenscheinlich verstanden sich alle – der Isi ist der perfekte, gelassene Chef, der nur einschreitet, wenn es absolut notwendig ist. Meine Stute, ehemals ranghoch, ist mit den Jahren immer zurückhaltender geworden. Der junge PRE schickte sie gern weg, von einer Heustelle zur anderen. Nicht schlimm, ein Blick genügte, um sie gehen zu lassen, und da war viel Platz und immer reichlich zu fressen.

Doch: Das war nicht genug Ruhe für ein Pferd, das momentan andere Baustellen hat.

Also: umgestellt. Jetzt lebt sie nur noch mit dem Isi in einem kleineren Offenstall auf dem gleichen Hof. In Kauf genommen habe ich, dass wir jetzt nur noch zwei Bodenvarianten haben, und die beiden weniger Platz haben als zuvor (ja, das ist relativ, denn der vorherige Stall war wirklich rieesig, es hätten 12 Boxen oder mehr auf die Fläche gepasst). Es gibt daher weniger Bewegungsanreize. Doch die beiden lieben sich sehr, wiehern sich gegenseitig zu und fressen Kopf an Kopf. Kein Stress also, auch kein niederschwelliger mehr. Zum Glück darf der Isi auch so viel Heu fressen, wie er mag. Sonst hätte es futtertechnisch wieder nicht hingehauen.

Der Sattel: wurde überarbeitet. Die Zähne auch. Alles nicht schlimm, aber kleine Sachen, die in der Addition die Lebensqualität verändern.
Jetzt, zwei Monate später, kann ich sagen: Wir haben das im Griff. Der ACTH-Wert, das ist das schulmedizinische Indiz für Cushing, ist okay. Sie ist wieder ansehlich. Wenn auch nicht so gut bemuskelt, wie es mal war. Wenn ich mir Fotos ansehe, auch das da oben mit den schönen Blumen, dann sehe ich immer noch, dass da Rückenmuskeln fehlen. Das Pferd, das im vergangenen Jahr noch Jahre jünger geschätzt wurde, sieht aber mittlerweile genau so alt aus, wie es ist.

Obwohl sie wieder besser aussieht, beschleicht mich immer wieder das Gefühl, dass sie nicht so spritzig, so übereifrig ist wie immer. Und ich frage mich: bin ich übersensibel geworden? Die Stute ist mein Augenstern. Ich habe sie seit 21 Jahren. Sie war mal eines meiner Pferde, jetzt ist sie mein einziges. Natürlich bin ich aufmerksam, wäge jede Kleinigkeit ab. Ich will nicht den Moment verpassen, an dem ich sagen sollte: so, Schluss jetzt, jetzt kommt die Rente.

 

Wie lange gibt man Zeit, bis man die Rente einläutet?

Ich war immer der Meinung: Rente ist generell eine schlechte Idee. Da bauen Pferde nur Muskulatur ab. Angepasste Bewegung, ja. Aber Rente, auf die Weide stellen und zum Nichtstun verdammen? Gerade für so ein geborenes Arbeitstier wie meine Stute konnte ich mir das nie vorstellen.

Mein Bauch sagt aber in letzter Zeit immer mehr: Nee. Nicht reiten. Lieber Arbeit an der Hand. Lieber ausreiten. Nicht so viel tun. Und gleichzeitig muss ich meinen eigenen Ehrgeiz bremsen, denn der schreit: JAAA! Super gern würde ich mehr tun, mehr reiten, mehr lernen.

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Also frage ich mich:

a) Werde ich zur übersensiblen Tüddeltante und interpretiere den Wunsch nach Rente in das Pferd hinein?

Oder

b) Bin ich zu ehrgeizig und übersehe, dass mein Pferd da gar nicht mehr das Richtige für ist?

Ich hab mich entschieden. Diesen Sommer und Herbst warte ich noch ab und schaue, dass ich sie und ihre Muskeln so gut wie möglich wieder auftrainiert bekomme. Habe ich dann immer noch den Eindruck, es ist nicht der richtige Weg, dann folgt die Teilzeitrente. Bewegen ohne Gewicht, Ausreiten nur mit meiner superleichten Reitbeteiligung im Sattel, einfach alles noch mal eine Nummer mehr piano als bisher.

 

Im nächsten Schritt bekommt sie dann einen Kindergarten, auf den sie aufpassen soll. Und bei dem Gedanken lacht mein Herz dann auch wieder.