Warum es keine gute Idee ist, wie Alizée reiten zu wollen

Alizée Froment im Sommer 2016 auf dem CHIO Aachen. Mit ihrem Hengst Mistral nach ihrer Paradenummer, bei der sie Grand-Prix-Lektionen auf Halsring zeigt. Foto: Klara Freitag

Alizée Froment im Sommer 2016 auf dem CHIO Aachen. Mit ihrem Hengst Mistral nach ihrer Paradenummer, bei der sie Grand-Prix-Lektionen auf Halsring zeigt. Foto: Klara Freitag

Wieviel Freiheit darf sein?

Alle Welt reitet plötzlich auf Halsring und montiert so viel wie möglich vom Pferdekopf ab. Alles gut und schön? Die Wahrheit ist wenig romantisch und das Wort Schmerz kommt bewusst darin vor. Warum ich manchmal Reiter in meinem Umfeld am liebsten schütteln würde, und was das mit Alizée, Kenzie und unschönen Platzwunden zu tun hat.

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„Mama“, sagte das Kind, „wann kann ich reiten wie Alizée? Ohne Trense, ohne Halfter?“

„Wir waren draußen!“ sagte meine Reitbeteiligung, und schickte mir ein Bild. Das Pferd auf Halfter, sie stolz.

 

Ich möchte dann viele Sachen auf einmal tun. Menschen schütteln, meinen Kopf schütteln, nein rufen, sagen, das könnt ihr alles machen, wenn ihr erwachsen seid und auf eurem eigenen Pferd sitzt und völlig dafür alleine verantwortlich seid, was ihr für einen Mist anstellt.

Denn in meinem Kopf laufen dann Filme ab, die durchgehende Pferde, die sich vor irgendeinem Sonstwas, mit dem niemand gerechnet hat, fürchten. Reiter die runterfallen und Autos, die bremsen.

 

Letztens war es leider nicht nur Kopfkino. Eine gute Bekannte von mir kam wegen einer Platzwunde am Kopf ins Krankenhaus, weil ein Pferd sie umgerannt hatte. Das sie mit Halfter im Gelände führte. Ein Pferd, das als geländesicher gilt und gut erzogen ist, und bei dem niemand gedacht hätte, dass es sich mal so erschrecken könnte, dass so etwas passiert. Ihr Kopf war bis auf den Knochen auf. Zum Glück nur eine Fleischwunde.

 

Wäre das passiert, wenn sie auf Trense oder mit einem schärferem gebisslosen Zaum, als einem Stallhalfter, unterwegs gewesen wäre? Ich behaupte: es wäre zumindest unwahrscheinlicher gewesen.

Wenn ich mit den Pferden rausgehe, tragen sie Trensen – oder Knotenhalfter, oder einen Kappzaum (zugegeben, ich nehme meistens Trensen, aber das ist reiner Automatismus, ich finde diese drei Möglichkeiten alle gut). Und zwar, obwohl sowohl Fee als auch Onkel schrecksicher, geländesicher und verkehrssicher sind. Foto: Klara Freitag

 

Panik gegen Schmerz

Der Grund ist einfach: Panik gegen Schmerz.

Wenn ich einen Schmerzreiz setzen kann, habe ich eine Chance, in Momenten der Panik wahrgenommen zu werden.

Es ist die Frage, welcher Reiz in so einem Moment stärker gewesen wäre.

Unpopulär, so etwas zu sagen, ja. Denn wir aufgeklärten Pferdemenschen wollen ja alle eine Partnerschaft mit dem Pferd, feines Reiten, unsichtbare Kommunikation. Das Wort Schmerz ist da als Notanker nicht akzeptabel. Doch wenn ich damit das Risiko für aufgeplatzte Menschenköpfe und Verkehrsunfälle verringern kann, dann möchte ich genau das am Pferdekopf haben: ein Instrument, das im Notfall hilft.

Auch, wenn es mir ansonsten um feine Kommunikation geht. Und ich höre das Gegenargument schon jetzt: gegen 600 Kilo, die in Panik fortwollen, macht auch ein Gebiss nichts mehr. Das mag in vielen Fällen sogar stimmen. Doch es bleibt eben die Frage, welcher Reiz in so einem Panikmoment stärker ist: der Fluchtmechanismus oder der Schmerz. Es ist eine Chance da, und diese Chance gibt uns Menschen die Möglichkeit, heile Knochen zu behalten.

Manchmal habe ich das Gefühl, zu dem Wahn, alles vom Pferdekopf zu reißen, beigetragen zu haben. Weil ich sehr frühsehr gerne und sehr viel von dem Zauber berichtet habe, der entsteht, sobald Alizée Froment ihre Pferde nur auf Halsring reitet.

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Ein Bild aus meinem ersten Dressurkurs mit Alizée Froment, Februar 2015. Im Sattel sitzt Marita Schreiber, die sie als erste überhaupt nach Deutschland zu einem Kurs einlud. Foto: Jeannette Aretz

 

Es ist ja nicht nur sie, sondern es gibt eine ganze Reihe von Leuten, die tolle Freiarbeit zeigen, die toll arbeiten ohne Sachen um den Pferdekopf. Tja, und nun möchten eben alle nacheifern.

 

Wir wollen alle eine kleine Alizée sein

Mindestens soll das Gebiss raus, am besten das ganze Zaumzeug ab. Weil wir ja freundlich zum Pferd sein wollen. Weil wir mit Bodenarbeit und Roundpen und Freiarbeit und haste-nich-gesehen ja so lange in die Beziehung investiert haben, dass wir ganz eng mit unserem Pferd sind. Weil wir unser Pferd kennen, und wissen, dass da nichts passiert.

Foto: Thomas Rubel

Alizée Froment bei uns daheim – sie gab im Frühjahr einen Dressurkurs und ritt ihre beiden Lusitanos sowohl mit, als auch ohne Kopfstück. Foto: Thomas Rubel

 

Weil wir alle eine kleine Kenzie oder eine kleine Alizée sein wollen.

 

Ich kann diese Sehnsucht so sehr verstehen.

 

Als wir den Lehrfilm zu Alizée gedreht haben, und sie zwei Meter vor mir Mistral ohne Zaum ritt, ihn voranschickte und nur mit dem Sitz wieder einfing, schönste Traversalen und Galopppirouten ritt, da passierte mir etwas, das sehr selten ist: ich konnte keine Zeile mehr schreiben. Ich hatte Tränen in den Augen, weil es so schön war. Klar, ich kannte das von Videos und von Shows. Aber so nah dran, es haute mich um.

 

Doch vor der Leichtigkeit steht das Können. Das Üben, das zigmal tun und sich sicher sein.

 

Es waren tausende Stunden im Sattel bei einer Alizée Froment, tausende Stunden an Grundlagenarbeit in der Dressur, stinknormal mit Gebiss und gymnastizierender Arbeit, bevor sie alles abmontierte. Dazu etliche Stunden in der Freiarbeit und absolute Konsequenz in jedem Detail. Da gibt es auch heute kein ‚Ach ja, er steht nicht ganz geschlossen, aber für heut ist’s gut“. Da wird gefeilt und analysiert. Erst wenn alles, alles stimmig ist, wird abgerüstet.

 

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Bei uns im Kurs mit Mistral, hier auf Halsring im Training. Foto: Thomas Rubel

 

Die gute alte Tante FN

Während ich diesen Text tippe, komme ich mir vor wie die gute alte Tante FN. Deren Hauptpredigt die Sicherheit ist. Gibt es ein anderes Land, in dem so viel über Stahlkappenschuhe, Handschuhe beim Führen des Pferdes und sichere Ausrüstung geredet wird?

 

Ich bin nicht spaßbefreit. Das Kind darf auch nur auf Halsring galoppieren. In einem Roundpen, geschlossener Raum, kann wenig passieren, und auf einem braven Pony, dass diesen Job kennt. Die Reitbeteiligung darf auch mal ohne Gebiss reiten – aber bitte auf dem Platz oder in der Halle.

 

Alle anderen Heldentaten in dieser Richtung würde ich zumindest meinem minderjährigem Umfeld gerne abgewöhnen. Auch wenn ich selbst nicht besser war. Und damals alleine, mit Pony auf Halfter und ohne Sattel in den Wald geritten bin. Doch: Es war einfach ein Scheißgefühl, als dieser Motorradfahrer, der nicht in den Wald gehörte, da plötzlich auftauchte, und nicht nur das Motorrad, sondern auch das Pony abknatterte.

 

Ist ja nichts passiert. Stimmt oft. Und doch: Was für ein dummer Satz. Weil er eine scheinbare Sicherheit vermittelt. Genauso, wie ich mir wünsche, dass alle Reiter wissen, was sie da Kostbares in den Händen haben, wenn sie die Zügel anfassen, wünsche ich mir, dass sie Vertrauen nicht mit dumpfem Leichtsinn verwechseln.

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Reiten ist ab einem gewissen Moment Kunst. Der Weg zur Kunst ist jedoch Akribie. Diesen wunderbaren Moment hat Klara Freitag eingefangen.

 

P.S.: Das hier ist kein Plädoyer contra gebissloses Reiten! Es gibt gute Alternativen zur Trense, die auch viel Sicherheit bieten. Der Kappzaum oder das Knotenhalfter beispielsweise, die eine komplett andere Wirkung haben, als ein stinknormales Stallhalfter.

10 Merkmale von Reiterautos

So ein Reiterauto hat ein besonderes Innenleben -und hält schon mal die ein oder andere Überraschung bereit. Foto: A life with horses

 

Es ist eine durchaus spezielle Beziehung, die von Reiterinnen und ihren Autos. Sie führt einerseits zu Fachfragen wie „Was kann der ziehen?“ und andererseits zu lieblosen Schlammspuren an den unmöglichsten Ecken in und am Auto. Wie viele der zehn Punkte kannst Du abhaken?

  1. Reiterautos dienen als Umkleidekabine. Und Reiterinnen haben erstaunliche Fähigkeiten entwickelt, wie man sich hinter’m Lenkrad komplett umzieht.
  2. Waschanlagen sieht das Auto montags: Der Tag ist am weitesten vom nächsten Turnierwiesen-Besuch entfernt.
  3. Der Kofferraum wird oft mit Zeug befüllt, das da eine Weile drin bleibt. Die Kappe, weil Du an mehreren Ställen reitest. Oder: Das Weidehalfter, damit Du es nicht erst im Stall holen musst, bevor Du das Pferd aufliest. Oder: Die frisch gewaschenen Handtücher, die Du in Deinen Sattelschrank sortieren möchtest.
  4. Es ist immer eine Notration Essen im Auto (meist so etwas Gesundes wie Schokoriegel). Könnte ja sein, dass man direkt vom Schreibtisch zum Pferd düst.
  5. Reiterautos benötigen keine Duftbäume. Schließlich riecht es ja stets gut nach Pferdehaaren darin.
  6. Die Schwelle zwischen Fahrertür und Gaspedal hat verräterische Matschspuren.
  7. In der Mittelkonsole liegen nicht nur Haargummis für Menschen, sondern auch Mähnengummis für Pferde.
  8. Wenn Du Dich fragst, wo denn zum Teufel noch mal dieser zweite Handschuh, die eben gekaufte Leckerli-Dose oder das Ersatzpaar Reitersocken ist, und Du schon zweimal den Sattelschrank durchgewühlt hast: Guck mal unter die Sitze Deines Autos. (und: Nein, Du bist nicht so unordentlich. Reiterautos haben eben eine spezielle Art von Humor und verschlucken daher gern mal so ein Zeug. Das ist ihr Charakter!)
  9. Im Kofferraum steht eine Plastikbox mit angetrockneten Schlammresten darin. Abwechselnd beherrbergt die Stiefeletten, Reit- und Gummistiefel.
  10. Der Beifahrersitz ist mit Tüchern behangen. Deko, die schnell heruntergerissen werden kann, wenn mal ein Nichtreiter im Auto mitfährt.

 

Das Mädchen mit dem Dalmatiner

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Meine Fee. Meine Nike. Ich. Foto: Klara Freitag

 

Vergangenen Freitag um kurz vor 16 Uhr habe ich meinen Hund einschläfern lassen. Ihre Ohren in meinen Händen, ihr Kopf ruhend auf dem Rand ihres Körbchens, der Tierarzt rechts, der Mann links vom Hund. Die Tür zum Garten stand auf, einen Teller voll Hackfleisch hatte sie zuvor bekommen. Sie konnte nicht mehr alleine aufstehen, seit Wochen nicht mehr. Ich hatte Euch schon gesagt, es gab einen Grund, warum es hier still war. Ich war nämlich Altenheim-Pflegerin für meinen Hund, sozusagen. Alleine lassen ging nicht mehr, mitnehmen schon seit Monaten kaum. Sie rief mich nachts, wenn sie mal musste oder trinken wollte. Zwei, dreimal die Nacht. Ich half ihr hoch, stützte sie. Irgendwann war ich so müde, dass ich auf dem Sofa neben ihr geschlafen habe, weil ich ihr leises Fiepen sonst nicht mehr gehört hätte. Und immer diese Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt? Will sie noch bei uns sein? Bist Du der Verräter, wenn Du sie jetzt einschläferst? Schon oder erst jetzt einschläferst? Wann kann man es Gnade nennen? 

***

Es ist Sonntagmorgen. Sonnig, Vögel zu hören, das Fenster steht auf. An einem normalen Tag würde ich jetzt mit Hund und Kind zum Stall gehen.

 

An einem normalen Tag.

 

Als ich gestern Abend ins Bett ging, dachte ich: noch schnell heruntergehen, dem Hund über den Kopf streichen. Als ich aufstand, dachte ich: hab’ ich da den Hund gehört? Als ich gestern ins Auto stieg, und vorn vor dem Beifahrersitz die Einkäufe vom Bäcker hinplatzierte, und meine Tochter fragte: „Wo hast Du denn den Kuchen hingetan?“ und ich sagte: „Vorn, beim Beifahrersitz“, da war es kurz still im Auto. Dann sagte meine Tochter: „Da saß Nike immer.“ Meine Gedanken.

 

 

Es gibt keine Nike mehr. Es gibt noch diese Automatismen in meinem Kopf, die immer noch denken, wir leben mit ihr. Bürotür aufschließen: „Moment, der Hund muss noch mit hereinhuschen.“ Ach nein. Etwas fällt auf den Boden: „Wir haben ja einen vierbeinigen Staubsauger.“ Quatsch. Einkäufe im Flur abstellen: „Oh nein, dann klaut Nike das.“ Auch das nicht mehr. Fahrten zur Familie: „Sind alle im Auto? Nike fehlt doch!“ Ja.

 

Sie fehlt.

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Ein Bild vom vergangenen Winter. Da konnte sie noch die paar hundert Meter bis zum Stall laufen. Foto: Klara Freitag

 

Sie ist 13 oder 14 Jahre alt geworden, genau weiß ich es nicht, denn sie war ein Tierschutzhund aus Griechenland, der nach Deutschland kam, als Athen für die Olympischen Spiele seine Straßen hundefrei haben wollte.

Vom Straßenhund zum Traumhund

Sie kam zu mir, als ich Studentin war. Mitte zwanzig, unglücklich, und ich dachte: jetzt einen Hund anschaffen. Jetzt, oder erst, wenn Du in Rente bist. Beknackt, aber so war es. Ich wollte unbedingt einen Dalmatiner, weil ich sie so freundlich fand, so verspielt bis ins hohe Alter, und weil sie am Fahrrad rennen können. Ich wollte keinen aus einer Zucht, weil die Dalmatinerfärbung immer die Gefahr beinhaltet, dass Welpen taub sei können. Kann man unterstützen, so etwas in Kauf zu nehmen? Ich nicht. Aber mit dieser Tierheimhund-Lösung konnte ich leben. Meine Pferde, damals zwei, standen 10 Kilometer stadtauswärts, ich wohnte in der Innenstadt. Ich hatte kein Auto, und Nike rannte von Anfang an mit mir dorthin, zwanzig Kilometer am Tag. Als sie kam, hatte sie furchtbare Angst vor Männern. Hob man die Leine hoch, schmiss sie sich auf den Boden. So, als ob sie erwarten würde, dass man jetzt draufhaut. Sie kannte ihren Namen nicht, sie tat in der Wohnung so, als sei sie nicht da. Hockte sich hinter Sessel, versuchte unauffällig und leise zu sein, hatte keine Ahnung, wie man an der Leine ging, wo man als Hund auf Toilette gehen darf.

 

In ihrer ersten Nacht bei mir stellte sie sich zähnefletschend vor mich, als ich aufstehen musste. Ich hielt ihr eine handvoll Futter unter das Maul. Es war eine Intuition, ich war kein Hundeversteher damals. Es war richtig. Sie hatte einfach vergessen, wo sie war, der ganze Hund war nur ein Bündel voll Angst. Von da an war klar, dass ich ihr nie etwas tun würde.

 

Das zerdrückte Ohr

Nie wieder in ihrem Leben hat sie irgendeine Aggression gegen Menschen gezeigt. Als meine Tochter ein Krabbelkind war, zerdrückte sie Nikes Ohr. Nike heulte und winselte und hielt still. Sie wartete, bis ich ihr Ohr aus den Kinderhänden befreite. So war mein Hund.

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Love. Foto: Klara Freitag

 

Mein Hund, der stundenlang in Decken gehüllt in der Reithalle auf mich wartete. Mein Hund, der mit mir im Zug gereist ist, der mit mir in England und in der Schweiz gewohnt hat, der in Berlin und auf dem platten Land mal mit mir zuhause war. Mein Hund, der neben meinem Pferd durch den Wald in Aachen gerannt ist, durch die Berge im Westerwald, im Feld im Münsterland und auf den Sandwegen Brandenburgs.

Diese paar Jahre. Ihr ganzes Leben.

Ich könnte heulen und fluchen, dass Hunde nur so wenige Jahre leben. Schon komisch, sagt mein Mann, für uns waren es ein paar Jahre, für Nike war es ihr ganzes Leben.

Ich werde immer als erstes die Geschichte von Nike erzählen, wie sie meine Weihnachtsgeschenke zerfetzte, schreibt mir meine Freundin B. Sie liebte Nike, aber diese Geschichte hatte es tatsächlich in sich. Wir wohnten damals zusammen, Nike war ein junger Hund. Meine Freundin hatte für ihre Familie liebevollst eingepackte Sachen zusammengestellt, mit Geschenkanhängern, Karten, Schokolade. Nike zerstörte alles. Sie fraß die Schokolade, zerkaute Holzbilderrahmen, ließ kein einziges Geschenk aus. Das Foto von Nike mit schuldbewusstem Gesicht, wie sie inmitten der zerfetzten Sachen sitzt, habe ich noch. Musste ich der Versicherung schicken, die brav all die Sachen bezahlte, die ich an einem Tag alle haargenau wieder neu kaufen musste.

So ein schönes Leben hatte sie doch, sagen andere Freunde. Sei dankbar für die Zeit. Was soll man schon sagen, ich weiß. Es tröstet mich nur nicht. Es war einfach mein Hund. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwann noch mal einen Hund geben wird, der mir so nah ist.

 

Vielleicht willst Du das nicht hören, sagt darauf meine Freundin P. Aber sie hätte das von jedem ihrer Hunde gedacht, und dann kam wieder einer, der sie ebenso stark berührt hätte. Eben anders, aber genauso doll.

Vielleicht ist es ja einfach nur der Schmerz der ersten großen Hundeliebe, die gegangen ist.

Nein, sagt mein Freund T. Es ist auch traurig wegen Dir selbst. Du wirst einfach nie mehr dieselbe sein. Vielleicht stimmt auch das. Nike war da, als ich studierte, als ich ein wildes Leben führte. Als ich in die Großstadt zog, und mich halbtod arbeitete, als ich heiratete, als ich ein Kind bekam, als ich aufs Land zog.

 

Das Mädchen mit dem Dalmatiner.

Das war ich.

 

Der Geheimtipp mit den Brennnesseln

 

Schönste Stunden. Auf der Heuwiese des Nachbarn mit meiner Fee. Foto: Klara Freitag

Schönste Stunden. Auf der Heuwiese des Nachbarn mit meiner Fee. Alle Fotos: Klara Freitag

Oder: wie ich den Sommer feiere. Trotz allem.

Vorab: Es ist noch mal richtig schön warm dieser Tage. Diesen Text habe ich allerdings geschrieben, als es nicht fluffige 24 Grad, sondern 30 Grad plus waren. Es waren schwierige Tage, nicht nur wegen der Temperatur. Aber ich hab‘ mir vorgenommen, jeden Tag zu feiern. So wie das Hunde tun, die jeden Tag glücklich aufstehen, die nicht an Morgen denken. Weil ich nämlich glaube, das wir das Leben nur so richtig fühlen können. Volle Kanne. Also, hier ist er, ein reiner Feier-Text. Trotz allem.* 

Warnung: das wird ein reiner Schwärm-Text. Denn ich komme gar nicht mehr raus aus dem Bewundern, Genießen und Machen dieser Tage. Es ist Hochsommer, und in der heftigsten Regenecke dieses Landes, in der ich nämlich wohne, sind das kostbare Tage.

Morgens, kurz nach acht Uhr, bin ich am Stall und reite mit Fee ab in den Wald. Wir treffen zwei, drei Hundebesitzer, ansonsten haben wir den Wald für uns alleine. Es ist zwar warm, aber nicht heiß, es duftet, und helles Morgenlicht an lichten Waldstellen lässt mich an jeder Ecke denken: „Und jetzt ein Foto!“. Meine Fee freut sich, prustet, wir galoppieren einen meiner Lieblingswege entlang, der wie eine Wellenbahn leicht auf- und abführt. Dann noch ein wenig im Trab zulegen und wieder einfangen, nur ein paar Tritte jeweils. Herrlich, sie passt gut auf und macht Spaß, die Fee.
Alizées Tipp
Dann noch abwechselnd Schenkelweichen und Traversalen, hin- und her, von einer Seite des Weges zur anderen. „Play with it!“ ist mir noch in den Ohren, Alizée Froment sagte mir das im letzten Kurs. Damals fand ich die Einladung, mit diesen Bewegungen zu spielen, noch ziemlich kühn, denn ich eierte eher auf der Mittellinie herum, als dass es nach einem leichten Spiel aussah. Hier im Gelände ist das viel einfacher, weil: das Vorwärts ist ja automatisch da. Macht der Wald. Grins.

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Anderer Tag. Ich liebe den Anblick der geernteten Heuwiesen, die sind hier herum nämlich sanft geschwungen. Am allerschönsten ist ihre Weite abends zu bewundern, dann gibt es gratis dazu diese unglaublichen Himmelsfarben, die nur Spätsommerabende zu Stande bringen. Wegen der Nässe in diesem Jahr ist unsagbar spät Heu gemacht worden, und daher gab’s Heuwiesenritte bei uns, als andere schon fast auf’s Stoppelfeld gingen. Außerdem mussten wir langsam tun, denn stellenweise war der Boden immer noch nicht durchgetrocknet (und wer sich jetzt fragt, wie man da vernünftiges Heu für den Winter bekommt, der stellt genau die richtige Frage.) Der Ritt auf der Heuwiese war dennoch schön. Weite, mal langsamer als sonst genossen.

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Tagsüber, wenn das Kind mit dem Pony tüdelt, halte ich mal den Wasserschlauch auf mein Pferd. Beine kühlen. Mehr machen wir tagsüber nicht bei 30 Grad plus. Ganz anders war das in dem Jahr, in dem mein Pferd zuletzt tragend war. Da reichte der Wasserschlauch nicht mehr aus.

Brennnesseln gegen dicke Beine

Sie hatte dicke Beine, als sie in genau so einer Hitzewelle hochträchtig war. Der Tipp meines Tierarztes: Brennnesseln trocknen und füttern. Ich weiß ja, das Phytotherapie, Kräuter und Heilpflanzen was können, aber ich hätte nie für möglich gehalten, wie schnell und wie gut das half. Ein, zwei handvoll Brennesseln auf’s Futter, und die Beine waren wieder dünn. Daraufhin war mein Arbeitszimmer die ganzen Sommerwochen über der Trockenraum für diese Biester (welche Leiden Männer von Pferdefrauen durch solche Aktionen erdulden müssen, hatte ich übrigens mal hier aufgeschrieben). Irgendwann dachte ich, ach was, ist ja nicht mehr so heiß, und der Stute geht’s ja so super, kannst du weg lassen. Kurz darauf: waren die Beine wieder dick. Also wieder zugefüttert und TADAA: Beine dünn. Effizient, würde ich mal sagen. Brennnesseln sind also der absolute Tipp, wenn es darum geht, den Lymphfluss zu erleichtern. Übrigens hat die Brennnessel eine ganz hohe Nährstoffdichte: siebenmal mehr Vitamin C ist in ihr vorhanden im Vergleich zur Apfelsine, dazu mehr Kalzium als in vielen Milchprodukten. Ein echtes Superfood. Also: Grüner Smoothie mit Brennnesseln für mich, Brennnessel als Kraut oben auf ihrer Futterportion für Fee. Guter Plan.

 

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Fee mit Heidebäuchlein. Freut mich sehr, weil sie im Frühjahr ja so dünn geworden war (wieso weshalb warum steht HIER). Foto: Klara Freitag

 

Wenn ich abends noch mal zum Stall gehe, dann kommt’s mir momentan bei uns vor wie ein einem Pilcher-Film. Die Hochlandrinder, unsere Nachbarn, stehen bis zum Bauch im Teich, um sich abzukühlen. Am Rande ihrer Weide stehen Apfelbäume, die ihre ersten Früchte auf den Weg geschmissen haben. Kleine Kugeln, mal rot, mal grün. Am Stacheldraht der Kühe hat sich ihr rotbraunes langes Haar verfangen und bewegt sich im Wind. Es zwitschert (wie eigentlich den ganzen Tag über), und wenn ich am Stall angekommen bin, steht mit ganz viel Glück noch Pflaumenkuchen in der Küche des Reitstalls bereit. Von Annike, der Königin der Kuchen, mit Pflaumen von den Obstbäumen die rund um die Halle stehen, gebacken. Geht’s besser?

 

*=Das ‚trotz allem‘ erkläre ich Euch im nächsten Blogbeitrag. Spoiler: es wird traurig. Leider.

Fünf am Tag – Marmeladenglasmomente

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Schönste Stunde des Tages. Und: ab in’s Glas mit Dir! Foto: Klara Freitag

 

Kennt Ihr diese Idee, ein Einmachglas zu nehmen, und immer, wenn etwas Schönes im Alltag passiert, das auf einen Zettel zu schreiben und in dieses Glas zu werfen? Am Ende des Jahres leert man das Glas und freut sich daran, was alles so passiert ist.

 

Auf die Zettel kommen große und kleine Freuden. Eigentlich gedacht ist dies für das Leben an sich, für so etwas wie: Barfuss über nasse Wiesen laufen, Pistazieneis am Vormittag essen.

 

Ich finde, die Idee eignet sich auch grandios für ein rein pferdiges Glas, in das Erinnerungsschnipsel kommen von „Er ist endlich durch die Pfütze gegangen!“ bis „Reservesieger in Prüfung XY!“.  (Marmeladenglasmomente ist ein Wort für diese kleinen Freuden, ich konnte nicht herausfinden, woher das kommt. Klingt so eingedeutscht, wer es weiß: bitte schreibt es mir! )

 

Ich finde diese Idee super, denn genau diese vielen kleinen Momente sind es doch, die unsere Leidenschaft ausmachen. Ich dachte letztens darüber nach, ob ich das nicht noch Mitte des Jahres anfange. Weil man ja so schnell vergisst, also ich zumindest. „Dieser Geruch!“ denke ich oft, oder „Wie schön die da zusammen auf der Weide stehen, das vergisst Du nie!“ Ähm. Doch. Ich vergesse so etwas, und erinnere mich oft nur daran, wenn etwas Ähnliches nochmal passiert.

 

Ich ging also mit diesen Gedanken zum Pferd, und sah, wie es aus der Badewanne in seinem Paddock trank, wie die Tropfen am Maul wieder zurück aufs Wasser plumpsten, während es mich anguckte. Wie ihr Fell am Kopf an immer größeren Stellen weiß statt braun wird. Wie gern sie es mag, wenn ich am Ansatz zwischen Brust und Hals kraule ( so ziemlich die einzige Stelle, an der sie streicheln gut findet). Und dachte: Hey, schon drei Momente, schon drei Bilder. Dann lag noch die Katze so genießerisch auf der Mauer, und ich freute mich, mein Pferd schön prusten zu hören beim Reiten. Fünf Momente.

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Nebenan. Klara mag die Ochsenblätter auf der Weide, das sähe so nach Steppe aus. Ich denke nur: Ausreißen! Alles eine Frage der Perspektive. Wir einigen uns auf das schönste Licht, dass durch die Blätter huscht. Foto: Klara Freitag

 

Boah, geht ganz schön schnell am Stall, dieses Glücksmomente sammeln.

 

Auf dem Weg nach Hause entschied ich, dass ich kein Marmeladenglas will. Weil: bei mir würde das wieder so eine Aktion, die ich begeistert starte und dann beim 10. Zettel aufhöre, da etwas herein zu werfen. Dann stünde es herum und würde mich vorwurfsvoll ansehen: „Eigentlich wolltest Du doch, oder?!“

 

Gruselig.

Genauso, wie ich Anfang des Jahres erzählt habe, dass ich unbedingt mehr Sport machen möchte. Wo ich Ball und Balancekissen gekauft habe, und doch kaum was damit tue. Bei mir hilft da kein guter Vorsatz. Sondern: Verpflichtung (Kurs mit Elaine gemacht + zum Lauf im Team angemeldet)  und sich-jeden-Tag-selbst-in-den-Hintern-treten (2 Mal Joggen letzte Woche, immerhin!). Deshalb gehe ich lieber das vermeintliche Risiko ein, Sachen zu vergessen, als mir die Leichtigkeit zu nehmen, es einfach so schön zu finden, ohne hinterher etwas notieren zu müssen.

 

Aber allein dieser Gedanke an die Marmeladenglasmomente hat’s gebracht. Nämlich noch mal mit offenen Augen zum Pferd gehen und zu merken, was man da eigentlich so genießt. Auf fünf wunderbare Momente bin ich sowas von easy gekommen.

 

Und Du? Welches war Dein schönster Moment in der letzten Woche?

 

 

 

P.S.: Wenn Dein innerer Schweinehund absolut nicht davon zu überzeugen ist, sich noch in den Stall zu schwingen, dann empfehle ich dieses Rezept, um ihn mundtot zu machen. Hilft. So gut wie immer.

Blöde Kommentare auf Facebook

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Das ist Lotta, Stallkollegin, beste Grimassenschneiderin, Gelegenheits-Feereiterin und ihr süßer Eldir. Foto: Klara Freitag

 

Als ich diesen Text hier über das Beurteilen von anderen Reitern fertig hatte, sagte jemand zu mir: „Da fehlt mir etwas. Diese Facebook-Kommentare, die nerven mich manchmal so! Immer dieses Gemecker!“

 

Deshalb geht es heute um das Gemecker.

 

Fangen wir mal bei dem an, was wir beeinflussen können: uns selbst. Wie sich meine Finger, ergo Deine, auf der Tastatur bewegen. Super einfache Regeln.

 

Ich sagte in diesem Text:

Und jetzt noch mal zurück zu den Internetkönigen und ihren scharfen Meinungen: Es ist erlaubt. 

Jeder, der in einem Restaurant essen war, darf hinterher sagen, ob es ihm geschmeckt hat oder nicht.

Und genauso verhält sich das mit Turnierplätzen.

 

Fehlt noch die Art und Weise, wie man das sagt. Nettiquette im Netz bedeutet, sich vorzustellen, man wäre nicht im Netz unterwegs. Also: meine Kritik an einem Reiter ist genauso scharf, wie ich es ihm (oder dem Koch im Restaurant) ins Gesicht sagen würde.

 

Uups! Wer von Euch traut sich jetzt noch?

Und wer von Euch macht das so?

 

Jede Tastatur und jeder Bildschirm baut Hemmschwellen ab. Unser Impuls, flott mal jemandem unsere Erfahrungen mitzuteilen, oder unsere Meinung zu geigen, ist am Bildschirm weitaus größer als in der Realität.

 

Wenn der Koch vor meinem Tisch steht, und fragt, wie es mir geschmeckt hat, wähle ich meine Worte. Und Du wahrscheinlich auch.

 

Wir wählen, wir hauen es nicht einfach raus. Das ist der feine Unterschied.

 

Im Internet unter Pferdeleuten geht’s aber oft nicht nur um den Geschmack, sondern darum, auf Gefahren hinzuweisen (liebstes Thema: die Kappe) oder das Pferd zu beschützen (sieht krank aus, sieht falsch ausgebildet aus, wird falsch ernährt, wird gequält).

 

Man braucht hier zwei Sachen: Höflichkeit und Arsch in der Hose. 

 

Im richtigen Moment und dosiert eingesetzt. Meint: Impulskontrolle.

 

Genau das kann jeder für sich selbst üben. Einfache Regel, höchst effektiv.

 

 

Was Deine und meine Worte tun

 

Egal, wie groß die Seiten sind, auf denen ihr unterwegs seid: dahinter stehen Menschen. Ich arbeite für pferdia tv, und die facebook-Seite des Unternehmens hat mehr als 110.000 Likes. Ob ihr es glaubt, oder nicht: wir, das sind so ungefähr zehn Menschen im Kernteam, lesen alle Kommentare. Es berührt uns, wenn ein Film, in den wir viele Stunden Gedanken, Arbeit und Sorgfalt investiert haben, gut besprochen wird. Genauso geht Kritik nicht so einfach an uns vorbei. Sie lehrt uns etwas oder ärgert uns oder bestätigt unsere interne Wahrnehmung. Wer kommentiert, ruft nicht in einen leeren Raum hinein. Es ist nicht anonym, auch wenn es in der Summe eine Kleinstadt an Menschen ist, die auf der Seite unterwegs sind.

 

Böses Wort: Die Kappe

Verrückter Weise gibt es aber immer wieder Situationen, die aus dem Nichts heraus eskalieren. Beispiel: Dressurreiterin postet ein Bild, auf dem sie in der Prüfung mit Dressurzylinder zu sehen ist. Jemand schreibt darunter, sinngemäß: „Das ist nicht vorbildlich, gerade Reiter auf S-Niveau sollten Kappe tragen!“  Man könnte darüber mit den Achseln zucken. Oder sagen: sehe ich nicht so. Oder sagen: sehe ich auch so. Ich meine – Kappendiskussionen, gibt ein ewigeres Thema unter Reitern? Gähn. Doch stattdessen entwickelte sich ein Sturm der Entrüstung, dreißig Kommentare ungefähr, die sich über diesen Kommentar ereiferten. Spitze des ganzen, der Wunsch: „Blockiert bitte diese Frau.“ Wohlgemerkt: Die Kappen-Verfechterin hatte sich nicht im Ton vergriffen. Verrückt, oder?

 

Und wenn jemand doof zu mir ist?

Wenn jemand blöd auf facebook über mich redet, dann sagt das vor allem etwas über diese Person aus. Wenn sich dem Zwanzig anschließen, auch über diese. Ich rede hier nicht von einem kritischen Dialog, sondern von Kommentaren ohne Substanz, die einfach nur negativ sind. Sie können mir piep-schnurz-egal sein.

 

Also: müdes Schulterzucken trainieren.

Hilft.

Funktioniert allerdings nur mit einem kühlen Kopf meinerseits.

 

Den habe ich – und genauso Du – nur, wenn ich

 

1. Mit mir selbst im Reinen bin und

2. Genug Distanz zum Thema habe.

 

Denn sobald in mir der Gedanke „Das ist ungerecht!“ aufkommt, und ich denke, mich wehren zu müssen, ist es vorbei mit der Gelassenheit.

 

Es gibt ein Forum auf facebook, das ich sehr gerne besuche, weil es im Reitsport das Forum ist, das am allerbesten moderiert ist. Ruhig, gelassen, sachlich, alle Teilnehmer werden immer wieder dazu aufgefordert, beim Thema zu bleiben. Irgendwann hatte der Moderator eine neue Phase – er brachte sich selbst und seine Erfahrungen mehr ein und konnte plötzlich gar nicht mehr so ruhig, gelassen und sachlich andere Meinungen stehen lassen. Das tat der Sache nicht gut.

 

Sobald es um Dinge geht, die uns super wichtig sind, die unsere Babys sind, ist es schwieriger, Distanz und Gelassenheit walten zu lassen. 

 

Was ich alles in die Welt quatsche 

Eine gute Bekannte sagte letztens zu mir: „Was Du da auf dem Blog alles von Dir preisgibst!“ Ich erzähle viel, ja. Wie ich hadere mit meinem ReitenWas ich gern des nachts tue. Aber: Alles, was da steht, ist für mich glasklar. Das kann jeder wissen, die Bäckereiverkäuferin, meine Nachbarn, meine Kollegen, Reitverein XY aus Pumpelshausen. Auch wenn es intim sein mag – diese Sachen gehören zu mir und meinem Leben, sie sind okay und dürfen genau so sein, sie gehören zu mir. Ich habe die angenommen und muss da nichts verstecken. Aber es gibt auch Dinge, über das ich nie auf den Blog schreiben würde: Alle Themen, mit dem ich hadere oder ringe, kommen da garantiert nicht drauf. Denn das sind meine Achillesfersen, die ich beschützen muss, so wie jeder Mensch auf seine Babies und weichen Stellen im Leben achten muss. Die schmeißt man nicht auf den Marktplatz, und guckt, was passiert. Die bespricht man mit Freunden, mehr Wissenden, oder geht in sich. Das geht höchstens im Nachhinein in die Öffentlichkeit. Wenn das Problem gelöst ist. Zum Beispiel hier, wo ich davon erzähle, wie das war, als das Pferd immer schlechter aussah. Aber was wäre wohl passiert, wenn ich alle Fakten, bevor ich Lösungen gefunden hatte, ins Netz gestellt hätte? Da hätte ich mir ordentlich blaue Flecken geholt.

 

Ist mir letztens übrigens auch passiert: jemand fand diesen Text hier unmöglich. Sie fand, dass ich Shetties schlecht mache und unmögliche Regeln für mein Kind aufstelle. Wir haben uns darüber auf facebook unterhalten, hier könnt ihr das lesen (Dies bitte nicht als Aufforderung verstehen, der Dame Kontra zu geben, die Sache ist erledigt!). Zugegeben: Mein Herz pochte schon, als ich den ersten richtig negativen Kommentar zu meinen Blogtexten las (Premiere!). Ich habe meiner Bürokollegin davon erzählt (mir Luft gemacht), einen Kaffee geholt, und mir dann überlegt, was ich antworte. Das ging dann ganz einfach. Weil all das, was ich mit Shetty und Kind tue, für mich okay ist. Das darf jemand anders aber dennoch doof und blöd und scheisse finden. Sein Bier.

 

Deshalb: beschützt Eure Achillesfersen und lehnt Euch ansonsten erst mal zurück, bevor Ihr in die Tasten haut. Und wenn jemand blöd daherredet – sein Problem.

 

Warum ich nicht reiten kann, aber über die besten Reiter urteile

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So sieht sie aus, meine Arbeit. Hier in der Vorbereitung zu einem Porträt für die Welt am Sonntag, das 2015 erschien. Foto: Thomas Rubel

 

 

Immer wenn ich Kommentare dieser Art unter einem Facebook-Post lese, zucke ich innerlich. Sie erscheinen stets, wenn ein Normalo-Reiter einen Promi-Reiter kritisiert und kommen in diversen Varianten daher, hier mal ein paar:

 

Erst mal selber besser machen!

Hah, ich möchte wetten, Du gehst selbst gar keine Turniere!

Wenn Du das besser kannst, dann poste doch mal ein Reitvideo von Dir!

Ich möchte mal wissen, was DU zuhause reitest!

 

Ich schreibe im Gegensatz zu den Menschen, die mit diesen Sprüchen á la ‚Schuster bleib bei Deinem Leisten’ gemaßregelt werden, nicht hauptsächlich auf facebook, sondern in diversen überregionalen Medien. Ich habe über Weltreiterspiele und über die EM berichtet. Ich schreibe über die führenden Köpfe der Weltranglisten. Neutral, positiv, negativ. So, wie es mir die Recherche nahelegt.

Und jetzt kommt’s: Ich kann nicht reiten.

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Die Deko über dem Bereich, in dem sich Presse und Reiter auf in Aachen treffen. Foto: Klara Freitag

 

Also nicht in dem Sinne reiten, wie es da gezeigt wird. Pferde gehören zu meinem Leben, klar. Ich juchze daheim, wenn ein Außengalöppchen nett klappt und freue mich, wenn ich mal weniger schief sitzend als sonst auf einem Reitvideo aussehe. Beruflich gucke ich mir internationale Grand-Prix-Prüfungen an. Und schreibe dann, für tausende Menschen lesbar, auf, ob das gut war, was ich da gesehen habe.

 

Furchtbar?

Inkompetent?

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Chaman vor dem Start. Foto: Klara Freitag

 

Nein. Völlig okay.

Weil: es hat nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun.

 

Der Literaturkritiker schreibt selten ein Buch, und noch seltener ein gutes. Und doch kann er genial sein für sein Publikum. Der Restauranttester ist meist allenfalls ein hervorragender Hobbykoch (gut, abgesehen von diversen neumodischen TV-Formaten). Und dennoch wissen Fans des Literaturkritikers oder Fans des Restauranttesters deren Urteile einzuordnen.

 

Das funktioniert und ist gut, wenn ein paar Faustregeln eingehalten werden:

 

  1. Seine eigenen Grenzen kennen

Ich kann über nichts schreiben, über das ich nicht noch mehr als 50 Prozent Wissen bereithalte, als man später überhaupt davon im Text lesen kann. Ich muss mir sicher sein, dass meine Beobachtung und meine Recherche stimmt.

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Vierzigtausend sollen es gewesen sein. Foto: Klara Freitag

 

  1. Recherche, Recherche, Recherche

Sich seiner Verantwortung bewusst sein. Hinsehen, oft. Manche Themen schiebe ich über Jahre vor mir her, weil ich den Eindruck habe: da fehlt noch ein Mosaikstein. Mit vielen Menschen sprechen. Auch mit vielen, die später gar nicht in Texten vorkommen. So nah dran kommen ans Thema wie nur möglich – und dann wieder Distanz einnehmen.

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Seinen Job machen. Gut. Egal wo, egal welche Ebene. Foto: Klara Freitag

 

  1. Nicht dazu gehören wollen

Ich bin kein internationaler Reiter. Ich bin kein Drahtzieher im Sportgeschäft. Und doch springen alle Wichtigen um mich herum, wenn ich in ihrem Umfeld recherchiere. Man kennt sich, sieht sich über Jahre. Ich habe Kolleginnen, die in die Szene geheiratet haben, so einige. Und viele von ihnen haben ihren Beruf an den Nagel gehängt. Es geht nur eins von beidem, wenn Du neutral bleiben willst. Du kannst Profi auf Augenhöhe sein – jeder in seinem Metier. Du kannst auch jemanden persönlich mögen – und musst Dich doch in kritischen Momenten immer für das entscheiden, was eine Ahnung von Wahrheit sein mag (nicht weil ich es aus einer Laune heraus so beschließe, sondern weil die Beobachtung und Recherche das ergeben haben). Und das kann richtig blöd sein, denn es gibt so einige Menschen im Reitsportzirkus, die sehr nett und sehr lustig und sehr kumpelig sind – und fürchterlich reiten.
Ohne diese Distanz bist Du vielleicht irgendwann gute Freundin, PR-Vertreterin, manchmal auch Ehefrau. Aber kein Journalist, der seinen Beruf korrekt ausübt.

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Wie war das mit dem schönen Hintern? Das Bild ist nach rein ästhetischen Merkmalen ausgesucht. Wir reden hier nicht über Bemuskelung, Hufe und so weiter. Foto: Klara Freitag

 

  1. Vor dem Können steht das Wissen

Dieser Reiterspruch trifft so sehr für diesen Beruf zu. Hunger nach Wissen ist absolut essentiell. Nur: Man wird nur besser in dem, was man ständig übt und tut. Ich verbringe die meiste berufliche Zeit am Rechner, unterbrochen von Reisen zu Ausbildern, Interviewpartnern und Events. Oder ich lese, um zu lernen. Aber mein Handwerkszeug schärfen, das tue ich mit der Tastatur. Gleichzeitig lerne ich wahnsinnig viel über Pferde und das Reiten. Dennoch: wer im Sattel nur eine Stunde am Tag verbringt, der mag viel über das Reiten wissen, aber das handwerkliche Reiten ist und bleibt das eines Amateurs. Das, was ich weiß, und das, was ich praktisch kann, divergiert extrem. Damit muss ich leben – und das kann ich, weil ich meinen Beruf liebe. Schreiben ist mein Sprachrohr in die Welt.

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Auf der Geländestrecke. Höhepunkt in Aachen, für mich auf jeden Fall. Foto: Klara Freitag

 

5. Mitschwingen

Das einzige, was ich mir nicht anlesen kann, was ich nicht beobachten kann, ist das Gefühl. Was ich nicht selbst erlebe, muss ich mir erzählen lassen. Ich behaupte: ich kann von jedem, der offen genug ist, mit mir ein intensives Gespräch zu führen, hinterher in Worte fassen, was dieser Mensch im Sattel oder in der Ausbildung mit seinen Pferden erlebt. Das funktioniert durch viel Empathie, sich einlassen können und eben einer besonderen Beziehung zur Sprache. Ich erlebe es oft, dass Menschen, mit denen ich zum ersten Mal gesprochen habe, hinterher verdutzt sind, weil sie zum ersten Mal ihre Gedanken zur Pferdeausbildung geordnet auf einem Blatt Papier sehen. Und überrascht sind. Das sind sehr schöne Momente.

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Ebenfalls jemand, der seinen Job macht. Mit dem Fahrrad sind sowohl die Hostessen in Aachen unterwegs, als auch der Turnierleiter. Der fährt aber ein abgeschrammtes weißes Modell. Foto: Klara Freitag

 

6. Positiv berichten

Unter Pferdeleuten höre ich oft: „Wir bräuchten eine Berichterstattung, die mal Positives vom Reiten erzählt!“  Ich bin nicht zuständig für ein positives Bild. Nennt man nämlich PR, auch ein Job, aber nicht meiner. Ich bin zuständig für den Ist-Zustand und das Erzählen von dem, was gerade passiert. Das beinhaltet das mit-dem-Finger-auf-etwas-zeigen genauso wie das Herausstellen guter Sachen.

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Im Moment sein. Gilt für alle, die das sind. Foto: Klara Freitag

 

7. Maßstab König Pferd

Es ist abgegriffen, es sagen so viele Menschen über sich, aber es ist nun mal so: Der Maßstab ist das Pferd. Wie sieht das Auge aus? Stressanzeigen? Zufrieden? Darum geht’s, egal in welcher Sparte. So, wie der legendäre Moderator Hans-Heinrich Isenbart stets sagte: „Und vergessen Sie die Pferde nicht“.

 

 

Vielleicht fragt sich der ein oder andere, was trotz dieser ganzen Punkte jemanden dazu qualifiziert, über eine Sportart zu berichten. Das Ding ist: Es gibt kein starres Ausbildungssystem, keine Prüfungen. Es ist eine eher natürliche Selektion: die Chance haben, anfangen, arbeiten und sich bewähren. Wieder gefragt werden, weitermachen.

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Am Ende des Tages musst Du Dir selbst im Spiegel gegenüberstehen und in die Augen sehen. Alles andere: vergänglich. Foto: Klara Freitag

 

Mein erstes Bewerbungsgespräch bei einem Reitsportmagazin war im Jahr 2000. Ich saß da, um eine Praktikumsstelle zu bekommen, und sollte erzählten, was mir wichtig wäre an diesem Beruf und in diesem Sport. Ich sagte: „Ich will nicht mein persönliches Ausbildungskonzept propagieren. Ich will erzählen und weitergeben, was Ausbilder lehren.“ Das könnte ich heute noch so sagen. Zu entscheiden, wer in einem Text zu Wort kommt und wer nicht, lenkt natürlich auch eine Menge. Aber da sind wir wieder bei einem der oberen Punkte: beobachten, sprechen, recherchieren. Ich hatte auch meine Griffe ins Klo. Ausbilder, die ihre eigenen Ansprüche nicht erfüllen, mehr Schein als Sein. Ausbilder, von denen man Jahre später ein ganz anderes Gesicht zu sehen bekommt.

 

Und jetzt noch mal zurück zu den Internetkönigen und ihren scharfen Meinungen: Es ist erlaubt. Jeder, der in einem Restaurant essen war, darf hinterher sagen, ob es ihm geschmeckt hat oder nicht.  Und genauso verhält sich das mit Turnierplätzen.

P.S.:

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Ach ja, da war ja noch etwas: Die Nominierung zum Silbernen Pferd, DEM Medienpreis für Journalisten im Reitsport! Wurde auf dem CHIO Aachen verliehen, ich war nominiert als eine von drei Journalistinnen im Bereich Print. Gewonnen hat ein Beitrag aus „Die Zeit“, ein Porträt des Fotografen Jaques Toffi von Anna von Münchhausen. Klar, ich hätte auch gern das silberne Ding gehabt, statt ein Plakat hinter Glas. Egal – wer weiß, was  noch so kommt! Es war dennoch ein richtig toller Abend! Die kleine Pippi Langstrumpf neben mir ist verkleidet, weil das Motto der Eröffnungsfeier Schweden war. Wir sind in der Kutsche im großen Stadion umher gefahren und haben wie die Queen (oder das Karnevalsmariechen, hust) gewunken. Schön!

Mein Text für das „Silberne Pferd“

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Daumendrücken! Heute Abend wird >Das Silberne Pferd< verliehen. Ich bin nominiert- und zwar mit diesem Text hier, der im Vorfeld der EM 2015 entstanden ist.  Es ist der größte Preis der Szene! Vergeben wird er vom Deutschen Reiter- und Fahrerverband und dem ALRV, das ist der Veranstalter des Turniers CHIO Aachen. Ganz, ganz besonders freut es mich, dass es ein kritischer Text ist. Die Dressurausbilder Dr. Britta Schöffmann und Jan Nivelle waren so mutig, in diesem Text in Zitaten auch Kritik am System zu üben. Das ist selten & großartig! Danke den beiden für ihren Mut! Yeah! 


Warum ich gerade den eingereicht habe: Der Text spricht viele Punkte an, die später auf der EM diskutiert wurden und zeigte so schon vorab eine gute Einschätzung von Lage & Chancen des Dressursports. Zugleich wird einem nicht-reitendem Publikum erklärt, worum es geht, wenn sich für die Augen des Laien einfach nur Pferde auf Sand hin- und her bewegen. Unterstützt wird der Text mit Illustrationen von Maria Mähler (www.maria-maehler.de),  die erklären, wie eine korrekte Piaffe aussehen soll – und wie eben nicht. Die Idee von Text & Bild: Dass unser Fachchinesisch eben keins mehr ist!

Hier der Text zum Nachlesen:

Totilas‘ Schatten
Beinahe spielerisch berühren die Hufe von Totilas den Boden. Jeder Muskel ist markant. Der schwarze Hengst verführt die Zuschauer allein durch seine Ausstrahlung. Mehr als ein Jahr musste es verletzt pausieren, das Wunderpferd, das Millionen kostete. Es hieß, er habe sich selbst gegen ein Überbein getreten. An diesem Sommertag ist von all dem nichts mehr zu sehen. Totilas siegt, und sein Reiter Matthias Alexander Rath strahlt. Die beiden erhalten Traumnoten und lösen ihr Ticket für die Heim-Europameisterschaften in Aachen (11.–23. August). Totilas kehrt ins deutsche Nationalteam zurück. Doch mit ihm auch große Probleme.

Fünfzehn ist Totilas mittlerweile. Wenn alles gut läuft, hat er noch einmal die Chance, zu Olympischen Spielen zu fahren. „Er hat nach wie vor sein Bewegungspotenzial, eine wahnsinnig gute Piaffe-Passage-Tour“, schwärmt Reiter Rath. Gerade darüber wird hinter den Kulissen heftig diskutiert. Denn die Reitweise, mit der Totilas trainiert wird, ist umstritten.

Es geht um Bewertungsmaßstäbe der Punktrichter und den dadurch entstehenden Druck in der Pferdeausbildung. Amateure, Profis, Ausbilder, Liebhaber und Breitensportler, die ganze Szene ist sensibilisiert. Zuschauer stehen am Rande der Turnierplätze und beobachten jede Bewegung der Tiere. Ob das Pferd den Hals richtig trägt. Ob der Reiter zu stark an den Zügeln zieht. Ob er seine Schenkel unfair einsetzt, es mit Sporen pikst. Fotos davon werden auf Facebook, Instagram und in Internetforen geteilt.

„Die Menschen möchten keinen Druck in der Pferdeausbildung sehen“, sagt Ausbilder Jan Nivelle, „das erzürnt sie. Und man kann ja auch Pferde ausdrucksstark und spektakulär zeigen, ohne Druck anzuwenden.“ Der Ausbilder aus Mönchengladbach kennt die Szene. Er war selbst Trainer der spanischen Nationalmannschaft, heute unterstützt er einzelne Spitzenreiter, auch seine Schützlinge nehmen an der EM in Aachen teil.

Dass Matthias Rath gelernt hat, Totilas zu leiten, ist vermutlich das Ergebnis der Zusammenarbeit mit Sjef Janssen. Erst seit der ihm hilft, läuft es mit Reiter und Pferd. Der niederländische Trainer aber gilt als Inbegriff der sogenannten Rollkur. Bei ihr wird der Hals des Pferdes stark gedehnt, das Pferdemaul in Richtung Brust gezogen. Janssen, der das Wort Rollkur nicht mag und sein Training „Low-Deep-Round“ nennt, wird dafür heftig kritisiert: Seine Methode sei nicht tiergerecht. Es gibt zahlreiche Studien dazu. Die meisten belegen, dass eine Rollkur dem Pferd Schmerzen zufügt, aber es gibt auch Studien, die zu anderen Ergebnissen kommen. Unbestritten hingegen ist sein Erfolg. Janssen hat viele Reiter und Pferde in den Grand-Prix-Sport gebracht.

Dass Sjef Janssen nun das deutsche Vorzeigepferd im Nationalteam trainiert, ist eine Kehrtwende. Deutschland gilt als die Nation, die auf die Einhaltung der klassischen Lehre zugunsten der Pferde pocht, allen voran das in Reiterkreisen prominente Bündnis Xenophon und der deutsche Berufsreiterverband. Beide kritisieren Janssen scharf.

Was Trainer wie Janssen vor allem schaffen: Pferde spektakulär aussehen zu lassen. Das gelingt ihnen durch ein enormes Anheben der Vorderbeine, es erzeugt viel Ausstrahlung. Da möchten auch andere mithalten. Wer es kann, macht das ohne Druck fürs Pferd. Wer es nicht kann oder wem der konventionelle Weg zu lange dauert, der arbeitet eben mit Druck.

Kürzlich machte in den sozialen Netzwerken ein furchtbares Bild von Rath und Totilas die Runde. Aufgenommen in Hagen auf dem Vorbereitungsplatz. Kurz bevor die beiden ihre Traumnoten bekamen. Der Hengst strampelt vorn mit großen Bewegungen, hinten kommt er mit den Beinen nicht mit, den Kopf trägt er zu tief. Alles nicht gut für die Biomechanik eines Pferdekörpers. Im Hintergrund war auf einer Bandenwerbung zu lesen: „… weil es funktioniert“. Viele Menschen empfanden das Bild als furchtbare Zustandsbeschreibung und teilten es.

Das geht sehr schnell im Netz, manchmal etwas vorschnell. Erst in der vergangenen Woche traf es Jessica von Bredow-Werndl, eine der Reiterinnen, die durch besonders feines Reiten auffällt. Auf einem Foto war zu sehen, dass das Pferd zu eng am Hals gehalten wurde, es war mit der Nase hinter der Senkrechten. Die Empörung war groß. Die Reitszene ist empfindlich geworden. Nur bedeuten solche unschönen Fotos nicht automatisch, dass ein Reiter schlecht ist. Erst die Häufigkeit solcher Momentaufnahmen hinterlassen einen Eindruck. „Mich regt das wahnsinnig auf, wenn die Leute zu Fehlerguckern werden und nicht mehr das Gesamtbild anschauen“, sagt Jan Nivelle. Der Ausbilder ist jemand, der sich über die Entwicklung der Dressur Gedanken macht. Der für eine Pferdeausbildung ohne Druck steht.

Natürlich gibt es feinfühlig reitende Sportler auf höchstem Niveau. Reiterinnen und Reiter der neuen Generation haben ein neues Erfolgsmotto: Wir möchten zeigen, dass man ganz oben reiten kann und gut zum Pferd ist.

Schwarze Schafe aber werden selten geoutet. Nur wenige wagen es, das System, die Punktrichter, andere Trainer oder gar konkurrierende Reiter zu kritisieren. Jan Nivelle ist einer dieser wenigen, die für klare Worte stehen. Er sieht Entwicklungen, die ihm nicht gefallen. Etwa die Bewertung der Piaffe. Vereinfacht ausgedrückt, setzt das Pferd dabei seine Füße trabähnlich auf und nieder, und bewegt sich dabei kaum von der Stelle. Diese Lektion gehört zu den schwersten überhaupt. Nivelle: „Piaffen, die schnell und energisch sind, bekommen mehr Punkte als Piaffen, bei denen man dem Hinterbein die Zeit gibt, sich zu beugen.“ Wer also nach den Lehrbüchern ausbildet, hat das Nachsehen. „Man muss sich fragen: Sind wir da auf dem richtigen Weg? Wird das Energische übertrieben?“, sagt Nivelle. „Den Reitern bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder kann man die Bewertung kritisieren und man bekommt die Quittung. Oder man passt seine Reiterei der Bewertung an.“

In der Dressur gibt es wie in vielen anderen Sportarten auch Modeerscheinungen. Einst wurden zum Beispiel die Traversalen, eine Seitwärtsbewegung des Pferdes, plötzlich mit großen Tritten gezeigt. Heute gehört das zum Standard. Spektakel ist gefragt, weniger Korrektheit. Frank Kempermann ist Turnierleiter in Aachen und Vorsitzender des Dressurkomitees des Weltverbandes der Reiterei (FEI). Er fordert: „Unsere Dressurreiter müssen spektakulär sein. Wenn die Richter hohe Noten geben, wenn Pferde Stars sind, und die sorgen für volle Stadien, dann ist der Veranstalter froh.“

Das sieht nicht jeder so. Ausbilderin Dr. Britta Schöffmann, bekannt durch ihre zahlreichen Lehrbücher, kritisiert: „Die Reiterei immer TV-tauglicher zu machen, daran krankt der Sport. Ob etwas gut oder nicht gut bewertet wird, wird sich irgendwann daran messen, ob ich Sendezeit dafür bekomme oder nicht.“ Sie stellt damit die Neutralität der Richter infrage. Vermutlich wünscht sich auch deshalb die Mehrheit der Aktiven, dass Richter stärker als Hüter der klassischen Lehre auftreten sollten. Frank Kempermann weiß das, sagt aber, er sei zufrieden mit seinen Richtern, sie würden viele Schulungen durchlaufen: „Mein Anliegen ist es zu überlegen: Wie kann man den Sport besser verkaufen? Da muss man auch mal eine Bombe reinwerfen, etwas zum Diskutieren bieten.“

Als eine solche Bombe hat sich sein Vorschlag entpuppt, die Kür zu verkürzen. Die Aktiven waren entzürnt, die Funktionäre begeistert. Der Vorschlag wurde dennoch verworfen. Um Kempermanns leidenschaftslose Marketingstrategie zu verstehen, muss man auch den Druck bewerten, unter dem eine Turnierveranstalter anno 2015 steht: Immer mehr Reiter verlassen traditionelle Turniere und starten lieber dort, wo es viel Geld zu verdienen gibt. Das ist überwiegend in Asien und in arabischen Ländern der Fall. Die Aachener schaffen es seit Jahren, ihr Turnier stark zu halten, was wirtschaftlich nicht leicht ist. Kempermann möchte die Reiterei in kleinen Schritten auf das moderne Zeitalter einschwören. Er lässt sogar ein IT-System testen, das die Bewertung von Küren gerechter machen soll.

Aachen bietet seinen Zuschauern eine eigene EM-App, mit der sie Richter spielen dürfen und Noten vergeben können. Das hat natürlich keine Konsequenz auf das tatsächliche Ergebnis, aber es macht Spaß und ist modern. Die Sorge, die Dressur könnte eines Tages aus dem olympischen Programm gestrichen werden, vertreiben Menschen wie Kempermann auf diese Art.

Eines darf dabei jedoch nicht durch den Rost fallen: die Liebe zum Pferd. Es wäre eine Tragödie, wenn gerade die Reiter, die auf eine Ausbildung ohne Druck setzen, durch ein modernes System verlieren würden. Es wäre ein großartiges Zeichen, in Aachen einen zusätzlichen Preis für besonders faires Reiten auf dem Vorbereitungsplatz zu vergeben. Kempermann findet die Idee charmant, er sagt, er werde darüber nachdenken.

In den kommenden Tagen wird Totilas sein Bestes geben. Matthias Rath möchte mit ihm eine EM-Medaille gewinnen. Die Skepsis wird ihn begleiten. Möglicherweise sogar bis zu den Olympischen Spielen nach Rio.

Eine Sommernacht mit Superman

Supermans Geschoss: Vollbluthengst Asagao xx vom Söderhof. Mutig, geschickt, rittig.

Supermans Geschoss: Vollbluthengst Asagao xx vom Söderhof. Mutig, geschickt, rittig.

Text: Jeannette Aretz
Fotos: Klara Freitag

Warum ich das Reitturnier in Aachen besonders mag, wisst Ihr, wenn Ihr diesen Text über Hans Günter Winkler und meine Familie gelesen habt. Am spannendsten sind für mich die Abreiteplätze. Ich will wissen, wie wer sich vorbereitet, oder, noch besser, eine Trainingseinheit dreht. Vielleicht habt ihr die erschreckenden Bilder aus Falsterbo, die gerade im Internet kursieren, gesehen. Ich sehe viele Leute, die darunter schreiben: genau aus dem Grund gucke ich mir keine Turniere mehr an.

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Ingrid und Michael Klimke beim Einritt zu ihrem Pas des Deux.

 

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Bisschen wie Zeltlager, oder? Blick auf die Stallungen der Voltigierer aus Großbritannien. Alle Fotos: Klara Freitag

 

Ich kann das einerseits verstehen. Andererseits erlebe ich genau bei solchen Menschen oft, dass sie sich Abreiteplätze grundsätzlich als das Horrorkabinett ausmalen, welches da in Falsterbo dokumentiert wurde. So ist es aber nicht immer, ständig, überall. Das ist einfach falsch.

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Diese Farben! Ganz großartig.

 

Ich will das nicht klein reden: Es ist schlimm genug, dass es möglich ist, solche Bilder wie in Falsterbo zu machen. Aber der stetige Abgleich mit der Realität ist für mich ein Muss. Sonst gibt es nur eine dunstige Vorstellung von dem Turnierreiten, dem Sportreiten, der konventionellen Reitweise, die zu Behauptungen führt, die nicht richtig sind. Und dadurch berechtigte Kritik verwischen. Eben das darf nicht passieren. Ich kann nur auf Wunden zeigen und Applaus für Gutes geben, wenn ich hinsehe.  Das ist mein Grund, Turnierberichterstattung interessant und nicht entbehrlich zu finden. Auf dem Abreiteplatz bin ich am liebsten zu eher unmöglichen Zeiten, nicht nur kurz vor wichtigen Prüfungen.

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Alizée Froment mit Mistral.

 

Abreiten vor Shows ist noch mal so eine ganz andere Kiste. Schlechtes Reiten ist hier genauso oft zu finden, wie im Turnierzirkus, ich behaupte sogar: auf einem niedrigen Level sogar noch häufiger. Es gibt aber auch große Shows (zum Beispiel diejenige, die mit A anfängt), mit denen man mich jagen kann. Ich kann keine durch gute Lichtshows perfekt inszenierte Sachen genießen, wenn ich dabei fast nur schlechtes Reiten sehe. Das war in Aachen  anders. Das Turnier startete mit der Show „Pferd und Sinfonie“, dabei spielt das Orchester der Stadt Aachen live im Dressurstadion, während Schaubilder gezeigt werden. Die Pressetribüne ist so geschickt platziert, dass man nur den Kopf zur Seite bewegen muss, um abwechselnd den Abreiteplatz und das Viereck sehen zu können.

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Die Geschwister Klimke auf den Füchsen von Michael Klimke.

 

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Trabrennfahren als Quadrille: Das war sehr ordentlich, harmonisch und schön anzuschauen. Kamen aus Schweden und fuhren zu – na, Musik von Abba.

 

Es gab nur ein Schaubild, das mir reiterlich nicht gefiel (eine Dressurquadrille, Kandaren am Anschlag, grellig gerittene Pferde) und eins, das mir so halb gefiel (noch eine Dressurquadrille, weniger krass auf Show geritten, aber auch nicht bei allen Reitern schön anzusehen). Dazu noch eine Freiheitsdressur, vor deren Leistung ich zwar den Hut ziehe, aber die irgendwie nicht die meine ist. Ich brauche keine Hunde, die auf Pferden reiten. Aber das ist ein persönliches Ding.

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Sylvester war gar nix dagegen. Feuerschiff der Voltigierer, eine Nummer mal ganz ohne Pferd.

 

Also: das ist ein fantastischer Schnitt für einen kritischen Menschen wie mich! Denn ansonsten war es ganz wunderbar! Ingrid und Michael Klimke im Pas des Deux, der Vollblüter Asagao xx in seiner tollen Springnummer, die ich immer schon mal live sehen wollte, einen Haufen superschneller Islandpferde, Alizée Froment in ihrer Paradenummer mit Mistral, dazu noch in einer anderen Nummer einige Stuntman und Adler.

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Superman fliegt jetzt nur noch mit Untersatz. Ein toller Kerl, dieser Asagao xx. Nur dass der Schritt vom Zuchtleiter hochgelobt wurde, versteh‘ ich nicht so – das wäre das Erste, worauf ich bei einer Stute mit ihm achten würde. Das Gesamtpaket Asagao xx  gefällt ausgesprochen!

 

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No drama. Sondern Bilder, die man sich angucken konnte, auch jenseits des Vierecks.

 

Und die Trabrennpferde! Diese Quadrille kam aus Schweden, und auf dem Vorbereitungsplatz konnte man sehen, wie Traber vor dem Sulky auch vorwärts-abwärts gearbeitet werden können. Das war wirklich schön!  Dazu hat Aachen noch alles gegeben, was wettertechnisch drin war: Cote d’Azur gleiche laue Luft und ein wunderschöner Abendhimmel. Klara hat fotografiert, und ich glaube, man spürt ganz gut, wie entspannt und fein die Stimmung war.

Kleine Vorschau: ich habe ein paar schöne Videointerviews gedreht, die findet Ihr in den nächsten Tagen auf der facebook-Seite des Blogs!

Kleine Vorschau: ich habe ein paar schöne Videointerviews gedreht, die findet Ihr in den nächsten Tagen auf der facebook-Seite des Blogs! Ingrid Klimkes Outfit war der Knaller.

 

Hier sind noch einige schöne Momente für Euch:_DSC8616

 

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Von Glühwürmchen und der richtigen Einstellung

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Auf des Nachbars idyllischer Weide – mit dem Kleinen und der Großen. Foto: Klara Freitag

 

Glühwürmchen in der Luft, es riecht nach frischem Regen und nach Linden, ich laufe durch Pfützen nach Hause und hatte gerade die besten 40 Minuten im Sattel seit Jahren. „Reins long and praise!“, dieser Lehrspruch passte heute so, und genauso habe ich es gemacht. Es war jedoch nicht mehr nur ein guter Lehrspruch, sondern ich fühlte es von oben bis unten, es wollte raus aus meinem Bauch voll Glück und hätte es am liebsten in die Welt hineingerufen. Als ich später im Halbdunkeln nach Hause unterwegs bin, ist das ganze Endorphin noch da. Viele ungute Nachrichten in letzter Zeit von Menschen gehört. Nichts, was mich persönlich betrifft, aber dennoch traurig. Doch an diesem Abend ist die Welt perfekt.

Einer der besten Momente war das. Er erinnerte mich an etwas, das Alizée Froment ziemlich am Ende ihres Lehrfilms sagt. Nämlich:

„Vergiss niemals, wie glücklich es macht, mit Pferden zu leben, auch nicht, wenn Du im Turniersport erfolgreich sein möchtest, oder wenn Du Shows reitest oder andere Ziele hast. Liebe Dein Pferd für seine ganz eigene Persönlichkeit – und nicht dafür, was Dir gibt. Dann ist Dein Gefühl ein völlig anderes. 

Du fühlst Dich aus tiefem Herzen frei. Und zwar nicht, weil Du kein Zaumzeug am Pferd hast und dennoch alle Lektionen reiten kannst. Sondern, weil Du Dich eins fühlst mit Deinem Pferd. Dieses Gefühl kann Dir keine Goldmedaille der Welt geben.“ 

Meine Medaillen sind natürlich andere: Es ist der nächste Kurs, der nächste Unterricht, mein Planer am Sattelschrank, in dem ich nachschaue: wie viel hat das Pferd getan, war die Mischung gut? Das sind meine Ziele, mein Hinsehnen nach einem neuen Level von Reitsport.

Wenn ich jedoch diese  Worte von Alizée Froment ernst nehme, dann trete ich geistig drei Schritte von all meinen persönlichen Zielen zurück. Nehm’ den selbstproduzierten Druck heraus. Ohne an Engagement zu verlieren. Aber seh einfach nur das Pferd und freu mich an ihm, wie es ist. In aller Unperfektheit und Einzigartigkeit.

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Genau einen Tag nachdem wir diese Fotos gemacht haben, regnete es so stark, dass alle Pusteblumen vernichtet waren. Timing! Foto: Klara Freitag

 

Und wenn mir genau das gelingt, dann gibt es diese Geschenke wie den Tag, wo ich durch die Pfützen stiefelte, obendrauf. Muss man nix für tun. Nur machen, leben, dasein.

 

Easypeasy und immer wieder von neuem meine Aufgabe.