Herbstglück & warum es drei Dinge für gutes Reiten braucht

Fotos: Klara Freitag

Über Wiesenzeiten, Herbstritte

und das Beste, was da ganz bald kommen wird!

 

Das da oben im Bild ist Skari, ein Isländer, und WG-Mitbewohner meines Pferdes. Das war schon bei Pferd Eins so, das ist jetzt auch bei Pferd Zwei so. Ein Charakterpferd  ist Skari. Früher, als Herrenchef, hatte er es nie nötig, viel Aufheben um seine Position zu machen. Er war es einfach.

 

 

Heute, in einer großen Gruppe, ist er immer noch der ruhende Pol, der Vermittler, der Besonnene. Ein ganz tolles Pferd. Wie toll er ist, sieht man glaube ich auch ganz gut an den Making-of-Bildern, die ich euch hier mal durch den Artikel verstreut habe.

Gras bis zum 24. Dezember?

Dem man auch mal ein Lebkuchenherz ins Gesicht halten kann, ohne, dass er es einem krumm nimmt. Ich sah’ dieses Herz im Supermarkt und dachte: wie gut passt das bitteschön gerade in unserer Jahreszeit? Also nicht in Bezug auf’s Oktoberfest, sondern auf unsere Reiter-Jahreszeitenrechnung in Bezug auf die Weidesaison. Hier bei Skari in der Herde gibt’s nicht mehr viel Gras, aber da alle auf einem Paddocktrail leben, ist die Draussensaison nie beendet. Meine Jungpferde hingegen haben noch soviel Gras, dass ich bis Weihnachten noch welches für sie hätte, würde man sie draußen lassen wollen. Also: auch wenn die Blätter fallen, es riecht noch nicht nach Scheren, zig Decken, Kopflampen, Nieselregen und kalten frühen Abenden.

Herbst ist Geniesserzeit für Reiter

Wir Reiter können gerade noch aus dem Vollen schöpfen. Und was ich so von meinen Reitersleuten sehe, machen das auch alle. Sie reiten aus, oder zumindest auf dem Platz statt in der Halle, fahren mit den Pferden woanders hin, oder gehen schlicht mit dem Pferd spazieren.

 

Fast alles ist auf „draußen, so lange es noch geht!“ ausgerichtet, und das ist wunderbar! Ich selbst schiele jedoch sogar schon bis zum 24. Dezember. Denn ich arbeite gerade an meinem ersten eigenen Blog-Printprodukt, einem Adventskalender für Pferdemenschen. Den gab es seit vielen Jahren auf meiner Blog-facebookseite und als E-Mailkalender an die Newsletterabonenten. Nun wird er bald im pferdia-Shop in der Papierversion zu haben sein, und er wird noch viel viel schöner als diejenigen der vergangenen Jahre (und in denen steckte schon viel Herzblut!). Er wird so schön, so schön, so schön, ich freue mich wahnsinnig darauf, ihn bald in den Händen zu halten. In den Druck geht er Mitte Oktober, dann ist er auch schon vorbestellbar bei pferdia. Weil oft ein Zitat zum Kalenderblatt gehört, wühle ich mich gerade durch alle möglichen Sprüche.

Ein Liebling aus dem vergangenen Jahr des Adventskalenders war für mich dieser Spruch, der dieses Jahr nicht dabei sein wird (und deshalb verrate ich ihn hier):

     „Beim Reiten gibt es keine Tricks. Nur Technik und viel Gefühl.“

 

Gesagt hat das Reiner Klimke. Stimmen tut’s natürlich immer noch. Und es erinnert mich auch an die pferdia-Lehrvideos und alle Fachartikel, die ich so schreibe. Füttern kann man damit seinen Geist – und die Theorie und die Zusammenhänge verstehen. Dass der Körper es umsetzt, dafür ist dann die Übung und Kontrolle vor Ort notwendig. Damit es sehr gut wird, braucht es Timing, Gefühl und Intuition. Ein stets gültiges Rezept.

Und ein guter Spruch, um damit in die nächste Woche zu starten! Habt es schön!

P.S.: An Birgit – Du hast so ein tolles Pony! Wie er diesen ganzen Quatsch mitgemacht hat, schau…

 

Was ich am Reiten hasse

Das bin nicht ich, das ist nur ein Symbolbild. Willkommen beim Lernen im Sattel, wo man von „Ich lerne das nie!“ zu  „Wie konnte ich das jemals schwer finden?“ hangelt. Foto: Klara Freitag

 

Kleine Warnung vorab: Ich muss mich gerade mal auskotzen. Lässt sich bei dem Titel ja leicht erahnen, hust. Das Lernen im Sattel ist eben kein Kinderspiel. Dennoch gibt es neben meinem Gejammer hilfreiche Hinweise von klugen Ausbildern auf dieser Seite zu sehen. Weiter hinten im Text, nachdem ich aufhöre, mich darüber zu ärgern, was ich alles immer wieder neu im Sattel lernen muss.

Luftholen, ausatmen. Keep calm and carry on. Auch diesmal.

 

Und alles zurück auf Anfang!

Ich weiß nicht, wie oft ich das reiterlich gedacht habe. Tatsächlich ist es diese Woche wieder passiert. Meine Sattelanpasserin war da. Vor drei Wochen hat sie mir meinen geliebten Dressursattel auf das Reitpony angepasst. Ich bin in der Zeit danach viel geritten, und nach nur 21 Tagen hatte sich die Polsterung des Sattels deutlich gesetzt. Also ein Korrekturtermin. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, nach rechts gesetzt zu werden. Pony schief oder ich schief, war nun die Frage. Wir analysierten und guckten und die Sattelanpasserin, die gleichzeitig Osteopathin für Pferde ist (und gut! HIER ist ihre Homepage), schaute nach. Dreimal dürft ihr raten. Ich war’s schuld. Nun könnte ich jetzt direkt mehrere Adressen für den Pferde-Chiropraktiker oder für Pferde-Osteos raushauen. Aber ich brauche einen. Und seltsamerweise habe ich weniger Ahnung von guten Menschen-Heilern als von Pferdeheilberufen. Kennt Ihr wahrscheinlich. So sind wir, wir Reiter.

Hänge ich das Ding an den Nagel? Aber nein! Niemals! Foto: Klara Freitag

 

Niemals werden wir diese Stelle hier überwinden
Das ist ja jetzt eigentlich keine absolute Horror-Nachricht, aber ich finde es dennoch meeeega frustierend. Es gibt immer Phasen, da fluppt es, und Phasen, in denen ich den Eindruck habe: Niemals kommen wir hier von der Stelle.

Von der Phase: „Oh, es wird!“, als der Sattel neu angepasst war, und ich recht viel geritten bin, ging es nun wieder hin zur Phase „Oh, das wird nie was!“ Einfach, weil ich schon wieder nicht ideal sitze. Frustrierend. Ist ja nicht so, als ob ich nie was an meinem Sitz oder meiner Schiefe getan hätte. Im Gegenteil, ich würde jeden Wettstreit aufnehmen, wer im letzten Jahr die meisten Sitzeinheiten genommen hat. (Ihr merkt, es fehlt an GEDULD und OHMMM!)

 

Auch die Profis kennen Ähnliches

Aufbauend finde ich es aber, dass solche Phasen einfach alle Reiter kennen. Gestern habe ich ein Interview mit Dressurausbilderin Uta Gräf (HIER ist ihre Homepage) geführt, die etwas Ähnliches erzählte, allerdings nicht über ihren Sitz, sondern über die Jungpferdeausbildung. Es gäbe bei Jungpferden immer Tage, wo sie denke: „Das könnte etwas werden!“ und Tage, wo es wirke, als ob das Ziel unendlich weit entfernt sei.

 

Gib‘ mir einen Eimer voll Geduld

Alles also ganz normal! Nur fühlt sich das in der Situation, im Tal, richtig doof an. Da hilft nur: Weitermachen. Aber nicht kopflos, sondern sich selbst auch die Zeit oder Behandlung geben, die es braucht (Osteo in meinem Fall, und eben immer wieder Unterricht und Druck aus dem Kopf rausnehmen). Genauso dem Pferd Phasen zugestehen, wo etwas anderes als Platzarbeit im Fokus steht. Gelände, Wassertreten, Bodenarbeit, Wiese pur, auch mal wochenlang, wenn die jungen Pferde wachsen.

Der alte, neue Gast in meinem Leben

Weil ich ja gerade wieder das unglaublich beliebte Thema eigene Schiefe zu Gast in meinem Leben habe, habe ich mal gestöbert in meinen Artikeln. Ist ja nicht so, als ob ich mich damit nicht schon mehrfach gründlich beschäftigt hätte. (Merkt ihr, wie ich es liebe? Ich würde es gern mit großem Schwung aus meinem Haus kehren!) Ich habe HIER schon von Elaine Butlers Ansätzen geschrieben, und HIER über den Reitsimulator inklusive Sitzschulung. Außerdem gibt’s bei uns reichlich Kurse, das ganze Jahr über.

Nichts ist so unterschätzt wie das Lernen als Zuschauer – die günstigste Option, sich theoretisches Wissen anzueignen! Foto: Klara Freitag

 

Füße stillhalten und Wissen aufsaugen. Foto: Klara Freitag

Claudia Butry, Trainiern A FN, Bewegungslehrerin nach Eckart Meyners und eine der wenigen von Anja Beran empfohlene Ausbilderinnen. Das auf der Matte – bin ich. Foto: Klara Freitag

 

Rechts der Fuchs ist ein Rentner, links der Braune ist ein Kursteilnehmer in der Pause! Witzig, wie die Pferde dem Kurs zuschauen! Bei uns umläuft der Paddocktrail die Reithalle, so dass sie von mehreren Seiten einzusehen ist. Foto: Klara Freitag

 

Nach dem Frust ist knapp vor dem Lernerfolg

Einen spannenden Absatz habe ich noch in einem Text von mir gefunden, der in einem Printmagazin erschien. Da geht es nämlich darum, warum wir unsere eigene Schiefe oft nicht bemerken. Hier ist er, der könnte auch für Euch spannend sein:

 

Was Balance mit dem Gehirn zu tun hat

Jeder Reiter kennt das: Wenn sich Bewegungsmuster eingeprägt haben, nehmen wir auch falsche Muster als korrekt wahr. Deshalb ist es so wichtig, von unten jemanden schauen zu lassen. Gerade bei Sitzkorrekturen – selbst wenn der Reiter weiß: „ich setze mich stets nach rechts, also muss ich links mehr belasten“ ist es gut möglich, dass sein Gefühl ihn bei der Korrektur trügt. Wenn er zum Beispiel das Gefühl hat, dass er gleich links herunterrutschen wird, so sehr bemüht er sich, den eigenen Fehler zu korrigieren, es sein, dass er tatsächlich endlich gerade sitzt. Ausbilderin Sibylle Wiemer, HIER ist ihre Homepage erklärt, dass allein die Wahrnehmung der Körperhälften im Gehirn eine Herausforderung ist. „Die Gehirnhälften arbeiten unterschiedlich. Die linke Gehirnhälfte funktioniert analytisch. Schätzt der Reiter ab, wie viel er in der linken Hand hat, dann gibt die linke Gehirnhälfte die Info „so 800 Gramm“, die rechte Gehirnhälfte jedoch funktioniert emotional, intuitiv und zeitlos, daher käme eine weniger konkrete Info von ihr über die rechte Hand zurück: „Och, das fühlt sich ganz flüffig an.’“ Über die Körpermitte hinweg vernetzten sich die beiden Körperhälften, erklärt Sibylle Wiemer. Diese Informationsverarbeitung zu verbessern und die eigene Schiefe weg zu trainieren, das ist Ziel von Übungen des Mobilisierens, Kräftigens und Dehnens.

Rarität! Ein Reitfoto von mir selbst, das ich gut angucken kann. Ist beim Rosskur-Experiment für das Magazin Feine Hilfen entstanden. Ich musste mehrere Stunden lang ohne Einzuwirken einfach nur auf meinen korrekten Sitz achten. Einfach nur! Hust. Kerstin Gerhardt von der Kampagnenschule (HIER) hat mich dabei korrigiert. Die Pferde haben wir natürlich ausgewechselt, alle waren von der empfehlenswerten Kampagne- Reitschule Löwenzahn von Annika Schon in Meerbusch (HIER). Selten so gut gerittene Schulpferde kennen gelernt!

 

Balance lehren und lernen

Ich werde also noch flott zum Osteopathen eilen, und dann kommt auch schon in zehn Tagen Claudia Butry zu uns nach Hause, um einen Dressur- und Sitzkurs zu geben. Das war sowieso schon lange geplant, das könnt Ihr HIER auf der Kursseite des Blogs sehen. Denn: Wir sind es dem Pferd schuldig, uns als Reiter zu verbessern. „Gleichgewicht ist elementar, beim Reiter wie beim Pferd. Doch da der Reiter etwas vom Pferd möchte, ist er angehalten, dafür etwas zu tun!“ – das sind Worte der Ausbilderin Claudia Butry, HIER ist ihre Homepage, und ja, ich schreibe die nicht nur hier hin, sondern ich versuche das im Kleinen, bei mir zuhause, auch umzusetzen.

Da kommt die Hilfe her: Claudia Butry bei uns im Frühjahr, in 10 Tagen ist sie wieder da. Foto: Klara Freitag

 

Wir sind es dem Pferd schuldig

Bei allem Frust über die Schiefe gibt es auch noch Positives. Claudia Butry sagt: „Die gute Nachricht lautet: man muss nicht mit einem schlechten Gleichgewicht leben, es ist machbar, das eigene Gleichgewicht zu verbessern.“ Das geht mit Pferd und ohne. Einfache Übungen sind zum Beispiel: öfter mal im Trab im leichten Sitz reiten. Beim Zähneputzen auf ein Bein stellen. Die cross-koordinativen Fähigkeiten verbessert man durch Übungen wie: Im Sitzen Beine nach rechts, Arme nach links bewegen, im Stand rechten Ellbogen zum linken Knie und umgekehrt führen. Wer mehr tun möchte, greift zu Hilfsmitteln wie Rollbrettern, Balancekissen, Peziball und Bewegungsstühlen. Ich habe den Ball und ein Balancekissen übrigens im Büro. Heißt nicht, dass ich es wie Claudia schaffen würde, freihändig auf dem Ball zu knien und dabei auch noch zwei Schwungstäbe dabei zu bedienen.

 

Kein Boden unter den Füßen

Aber schon mal die Unterlage wechseln und das Sitzen auf dem Ball zu üben, ohne dass die Füße den Boden berühren, das bekomme selbst ich als Schreibtischmensch hin. Auch wenn ich darin bestimmt kein Überflieger bin.

 

Und ihr so? Habt ihr irgendwas tatsächlich in euren Alltag eingebaut, dass Eure Beweglichkeit und Balancefähigkeit verbessert?

 

Der Blüter auf dem Spiegel-Cover

Vollblüter Ribot xx auf dem Spiegel-Titel von 1957.

 

Schaut mal, das habe ich auf dem Flohmarkt gefunden. Ein Pferd auf dem Spiegeltitel von 1957! Und dazu eine „Wie aus einem hässlichen Entlein ein stolzer Schwan wurde“- Geschichte. Wahnsinn. Nicht denkbar heute. Auch, weil das Pferd an sich nicht mehr so sehr im Alltag und Stadtbild vorkommt, wie damals. Die gesellschaftliche Akzeptanz war eine komplett andere. Da konnte man auch noch ein Pferd mit einer Positivstory auf den Titel packen!

 

Ich kaufte das Heft sofort  und las dann zuhause die ganze Geschichte. Es geht um den Vollblüter Ribot xx, der in den 50er Jahren ein Held war. Ein hässliches, auffällig unharmonisch gebautes und zu kurzes Pferd, so heißt es, das aber in 16 Rennen ungeschlagen war und den großen Preis des Arc de Triomphe gleich zwei Mal gewann. Danach durfte er nicht mehr teilnehmen, weil er die Wetten ruinierte.

Ohren wir missratene Papiertüten

Für wie hässlich Ribot xx empfunden wurde, beschreibt der Autor ziemlich drastisch: „Ribot besitzt einen tiefliegenden Bug und einen kurzen Rücken. Sein Kopf ist lang und schwer, seine Ohren erinnern an missratene Papiertüten.“ Niemand, auch nicht sein Besitzer, traute dem Pferdchen, der wie ein Hase galoppierte, eine solche Karriere zu. Doch der 1952 geborene Vollblüter hatte wohl eine enorm starke Hinterhand, die Hinterhufe hätten bei jedem Galoppsprung so eng beeinander gelegen, dass er eine enorme Geschwindigkeit entwickeln und halten konnte. Als Wunderpferd beschreibt der Autor (leider wird kein genauer Name genannt) Ribot xx, weil er zudem das doppelte Lungenvolumen eines normalen Vollblüters gehabt habe und sechs Pulsschläge weniger pro Minute als andere Rennpferde: „Nach einem 1800-Meter-Galopp liegt der Pulsschlag bei 85 bis 90; zwei Stunden nach dem Rennen sind Pulsschlag und Blutdruck des Pferdes wieder normal.“

Federico Tesio mit seiner Frau. Er starb, als sein Ribot xx zweijährig war. Quelle: Spiegel 5 / 1957

 

Dann wird in dem Artikel über eine ganze Doppelseite der Stammbaum Ribots xx auseinandergenommen, die typischen Vollblüter-Stammväter Darley Arabian, Godolphin Arabian und Byerley Turk sind sogar als Illustration zu sehen. Wahnsinn! Kann sich das jemand in einem aktuellen Spiegel vorstellen?

Fünf statt sechs Lendenwirbel

Es folgt eine genaue Stammbaumanalyse, die zum Beispiel erörtert, dass ein Hengst namens St. Simon sieben Mal im Pedigree Ribots xx vorkommt. Dieser habe 16 statt 18 Rippen besessen, und fünf statt sechs Lendenwirbel, außerdem den Kaninchen-Hasen-Rennstil, den auch sein Nachfahre Ribot xx habe.

Unten rechts  Vollblüter St. Simon, der weniger Rippen hatte und einen Lendenwirbel weniger als andere Pferde. Oben links Ribot xx mit seinem Stallfreund, ohne den er nicht gern reiste. Quelle: Spiegel 5 / 1957

 

Tief in dieser Geschichte versteckt ist noch ein Schatz, für mich jedenfalls. Es gibt nämlich ein Zitat, das ich sehr mag, und auch schon bei den Adventskalendern, die ich seit einigen Jahren ja mache, verwendet habe (also eigentlich habe ich es jedes Jahr eingebaut, weil ich das Zitat so mag). Es lautet so:

 

„Ein Pferd galoppiert mit seiner Lunge,

es hält durch mit seinem Herzen;

aber es gewinnt nur mit seinem Charakter“

 

Pferdekenner Tesio

Gesagt hat dies, so ist es in allen Quellen zu finden, Federico Tesio, ein Vollblutexperte. Aber mehr ist über ihn oft nicht zu finden. Ich dachte immer: Hab’ ich da eine Lücke, oder ist der Typ so unbekannt? Tja, und dieses alte Spiegel-Heft erklärt mir nun ganz genau, was es mit dem Italiener Federico Tesio auf sich hat. Tesio ist nämlich der Züchter von Ribot xx. Federico Tesio war ein klein gewachsener Mann, kam aus Turin, wuchs in einem Internat auf und sein Pferdeverstand galt später als intuitiv und legendär. Dabei ließ er sich nicht gern in die Karten gucken – im Heft wird das so beschrieben:

Linke Seite Vollblüter Ribot xx (mit diesem schrecklichen Porträt), oben der Maler Robot. Quelle: Spiegel 5 / 1957

 

„Lästige Ausfrager fertigte Tesio mit einem Trick ab (….). Er setzte sich umständlich eine Nickelbrille auf und erläuterte an den Stammbäumen seiner Pferde das Funktionieren der Mendelschen Vererbungsgesetzte. Was er in Wirklichkeit betrieb, war indessen weniger Wissenschaft als „Blut-Alchemie“, eine intuitive Methode der Kreuzungen, die eher wie Hexerei wirkte.“

 

Zuchtziel Überpferd

Der Mann träumte von einem ‚Überpferd’, ähnlich dem Übermenschen Nietzsches und setzte alles daran, eben ein solches zu züchten. Er hat auch über die Zucht geschrieben, „Das Vollblut als Zuchtversuchstier“ heißt seine Schrift. Seinen Pferden gab er oft Namen von berührten Malern und Bildhauern – Botticelli oder Michelangelo zum Beispiel. Auch Ribot war ein Maler, genauer aus dem 19. Jahrhundert. Er hat allerdings die Erfolge von Ribot xx nicht mehr erleben können – er starb zwei Monate vor dessen ersten Start.

 

Und dann doch Bauchentscheidungen

Tesio erzählte wohl auch gern, dass Signorienetta xx, das Siegerpferd des englischen Derbys von 1908, durch die eigene Hengstwahl ihrer Mutter entstanden sei. Die Stute sollte von einem Spitzenhengst bedeckt werden, interessierte sich auf der Deckstelle dann aber so deutlich für einen eher mittelmäßigen Hengst, Chaleureux xx, dass sie doch von ihm gedeckt wurde. „Die Frucht dieser Liaison war Italiens erste Derby-Siegerin Signorinetta“, heißt es in dem Artikel. Ich glaube, so spontane und intuitive Deck-Entscheidungen kennt wohl jeder, der ein wenig oder auch recht viel züchtet.

Churchills Rat

Ribot xx hatte zu seinem Karriereende übrigens auch einen sehr bekannten Gast: Winston Churchill kam 1957 extra zu Ribots Abschluss-Vorstellung in Mailand. Genau dort, bei einem Sektfrühstück, soll Churchill auch gesagt haben (Achtung, zweites tolles Zitat in diesem Heft):

 

„Gebt euer Geld nicht euren Kindern.

Vielleicht verschwenden sie es.

Gebt es an ein Pferd.“

 

Angeblich mit einem weisen Lächeln auf den Lippen. Herrlich.

 

 

Über Königinnen der Selbstzerfleischung und Anfänger, die meinen alles zu können.

Reiten lernen ist schwer genug, sich selbst nicht ganz ernst zu nehmen hilft da sehr. Sorry für den genervten Pferdeblick – Fee hatte keine Lust mehr. Und hat es dennoch brav mitgemacht. Danke, Du da oben. Foto: Klara Freitag

 

Weshalb sich Halb-Könner im Reiten gern überschätzen. Und Könner gern jedes Bild von sich auf dem Pferd mit Argusaugen betrachten.  

„Also Reiten, das ist echt einfach!“ erzählte mir mal jemand, der gerade im Stande war, sich im Schritt, Trab und Galopp im Sattel zu halten. Das andere Extrem begegnete mir erst vor zwei Wochen: „Ich bin ja schon schlimm, aber meine neue Ausbilderin ist wirklich die Königin der Selbstzerfleischung!“ erzählte mir eine sehr gute Reiterin.

 

Genau diese beiden Extreme begegnen einem ständig im Reiterleben. Je mehr man weiß und lernt, desto mehr wird einem klar, wie weit der eigene Weg noch ist.

 

Die Lösung: Der Dunning-Kruger-Effekt
Letztens im Radio hörte ich von einer psychologischen Theorie, die genau diese beiden Aussagen erklärt: Den Dunning-Kruger-Effekt. Der besagt, dass je weniger Ahnung jemand von einem Thema hat, desto mehr überschätze er seine eigene Fähigkeiten. Zugleich unterschätze er die Fähigkeiten von Experten oder erfahreneren Personen. Ich konnte innerlich nur ausdauernd nicken –  denn dass ist es doch genau, was da bei den Reitern abläuft.

 

Was bei Schachspielen, Autofahren und Reiten gleich ist
Reiter testeten die beiden Forscher nicht. Justin Kruger und David Dunning nahmen sich zum Beispiel das Schachspielen oder Autofahren vor. Sie fanden heraus, dass unwissende Leute mehr Selbstvertrauen hatten als erfahrenere, mit mehr Wissen ausgestattete Testpersonen. Die Unerfahrenen überschätzten sich, erkannten überlegene Fähigkeiten bei anderen nicht und auch nicht das Ausmaß ihrer eigenen Unwissenheit. Bei Reitern, so mein Eindruck, passiert das aber nicht nur den blutigen Anfängern. Wohl jeder, der unterrichtet, kennt Phasen seiner Reitschüler, in denen sie nicht abschätzen können, wie weit sie noch vom Ziel entfernt sind. Oder, im Gegensatz dazu, den tatsächlichen Meilenstein nicht wahrnehmen. Weil er vielleicht unbedeutend erscheint, aber so wichtig für alles weitere ist.

 

Diese Studie passt doch irgendwie sehr zum Reiten. Je mehr man lernt, desto mehr weiß man, was noch alles fehlt.

 

Deshalb mag ich dieses berühmte Sokrates-Zitat so:

Ich weiß, dass ich nichts weiß.

 

Denn das macht offen fürs ständige Weiterlernen, und das brauchen wir Reiter so sehr. Fast alle, fast immer wieder.

 

P.S.: In der sehr zu empfehlenden Ausgabe der Feinen Hilfen über so genannte Problempferde erzählen erfahrene Ausbilder von den Pferden, die sehr anspruchsvoll für sie waren. Darin schreibt zum Beispiel Bent Branderup, dass ein Leben eh‘ nicht reicht, um Reiten zu lernen. Solche Gedanken haben also auch Leute, die schon sehr viele Pferde und Ausbildungsstunden in  ihrem Leben auf dem Zettel haben (keine Werbung, sondern meine aufrichtige Meinung!).

Weshalb Pferde mit viel Qualität es schwerer haben

Ailena und Chamonix. Die beiden Stuten, die unterschiedlicher nicht sein können, doch beide unglaublich toll sind. Wären da bloß nur nicht meine Erwartungen!  Foto: Klara Freitag

 

 

Wir Reiter wollen das Beste fürs Pferd  – doch unterbewusst gibt es Erwartungen, die im Weg stehen können. Eine Analyse, bei der ich nicht so gut wegkomme. 

Seit einigen Monaten arbeite ich mit den zwei neuen Stuten. Einer Warmblutstute, Ailena, einer Reitponystute, Chamonix. Die eine von einer Freundin, die andere meine eigene. Vor einigen Wochen fiel mir auf, dass meine Beziehung zu beiden sehr unterschiedlich ist. Also habe ich mal analysiert – und musste mich danach selbst ganz schön korrigieren. 

 

Also, Fall 1, Warmblutstute, Springpferd, wenig dressurausgebildet, sehr unausbalanciert, sehr schief, sehr lang, wenig Muskeln. Hatte zuvor keine stetige Bezugsperson. Vom Geiste her anfangs der Typ Befehlsempfänger ohne eigenen Ideen. Immer sehr bemüht, alles recht zu machen.

 

So ging ich damit um:

Ich machte klitzekleine Schritte.

Ich lobte sehr häufig.

Ich setzte alle Aufgaben wie ein Baukastensystem extrem kleinschrittig zusammen, und hielt alles immer leicht und einfach.

Ich nahm mir Zeit, zu erkunden, was sie mochte.

Ich hatte immer im Hinterkopf: Sie kennt das alles anders. Mal sehen, was das werden kann.

Ohne irgendeine Erwartung.

 

Sie wurde immer eifriger, macht den Eindruck, stolz auf sich zu sein, sie ist weitaus ausbalancierter als zuvor und denkt inzwischen mit. Sie mag mich.

 

Es gibt Momente, da fühlt es sich schon ganz nett an. Foto: Klara Freitag

 

Fall 2, Reitponystute aus guten Händen, Jungpferdeprüfungen gegangen, dann Fohlenpause. Keine körperlichen Schwierigkeiten, viel Bewegung, locker, wenig schief, fröhlich, zugewandt. Ein wirklich gutes Dressurpony.

 

Das machte ich mit ihr:

Ich legte vor allem Wert darauf, sie wieder aufzutrainieren.

Nach zwei Jahren Pause hatte ich vor allem den Körper im Blick: Rücken- und Bauchmuskulatur wieder formen, deutlich abspecken lassen.

Ich wusste, die hatte es immer gut gehabt, und dieses Pony hat sehr viel Potential.

Ich erwartete mehr. Natürlich war ich fair zu ihr, wie zu allen Pferden: Ich lobte, ich wog ab, ich machte nicht zu viel auf einmal.

Im Hinterkopf jedoch war: Hoffentlich werde ich diesem Potential gerecht. Und: Ich möchte daraus ein Kinderpony machen, und zwar nicht erst in drei Jahren.

 

Meine Erwartung war: Durchaus da. Und nicht gerade gering.

Auch wenn ich mit mir selbst nicht ganz zufrieden bin: Ich bin echt stolz auf diese beiden! Das ist Chamonix mit Dana. Dana war schon Fees Reitbeteiligung. Fees Tod war natürlich auch für sie schlimm. Chamonix musste sie sich einmal ansehen – und dann wollte sie sie doch gern reiten! Und die beiden passen soooo toll zusammen!

 

Qualität verführt uns Menschen

Nach einigen Monaten nun gucke ich meine zwei Damen an. Und sehe, dass meine Erwartung, die ich natürlich eigentlich ja gar nicht haben will oder auf jeden Fall nicht so unterschiedlich haben will, einiges beeinflusst hat. Ich stelle fest, dass mein Pony lieber mit anderen schmust, als mit mir. Kein schönes Gefühl. Und ich stellte fest, dass die große Stute mitkommen möchte, wenn ich das Pony für die Arbeit reinhole, und zuguckt manchmal, wenn ich etwas mit dem Pony mache.  Die große Stute ist weitaus schlauer, als ich das anfangs dachte, beginnt immer mehr mitzudenken und Dinge von sich aus anzubieten. Auch das Pony hat sich positiv verändert, geht schöner als anfangs. Aber die Beziehung zur großen Stute ist eine engere als zum Pony. Das machte mich sehr nachdenklich. Und auch traurig.

 

Ich glaube, dass das ein Muster ist, was nicht nur ich habe. Viel Potential, gutes Pferdematerial verführt uns Menschen schnell, mehr zu erwarten. Es ist eine Verführung, die null Komma null gut für das Pferd oder für uns ist.

 

Zielorientiert oder Beziehungsorientiert?

Ich habe die Ponystute nie zu hart angepackt – aber ich habe das Vorankommen über die Beziehung gestellt. Ich war in erster Linie zielorientiert. Dabei wäre mir fast das Wichtigste abhanden gekommen, worum man ja ein eigenes Pferd hat: Vertrautheit, irgendwann.

 

Bei der großen Stute, die weder körperlich noch von ihrer Vergangenheit her vermuten lässt, dass mit ihr großes dressurtechnisch möglich ist, waren meine Erwartungen ganz klein. Genau das hat alles so leicht gemacht, so viel Freude geschenkt, weil jeder kleine Schritt eine Welt war. Diese Freude hat sie bemerkt und ist immer besser geworden.

 

Das Ganze habe ich vor einigen Wochen festgestellt und mir vorgenommen, dass mein Pony das nicht verdient hat. Es ist unfair, nur weil sie gut ist, nicht auch jede Kleinigkeit zu feiern.

Es ist okay, nicht herausragend zu sein

Schließlich gilt es ja nichts zu beweisen – wir haben alle Zeit der Welt, und wenn sie erst in einem Jahr oder so wirklich wieder optimal da steht, muskulär, dann ist das eben so. Und auch, wenn andere Leute dieses Pferd weitaus besser vorstellen oder reiten oder ausbilden könnten als ich – es ist meine, und darum geht es. Es ist okay, nicht herausragend zu sein. Es ist aber nicht okay, nicht das Beste zu wollen. Das beinhaltet übrigends, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und sich auch selbst immer weiter schulen zu lassen. Hungrig nach Wissen zu sein und zu bleiben!

 

Von da an habe ich mir mehr Zeit für sie genommen.

 

Mehr Zeit auf dem Paddock mit ihr, mehr Zeit zum Putzen, habe sie auch ohne Arbeit mal besucht und einfach versucht, meine Erwartungen komplett runter zu schrauben. Nicht einfach, weil so etwas ja nur zum Teil im Bewusstsein abläuft.

 

Sie zu prüfen, die unterbewussten Erwartungen sind der erste Schritt, um wirklich offen zu sein, glaube ich. Auch wenn sich das nicht schön anfühlt.

 

Mir ist dazu noch ein Gespräch von vor vielen Jahren eingefallen. Eine Ausbilderin erzählte mir, dass sie die Einheiten stets sehr kurz hält, seit sie mal mit einem Kaltblüter gearbeitet habe. Sie hielt dieses Pferd anfangs für wenig intelligent und mit wenig körperlichen Möglichkeiten ausgestattet. Deshalb hielt sie alle Einheiten kurz und zerlegte Neues in allerkleinste Minischritte. Um schnell zum Loben zu kommen, um einfach Erfolgserlebnisse zu produzieren. Diese Kaltblutstute wurde schließlich ihre Musterschülerin. Sie lernte schnell und weitaus mehr, als die Ausbilderin je zu hoffen gewagt hatte.

 

So kleinschrittig wie möglich, und ohne Erwartungen. Mein neuer Vorsatz.