WFFS – Hengsthalter bestätigt Gendefekt

So sehen Mut und Transparenz aus: Die erste Hengststation lässt all ihre Hengste auf die Genkrankheit WFFS untersuchen und veröffentlicht, dass sie einen Träger-Hengst besitzt.

Bei WFFS reißt die Haut durch normale Berührungen. Nur wenn die Anlage für WFFS von beiden Elterntieren weitergegeben wird, erkrankt das Fohlen. Solche Fohlen müssen eingeschläfert werden. Bisher wird die Krankheit todgeschwiegen – daher ist diese Veröffentlichung ein großer Fortschritt, der zeigt, wie verantwortungsvolle Anpaarungen in Zukunft möglich sein können.

WFFS, warmblod fragile foal syndrom, ist in der Warmblutpopulation nicht selten genetisch angelegt – Studien gehen davon aus, dass 6 bis 11 Prozent aller Warmblüter selbst Träger für diese Krankheit sind. Das bedeutet sie sind augenscheinlich gesund, können die Veranlagung aber weitergeben. 

Hengsthalter erzählt von WFFS-Träger

Hilltop Farms in den USA hat nun seine Warmbluthengste – aller europäischer, deutscher und niederländischer Abstammung – durchtesten lassen. Das ist unglaublich mutig und zukunftsorientiert, denn bisher gilt WFFS als die dunkle Krankheit, über die niemand spricht. In Deutschland ist Hilltop Farms wahrscheinlich den meisten durch den imposanten Schimmelhengst Comic Hilltop FRH ein Begriff, der jahrelang auf internationalen Turnierplätzen unter diesem Namen zu sehen war. Zur Zeit ist Comic über das Landgestüt NRW zu beziehen. Achtung, bitte differenzieren: Dieser Hengst hat mit der WFFS-Debatte nichts zu tun, außer, dass er das hierzulande bekannteste Pferd der Hilltop Farms ist.

Die Krankheit tritt auf, wenn Mutter und Vater augenscheinlich gesund sind, aber beide WFFS-Trägertiere sind. Geben sie beide die WFFS-Veranlagung mit, erkrankt das Fohlen. Neben der schnell reißenden Haut ist ein weiteres Symptom, dass die Fohlen meistens nicht aufstehen. Es gibt keine Heilung, WFFS-Fohlen müssen eingeschläfert werden. Meist kommt es aber gar nicht zur Geburt eines voll entwickelten WFFS-Fohlens: Die meisten der WFFS-Fohlen gehen, so vermutet die Wissenschaft aktuell, zuvor im embryonalen Stadium ab und werden daher als Abort gezählt, als verfohlt oder nicht tragend geblieben. Daher ist die Dunkelziffer vermutlich hoch.

Aufklärung für Züchter

Auf Anfrage einer Stutenbesitzerin ließ Hilltop Farms alle Hengste testen und veröffentlichte die Ergebnisse. Die Stutenbesitzerin hatte zuvor ein WFFS-Fohlen von einem Hengst erhalten, den die Station mit vermarktet. Wohlgemerkt ließ Hilltop Farms nur die eigenen Hengste, nicht diejenigen, die über sie vermarktet werden, testen. Das Testergebnis des Hengstes, von dem das WFFS-Fohlen geboren wurde, ist nicht auf der Seite veröffentlicht.

SOLIMAN DE HUS X RASCALINO

Veröffentlicht hat Hilltop Farms jedoch das positive Testergebnis eines eigenen Hengstes: Sternlicht von Soliman de Hus x Rascalino sei WFFS-Träger, schreiben sie. Also ein Hengst mit einer auch in Deutschland gängigen Abstammung. Sternlicht ist ein moderner Rappe mit Blesse, acht Jahre alt, auf St-Georges-Niveau in den USA startend. Bisher habe es keinen WFFS-Fall mit dem Hengst gegeben (der statistisch gesehen zu 25% bei einer Verpaarung an eine WFFS-Trägerin auftritt), berichtet die Station.

Hilltop Farms nimmt Sternlicht für diese Saison aus der Besamung heraus, um Zeit für Aufklärung der Züchter zu gewinnen. Denn wird er an trägerfreie Stuten angepaart, sind ausschließlich gesunde Fohlen zu erwarten. Sie schreiben auf ihrer Homepage:

„Wir hoffen, dass wir durch unsere Veröffentlichung dazu beitragen können, wie ein Katalysator für die Pferdeszene wirken zu können und sie dadurch voran zu bringen.“

Diese Entscheidung löst in den USA eine Welle aus – auch die nordamerikanische Vertretung des KWPN hat ein Statement über ihre facebookseite abgegeben (HIER in voller Länge zu lesen). Ein Auszug daraus:

Der KWPN Nordamerika ist sich bewusst, dass viele Mitglieder besorgt sind aufgrund des Gendefekts (WFFS), und wir untersuchen und diskutieren nun die beste Strategie, die Gesundheit und das Wohl unserer Pferde zu sichern und zudem unseren Züchtern dabei zur Seite zu stehen, gute Zuchtentscheidungen zu treffen um die besten und gesündesten Pferde zuzüchten. Unser Büro steht in engem Kontakt mit dem KWPN Hauptsitz in den Niederlanden, die ebenso weiterihin die Situation beobachten. Wir werden jedes weitere Wissen mit unseren Mitgliedern über die Website, E-Mail-Newsletter und die Sozialen Medien teilen.

Gendefekt-Träger

 

Es ist ein ganz großer Schritt nach vorne, dass endlich ein Hengsthalter den Mut hat, von der Krankheit zu sprechen und Ergebnisse zu veröffentlichen.

„Die einen haben Gewissen, die anderen nicht“

so formulierte es eine Schweizer Züchterin, die sich bei mir meldete, weil sie ebenfalls unwissentlich einen WFFS-Fall produziert hatte und erlebte, wie der betreffende Hengst auch danach ohne Warnung an Züchter weitervermarktet wurde. In Deutschland wird das Thema bisher genauso verschwiegen – wie ich am eigenen Leib erfahren konnte, als meine Stute ein WFFS-Fohlen bekam.

Aufklärung ist für alle Züchter so wichtig, ein Test auf den Gendefekt kostet 100 Euro, er kann per Blut oder Sperma durchgeführt werden. Mehr über mein WFFS-Fohlen (Abstammung der WFFS-postiven Mutter: Landadel x Sinatra) und eine Linksammlung zu aktuellen Forschungsergebnissen kann man hier lesen. Den Hengsthalter des Hengstes, mit dem ich dieses Fohlen gezogen habe, habe ich abermals aufgefordert, öffentlich zu machen, dass der Hengst den Gendefekt vererben kann. Ich hoffe, die Vorreiterrolle in den USA durch die Hilltop Farms hat einen Effekt auf die Hengsthalter hierzulande, zukunftsorientiert und korrekt zu handeln. Gesetzlich sind auch sie dem Tierschutzgesetz verplichtet.

 

Das Tierschutzgesetz einhalten

Denn Züchter und Hengsthalter haben eine ethische Verpflichtung, kein Tierleid zu produzieren. Das ist  im Tierschutzgesetz § 11b 1. und 2. festgehalten. Wissentlich Nachzucht zu produzieren, die WFFS erkrankt sein könnte, demnach todgeweiht, ist nicht mit dem Tierschutzgesetz kompatibel. Wer vom Befund weiß, diesen aber öffentlich nicht seinen Züchtern mitteilt, nimmt weitere WFFS-Fälle in Kauf. Und handelt so gegen das Gesetz.

 

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