Fee geht in Rente und ich gebe das Reiten auf.

 

Alizée Froment auf Sultan, genannt Mr. Su. Das hier war die Generalprobe von ihrer Show in Herning, Dänemark. Foto: Klara Freitag

Alizée Froment auf Sultan, genannt Mr. Su. Das hier bei uns in der Reithalle war die Generalprobe von ihrer Show in Herning, Dänemark. Foto: Klara Freitag

 

Oder, weniger dramatisch formuliert: Warum es gut für das eigene Reiten ist, die Komfortzone zu verlassen. Denn heute geht es nicht um feine Gedanken. Sondern um puren Schweiß. Weil der manchmal weitaus hilfreicher ist, als jeder gnädige Gedanke.

 

Uuups! Schweiß und Durchhalteparolen?

 

Ja. Weil ich erst letztens wieder gesehen habe, wie gut das tut. Weil es vielleicht genau das Hebelchen ist, das vielen Freizeitreitern fehlt – mich eingeschlossen.

 

Das kam so:

Meine Freundin Philippa und ich haben einen Reitkurs mit Alizée Froment organisiert. Das ist die Reiterin, die auf vielen Shows in ganz Europa als Hauptact eingeladen wird, etwa auf der Equitana, und dort auf Halsring Galopp-Pirouetten dreht oder piaffiert. Bekannt wurde sie über’s Internet, als sie ein youtube-Video online stellte, das sie mit ihrem Pferd Mistral in Grand-Prix-Lektionen am Halsring zeigte. Damals war sie schon jahrelang die Trainerin der französischen Dressur-Pony-Nationalmannschaft und ritt im Turniersport bis Grand-Prix international. Ich wollte unbedingt wissen, wie ihre Grundlagenarbeit für diese Sachen aussieht. Denn Alizées Pferde gehen selbst am Halsring in einer guten Haltung und über den Rücken. Da fällt nichts auseinander, wie man das so oft sieht, sobald das Kopfstück fehlt. Im Herbst fuhr ich mit dem Team von pferdia tv zu Alizée Froment nach Hause, nach Südfrankreich, und wir filmten ihr Ausbildungssystem. Diesen Film wird es ganz bald zu kaufen geben. Und dort im Süden vereinbarten wir, dass Alizée Froment bei uns in Aachen einen Dressur-Kurs geben wird.

Blumen

In der Mittagspause bei uns auf dem Zirbelhof. Ganz links mit den roten Haaren Philippa, ganz rechts Alizée, die mit Mütze bin ich. Alle Fotos: Klara Freitag.

In der Mittagspause bei uns auf dem Zirbelhof. Ganz links mit den roten Haaren Philippa, ganz rechts Alizée, die mit Mütze bin ich. Alle Fotos: Klara Freitag.

 

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Alizée mit Mistral bei uns auf dem Reitkurs. Foto: Thomas Rubel

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Und mit Sultan in der Freiarbeit. Foto: Thomas Rubel

 

Jetzt im März war es soweit. Es war wunderschön, es kamen vom Therapie-Pony über den Arabo-Friesen bis zum S-Dressur-Reitpony ganz viele verschiedene Pferdetypen mit ihren Menschen, und Alizée Froment zeigte, wie sie sich die Basis-Gymnastizierung von Reitpferden vorstellte: Weg vom inneren Zügel, über den Rücken, vors Bein, viel Schenkelweichen. Jedes Pferd im Kurs bewegte sich am Ende seiner Einheit mehr durch den Körper als zuvor. Ich selbst bin allerdings nur ein Mal geritten, weil ich eine Grippe hatte. Eine richtig fiese. Mein Gefühl nach dem Kurs war: Ein System noch besser verstanden zu haben.

Eine Woche später sah ich mein Reitvideo dazu.

Es war alles andere als berauschend. Nicht aufgrund ihres Unterrichts – sondern weil mir selbst viele Basics flöten gegangen sind. Ich habe hier an dieser Stelle schon viel über das Gnädig-mit-sich-selbst-sein geschrieben, und darüber, dass man eben als Amateur so viele Baustellen im Leben hat, dass man kaum von sich verlangen kann, auch noch im Reiten exzellent zu sein.

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Die Bilder stammen aus der Reitsequenz, die auf dem Video wirklich furchtbar war. Beim zweiten Kurs wollte ich keine Fotos mehr - weil ich dachte: wird ja eh nur Mist. Wie man sich täuschen kann! Foto: Klara Freitag

Die Bilder stammen aus der Reitsequenz, die auf dem Video wirklich furchtbar war. Beim zweiten Kurs wollte ich keine Fotos mehr – weil ich dachte: wird ja eh nur Mist. Wie man sich täuschen kann! Foto: Klara Freitag

 

Tatsächlich jedoch habe ich nach diesem Video länger überlegt, ob ich das Pferd in Rente schicke. Ob das mit dem Reiten überhaupt noch Sinn macht. Ich habe einen Trainerschein, ich schreibe stets über die besten Reiter, die wir in Deutschland und Europa haben. Ich weiß schon, wie es aussehen müsste – und um so bitterer ist es, zu sehen, wie weit das theoretische Wissen vom praktischen Können divergiert. Ich überlegte also, was ich tun müsste, um besser zu werden. Schon zuvor stand fest: der nächste Kurs ist zwei Wochen später, wieder mit Alizée, dieses Mal in Belgien. Sollte ich das absagen? Den Platz jemandem geben, der es besser konnte, und diesen Top-Unterricht auch besser umsetzen konnte?

Nein, entschied ich, ich werde nicht kneifen. Ich habe mich vor dem Kurs mit meiner eigenen Unfähigkeit ausgesöhnt. Gedacht: Du kannst es eben nur so. Du versuchst einfach so viel wie möglich umzusetzen. Mache, was möglich ist.

Foto: Thomas Rubel

Ich als TT für Sultan! Foto: Thomas Rubel

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Alizée fand Philippas Dyri so süß, dass sie sich ein Selfie mit ihm wünschte. Weil er aussähe wie das Mammut aus Ice Age :o)).

 

Tja, und dann kam die Überraschung. Ich ächtze, ich schwitzte, ich war rot im Gesicht, ich schnaufte. Dennoch sollten wir immer wieder im Schenkelweichen durch die Bahn, im Schritt, im Trab, im Galopp, zwischendurch Schultervor, immer wieder auf 10-Meter-Volten, daraus hinaus in den Mitteltrab, Mittelgalopp, und wieder zurücknehmen. Ich merkte, das ist nicht toll, was Du da reiterlich hinlegst – und strich den Gedanken sofort wieder. Weil: machen statt denken.

Nach den ersten 20 Minuten Unterricht saß ich strahlend auf dem Pferd. Ächzend, schwitzend, aber strahlend! Zuhause hätte ich längst aufgehört, hätte gedacht: frag dieses oder jenes noch einmal ab, und wenn sie das ordentlich macht, hörst Du auf. Weil: Du blockierst ja das Pferd, das arme, und so reitest Du Dir nur Fehler selbst heran. Stattdessen spürte ich auf einmal, wie mein Pferd herantrat.

Es tat sich etwas. Je mehr ich durchhielt ohne zu zaudern, desto mehr klappte. Ganz langsam, aber so, dass ich es spüren konnte. Letztlich sind wir an diesem Tag bei Lektionen angekommen, die für mich vor Jahren selbstverständlich waren, und die es heute nicht mehr sind.

 

Abends schon sah ich das Reitvideo dazu. Oh Wunder, damit konnte ich ganz gut leben! Es gab immer noch etliche Fehler, aber dieses Video war um Welten besser als das erste.

 

Was ich daraus gelernt habe? Weitermachen. Ich glaube, als Freizeitreiter, der oft alleine vor sich hinreitet, geht man oft nicht weit genug. Oh, ich störe das Pferd? Sein lassen. Oh, ich sitze falsch, das kann Pferdchen ja gar nicht besser machen? Dann lieber wegstellen. Er ist heute nicht so frisch! Dann lieber nur ein bisschen was tun.

Falsch.

Das sind alles Gedanken pro-Pferd, die aber vielleicht gar nicht so pro-Pferd sind, wie ihre Intention. Denn klar gewinnt mein Pferd, wenn es gut gymnastiziert wird.

Genau dafür muss ich als Reiter manchmal einfach eine Schippe drauf legen.

 

10 Kommentare

  1. Wirklich toller,schön geschriebener und bezaubernder Beitrag,der mich sehr motiviert hat!!!!

  2. Na ..das hast du sehr schön beschrieben…
    Wenn ich dich richtig verstanden habe….
    Jedes Pferd sollte durchgymnastiziert werden …ist ja bei uns Menschen auch nicht anders …..klar ist …auch bei uns Menschen ist es manchmal etwas schmerzhaft
    Ja zu einem vom Alter her ..ich bin 50jahre und wenn ich mich nicht an meinem Training für mich selber halte ..dann muß auch ich gestehen.das ich nach 2wochen auch ein zwicken .zwacken in den Faszien spüre und ich lieber mich dann nicht so viel dehnen möchte Fataler Fehler….
    Bei zu wenig Dehnung..Durchgymnastiziert…werden Faszien schmerzen immer schlimmer .. Bänder .Sehnen .Muskeln verkürzen sich und schon hab ich ganz dolle Schmerzen …
    Dann sag muß ich sagen ..hast gut gemacht ..kein gutes Training gemacht..kein durchgymnastiziert..also schmerzen
    Also trainiere ich mein Bewegungsapperat wieder .viel Gymnastik mit Dehnung…immer den Schmerz kurz aushalten und mit der Zeit bin ich wieder voll beweglich und dehnbar .hab keine Schmerzen mehr .kann wieder locker .aufrecht .menschen gesund laufen …ist das nicht toll
    Noch besser meine Ärzte verdienen an mir kein Geld mehr….
    Mit dabei eine gesunde Ernährung und schon geht es mir deutlich wohler ……..
    Verhält es sich nicht bei unseren Pferden ähnlich …

    Die Frage für uns .wie können wir unsere Pferde gesund gymnastizieren Mit gesunder Ernährung zum .kraftvollen Ausdruck…Losgelassen im Schwung mit Austrahlung zum freudigen mitarbeiten ermutigen ???????

    Ich denke .mit viel Pferdewissen
    Ich denke mit viel Menschlichkeit
    Ich denke mit richtigen Trainer
    Ich denke ………………….

    Ein alter Mann hatte mir vor 30jahren mal gesagt ::::::du mußt einfach nur denken wie ein Pferd :::::::::::

    Deine Einstellung finde ich wirklich gut ..
    Wenn ich dich richtig verstanden habe…
    Wünsche dir.das du viele Pferdfreunde..auf einen gesunden Weg begleiten darfst …..
    Alles im Leben hat seinen Sinn und jede Erfahrung bringt uns weiter …..

    Lg Birgit

  3. Hallo Sigrid, Dankeschön für Deine Zeilen – sie haben mich sehr gefreut! Jeannette

  4. Hallo Birgit, wow, dankschön für Deinen großen Kommentar! Ja – denken wie ein Pferd – ist für mich genauso wie Reiten lernen eine Lebensaufgabe. :o). Viele Grüße von Jeannette

  5. Liebe Alisha, grins!!! Das freut mich sehr – Dankeschön!!! Jeannette

  6. Genau die richtige Einstellung! Meine beiden Stuten sind 30 und 25 Jahre alt und wir gehen möglichst täglich ins Gelände, dort dümpeln wir nicht nur so dahin, sondern reiten Lektionen, Übergänge, viel in Stellung und dosieren die Anspannung mit Entspannung! Die Mädels sind fit wie mit 10 und ich mit meinen 61 Jahren hänge noch so manchen 20-Jährigen ab Ich wünsche mir noch viele schöne Jahre mit meinen Pferden, Reitschülern und Euch Allen auch!

  7. Liebe Renate Scharnberg, wow, 30 und 25, wie schön! Im Wald dressurmäßig zu reiten ist auch etwas feines, ich habe dazu schon einen Text auf dem Laptop, den ich dieser Tage online stelle. Weil: da kann man auch die ein oder andere (schöne!) Überraschung erleben! Viele Grüße und alles Gute für die beiden Stuten, Jeannette

  8. Liebe Jean!
    Ich befinde mich auch gerade in der Phase, wo ich immer wieder unentschlossen bin, was gerade gut und richtig für mein Pferd und mich ist. Fu ist jetzt 6 Jahre alt und immer wieder habe ich genau diese Gedanken, die Du ausgesprochen hast.

    „Ach, das war ja ganz schön bis jetzt, ich höre mal auf“
    „Oh, heute ist er nicht so locker, da mache ich mal ein bisschen Wellness-Reiten“ usw.

    Aber genau aus dieser Komfortzone muss man immer wieder raus, das hat mir auch meine neue Trainerin jetzt gesagt! Gerade bei jungen oder älteren Pferden ist man immer wieder unsicher und will nicht zuviel, aber oft ist es viel zu wenig…

    Ich habe Deinen Blog gelesen und war so einer Meinung mit Dir! Vielen Dank für Deine Zeilen und die Bestärkung, dass man manchmal erst durch ein tiefes Tal muss, um den Gipfel zu erreichen.

    Man macht sich leider nur immer wieder zuviele Gedanken über
    „Wie sieht das gerade aus?“
    „Was denken gerade die anderen an der Bande, wenn man das Pferd noch nicht perfekt aussitzen kann?“ usw.

    Sich von diesen Gedanken frei zu machen, ist oft das Schwerste;-)

    Liebe Grüße und nochmals DANKE
    Gabi

  9. Liebe Gabi,
    danke für Deine Zeilen! Ja, wenn der innerliche Dialog beim Reiten aufhören würde, permanent, das hätte schon was! Ist überhaupt nicht leicht, sehe ich auch so. Gerade, wenn man ein Kopfmensch ist, der viel hin – und herüberlegt, fällt das schwer. Eine Eigenschaft, die ja auch sehr sehr gute Seiten hat, auch für’s Pferd. Denn: Zu schnell zufrieden und Wischiwaschi geurteilt – das passiert solchen Menschentypen eher nicht! Alles Gute für Dich und Deinen Fu! Jeannette

    P.S: ich muss mal dieses „Jean“ in „Jeannette“ ändern, weiß nicht mehr, wie ich es eingestellt habe.